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Har & Motivation Podcast

Petru & Adriana – mehr als Handmade.

Eine Familiengeschichte, verwandelt in Kunst.

Wir sind Petru und Adriana – eine Familie, die entdeckt hat, dass wahre Schönheit keine Eile kennt und dass jedes handgefertigte StĂŒck einen Teil von uns in sich trĂ€gt. Wir sind keine Fabrik und arbeiten nicht am Fließband. Wir sind zwei einfache Menschen mit dem ehrlichen Wunsch, schöne, langlebige und sinnvolle Dinge zu erschaffen.

So entstand Petru & Adriana – mehr als Handmade : aus Leidenschaft, aus Neugier und aus dem Wunsch, die Ideen der Menschen in reale, personalisierte Objekte zu verwandeln – mit Zeit, Sorgfalt und voller Aufmerksamkeit gefertigt.

Wir gestalten Tische und Dekorationen aus Epoxidharz , elegante Badezimmersets, Lasergravuren auf Holz und Plexiglas sowie Druck- und Sublimationsarbeiten fĂŒr Thermobecher, Tassen, T-Shirts, Kappen und Textilprodukte aus Polyester.

Jedes einzelne WerkstĂŒck geht durch unsere HĂ€nde und wird mit Liebe zum Detail vollendet, damit das, was bei dir ankommt, nicht nur schön aussieht, sondern auch nĂŒtzlich, langlebig und persönlich ist – passend zu deiner Geschichte.

Wir sind ein Team:
er, mit Technik, PrÀzision und Konstruktion,
sie, mit Ideen, Farben und einem Auge fĂŒrs Detail,
und unsere Kinder – Inspiration, UnterstĂŒtzung und Freude in jedem Projekt.

Wir glauben an gut gemachte Dinge, an QualitĂ€t, die man spĂŒrt, wenn man ein Objekt berĂŒhrt, an Geschenke, die ohne Worte sprechen, und an authentisches Handmade, das nicht kopiert, sondern erschafft.

Petru și Adriana

Unsere Dienstleistungen

Alles, was wir machen, entsteht in Handarbeit – mit Zeit, Sorgfalt und viel Liebe zum Detail. WĂ€hle den Bereich, der dich anspricht, und schreib uns: Wir gestalten dein WunschstĂŒck individuell.

Tische aus Epoxidharz

Wir fertigen einzigartige Tische aus Naturholz in Kombination mit transparentem oder farbigem Epoxidharz. Jedes StĂŒck wird stabil, langlebig und passend zu deinem Stil umgesetzt – ein echtes Unikat fĂŒr dein Zuhause.

Lasergravur

Wir gravieren auf Holz, Plexiglas und passenden Materialien: PortrĂ€ts, Bibelverse, Namen, Zeichnungen, Logos oder personalisierte Geschenke. Saubere Linien, feine Details und ein elegantes Ergebnis – auf Wunsch auch mit LED-Beleuchtung.

Dekorationen aus Epoxidharz

Wir gestalten handgegossene Dekorationen aus Epoxidharz: Badezimmersets (Seifenspender, Becher, Ablagen, Seifenschalen), Schilder, Herzen, Halterungen und viele weitere personalisierte StĂŒcke. Farben, Stil und Details passen wir gerne an deine WĂŒnsche an.

Druck & Sublimation

Wir personalisieren Thermobecher, Magnete, Tassen, T-Shirts, Hoodies, Kappen und weitere Textilien. Sublimation eignet sich besonders fĂŒr Polyester oder speziell beschichtete OberflĂ€chen – mit klaren Motiven und langlebigen Farben. Ideal fĂŒr Geschenke, Events und personalisierte Produkte.

Galerie

WÀhle eine Kategorie oder sieh dir alle Produkte an. Die Bilder sind Beispiele; die Produkte können nach Farben, Text, Abmessungen und Budget angepasst werden.

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Har & Motivație Podcast

In unserem Podcast Har & Motivation | Petru & Adriana Podcast teilen wir Gedanken, Zeugnisse, Lebenserfahrungen, Glauben und Motivation. Es ist ein Ort, an dem wir offen, ehrlich und von Herzen sprechen – fĂŒr alle, die das BedĂŒrfnis haben, ein gutes Wort, Ermutigung oder einen Moment der Ruhe zu hören.

Episode 38 ✹ WER HAT DIR GESAGT, DASS DU NACKT BIST?

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

WER HAT DIR GESAGT, DASS DU NACKT BIST?

EINLEITUNG

Der Garten Eden war der Ort gewesen, an dem der Mensch die Stimme Gottes kannte, ohne sich vor ihr zu fĂŒrchten. Adam und Eva lebten vor ihrem Schöpfer ohne Mauern, ohne Verstecke und ohne die Scham, so gesehen zu werden, wie sie waren. Die Heilige Schrift beendet das zweite Kapitel der Genesis mit einem Bild, das fĂŒr den Menschen von heute beinahe unvorstellbar erscheint: „Sie waren aber beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schĂ€mten sich nicht.“ — 1. Mose 2,25

Dann kommt die SĂŒnde, und innerhalb nur weniger Verse verĂ€ndert sich alles.

Die Schlange hatte Eva gesagt, dass ihnen die Augen geöffnet wĂŒrden, wenn sie von dem Baum essen wĂŒrden. Sie aßen, und die Schrift sagt tatsĂ€chlich, dass ihnen die Augen geöffnet wurden. Doch was sie entdeckten, hatte nichts mit dem zu tun, was ihnen versprochen worden war. Ihr erster Blick fiel nicht auf eine Herrlichkeit, die sie gerade gewonnen hĂ€tten, sondern auf eine Nacktheit, die sie bis dahin niemals mit Scham betrachtet hatten. Sie nĂ€hten FeigenblĂ€tter zusammen und versuchten, sich zu bedecken. Und als sie die Stimme Gottes im Garten hörten, versteckten sie sich zwischen den BĂ€umen.

Dann erklingt die Frage Gottes: „Wo bist du?“

Adam antwortet, dass er sich gefĂŒrchtet und versteckt habe, weil er nackt sei. Darauf stellt Gott ihm eine weitere Frage, ĂŒber die wir beim Lesen der Geschichte vom SĂŒndenfall sehr schnell hinweggehen können: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?“

Adam war auch einen Tag zuvor nackt gewesen. Seine Nacktheit war nichts Neues. VerĂ€ndert hatte sich der Mensch, der seine Nacktheit nun mit anderen Augen betrachtete. Die SĂŒnde hatte Schuld gebracht, die Scham ließ ihn nach einer Bedeckung suchen, und die Angst trieb ihn dazu, vor dem Gott zu fliehen, in dessen Gegenwart er bis dahin keinen Grund gehabt hatte, sich zu verstecken.

Und doch ist das Bild, das mich in dieser Geschichte am meisten bewegt, nicht Adam, der sich zwischen den BĂ€umen des Gartens versteckt, sondern Gott, der kommt, um ihn zu suchen. Der Mensch war gefallen, der Mensch hatte sich versteckt, der Mensch hatte sich selbst eine Bedeckung aus BlĂ€ttern gemacht – aber die Stimme, die durch den Garten ruft, gehört Gott: „Wo bist du?“

Wenn wir aufmerksam betrachten, was danach geschieht, entdecken wir, dass diese Frage einen roten Faden eröffnet, der sich durch die gesamte Heilige Schrift zieht. In demselben Garten, in dem der Mensch vor Gott flieht, spricht Gott von dem Einen, der der Schlange den Kopf zertreten wird. Und danach nimmt Er die Nacktheit, die der Mensch selbst zu bedecken versucht hatte, und macht ihm selbst ein Gewand.

Genau hier möchten wir heute beginnen: bei dem Menschen, der sich versteckte, und bei dem Gott, der kam, um ihn zu suchen. Denn wenn wir diesen roten Faden von Eden bis zu Christus verfolgen, gelangen wir unausweichlich zu einer der wichtigsten Fragen unseres Glaubens: Wenn die Erlösung mit dem Wirken Gottes beginnt, wenn Er derjenige ist, der den gefallenen Menschen sucht, ruft, bedeckt und ihm Leben schenkt – was geschieht dann mit diesem Werk, wenn der gerettete Mensch fĂ€llt? Wie viel unserer Erlösung hĂ€ngt von der Kraft ab, mit der wir uns an Gott festhalten, und wie viel von der Kraft, mit der Gott uns festhĂ€lt?

1. DER MENSCH, DER SICH VERSTECKT, UND DER GOTT, DER IHN SUCHT

Wenn wir die ersten Verse von 1. Mose 3 aufmerksam lesen, erkennen wir, dass die Schlange Eva nicht nur Erkenntnis verspricht. Sie stellt ihr den Ungehorsam als Gewinn dar: „Eure Augen werden aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ — 1. Mose 3,5. Nur wenige Verse spĂ€ter verwendet die Schrift beinahe dieselben Worte: „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan.“ — 1. Mose 3,7.

Ihre Augen wurden geöffnet, so wie die Schlange gesagt hatte. Doch was sie sahen, war nicht die Erhöhung, die sie erwartet hatten. Sie blickten auf sich selbst und erkannten, dass sie nackt waren. Die Nacktheit hatte bereits vorher existiert, doch vor der SĂŒnde war sie nicht von Scham begleitet gewesen. Nun verspĂŒrte der Mensch zum ersten Mal das BedĂŒrfnis, etwas von sich selbst zu verbergen.

Hier mĂŒssen wir zwischen Schuld und Scham unterscheiden. Schuld betrifft das, was wir getan haben, und sagt uns, dass wir gegen das verstoßen haben, was richtig war. Adam und Eva waren schuldig, weil sie das Gebot ĂŒbertreten hatten, das Gott ihnen gegeben hatte. Scham geht jedoch tiefer in die Art hinein, wie der Mensch beginnt, sich selbst zu betrachten. Plötzlich beginnt er, das zu verbergen, was zuvor offen sein konnte, und der Mensch, der zur Gemeinschaft geschaffen worden war, beginnt Barrieren aufzubauen.

Deshalb ist ihre erste Handlung nach der SĂŒnde so vielsagend: „Sie flochten FeigenblĂ€tter zusammen und machten sich Schurze.“ — 1. Mose 3,7. Noch bevor Gott etwas zu ihnen sagt, noch bevor das Gericht ausgesprochen wird, versuchen sie bereits selbst zu lösen, was die SĂŒnde in ihnen verursacht hatte.

Dann hören sie die Stimme Gottes, des HERRN, im Garten, und etwas Weiteres erscheint: die Angst. Adam bekennt: „Ich hörte dich im Garten und fĂŒrchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.“ — 1. Mose 3,10.

Schuld, Scham und Angst begegnen sich nun in demselben Menschen. Die SĂŒnde machte ihn schuldig, die Scham brachte ihn dazu, sich zu bedecken, und die Angst ließ ihn sich verstecken. Gerade hier sehen wir, wie tief der Bruch ist, den die SĂŒnde verursacht hat: Der Mensch, der geschaffen wurde, um in der Gegenwart Gottes zu leben, hört nun Seine Stimme und sucht einen Ort, an dem er nicht gefunden wird.

Aber Gott sucht ihn.

„Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?“ — 1. Mose 3,9.

Gott wusste, wo Adam war. Die Frage entstand nicht aus einem Mangel an Wissen. Sie war der Ruf an einen Menschen, der sich versteckt hatte und aus seinem Versteck herauskommen musste, um der Wahrheit darĂŒber zu begegnen, was er getan hatte und in welchen Zustand er geraten war.

Nach Adams Antwort folgt die Frage, die auch uns zum Nachdenken gebracht hat: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?“ — 1. Mose 3,11.

Der Text fĂ€hrt unmittelbar fort: „Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“ Gott verbindet damit das neue Bewusstsein der Nacktheit mit dem Ungehorsam, der gerade geschehen war. Etwas hatte sich im Menschen verĂ€ndert, und die BlĂ€tter, die er um seinen Körper gelegt hatte, konnten diese VerĂ€nderung nicht rĂŒckgĂ€ngig machen.

Und hier möchten wir die Frage Gottes auch ĂŒber Adams Augenblick hinaus betrachten, ohne so zu tun, als wĂŒrden wir Gott andere Worte in den Mund legen. FĂŒr den Menschen, der sich heute wegen seiner eigenen SĂŒnde versteckt, kann diese Frage zu einem erschĂŒtternden Bild werden: Wer hat dir gesagt, dass das, was du getan hast, zu groß fĂŒr Gott ist? Wer hat dir gesagt, dass du so weit gegangen bist, dass Seine Gnade dich nicht mehr erreichen kann und dir nur noch bleibt, dich zu verstecken?

Adam wusste noch nicht, was Gott tun wĂŒrde. Er hatte seine BlĂ€tter, seine Angst und den Ort, an dem er sich zu verstecken versucht hatte. Aber Gott war bereits gekommen, um ihn zu suchen.

Und bevor der Mensch selbst einen Weg zurĂŒck finden konnte, wĂŒrde Gott ihm zeigen, dass die Lösung fĂŒr das, was in Eden geschehen war, nicht aus den BlĂ€ttern kommen wĂŒrde, die MenschenhĂ€nde zusammengenĂ€ht hatten.

2. DIE BLÄTTER DES MENSCHEN, DIE VERHEISSUNG UND DAS GEWAND GOTTES

Die FeigenblĂ€tter zeigen uns den ersten Versuch des Menschen, die Folgen seiner SĂŒnde selbst zu lösen. Adam und Eva sehen, dass sie nackt sind, verstehen, dass sich etwas verĂ€ndert hat, und suchen sofort nach einer Lösung. Sie fertigen sich eine Bedeckung an, doch was sie mit ihren eigenen HĂ€nden tun können, kann nicht wiederherstellen, was durch den Ungehorsam zerbrochen wurde. Die BlĂ€tter konnten ihre Körper bedecken, aber sie konnten die Schuld nicht entfernen, die Scham nicht heilen und sie nicht in den Zustand zurĂŒckbringen, in dem sie zuvor vor Gott gelebt hatten.

Mitten in diesem Fall erscheint jedoch eine der wichtigsten Verheißungen der Schrift. Gott sagt zur Schlange: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ — 1. Mose 3,15.

Der Mensch war gerade erst gefallen, und Gott sprach bereits vom Sieg. In der christlichen Theologie wurde dieser Vers oft als Protoevangelium, als erste VerkĂŒndigung des Evangeliums, bezeichnet, weil wir im Samen der Frau die erste VorankĂŒndigung dessen erkennen, der kommen und die Schlange besiegen wĂŒrde. Adam und Eva konnten damals noch nicht die ganze Entfaltung dieser Verheißung sehen. Wir aber können, im Licht des Neuen Testaments zurĂŒckblickend, diesen roten Faden bis zu Christus verfolgen.

Dabei ist die Reihenfolge wichtig. Der Mensch tritt nicht mit einer Lösung fĂŒr seine SĂŒnde vor Gott. Er prĂ€sentiert Ihm keine Tat, mit der er reparieren könnte, was er getan hat, und bietet Ihm nichts an, wodurch er Wiederherstellung verdienen könnte. Er steht schuldig, beschĂ€mt und verborgen vor Gott, und die Initiative bleibt bei Gott.

Gegen Ende des Kapitels lesen wir: „Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ — 1. Mose 3,21.

Nur wenige Verse zuvor hatten Adam und Eva sich selbst Bedeckungen gemacht. Nun ist Gott derjenige, der sie bekleidet. Der Gegensatz ist kaum zu ĂŒbersehen: Der Mensch hatte seine BlĂ€tter gemacht, Gott gibt ihm eine andere Bedeckung.

Der Text sagt uns nicht ausdrĂŒcklich, dass Gott hier das erste Opfer eingesetzt hat, und beschreibt auch nicht die Opferung eines Tieres. Dennoch bestehen die GewĂ€nder aus Fell, und Fell setzt den Tod eines Tieres voraus. Deshalb haben im Laufe der christlichen Auslegung viele in diesem Bild eine Vorwegnahme eines Prinzips gesehen, das spĂ€ter in der Schrift sehr deutlich hervortritt: SĂŒnde bringt Tod, und die Bedeckung des Menschen wird mit einem Leben verbunden, das an seiner Stelle gegeben wird.

Wir mĂŒssen den Text nicht zwingen, um die Schönheit dieses Bildes zu erkennen. Es genĂŒgt, dem roten Faden zu folgen, den die Bibel spĂ€ter weiter entfaltet. Abel wird von den Erstlingen seiner Herde bringen. Abraham wird auf dem Berg Morija die Worte hören: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Israel wird das Blut des Passahlammes und spĂ€ter das gesamte Opfersystem kennenlernen. Und Jahrhunderte spĂ€ter wird Johannes der TĂ€ufer am Jordan Jesus auf sich zukommen sehen und sagen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt SĂŒnde trĂ€gt!“ — Johannes 1,29.

Was in Eden nur als Schatten erscheint, wird nach und nach zu einem Thema, das die ganze Schrift durchzieht und seine ErfĂŒllung in Christus findet.

Deshalb ist der Gegensatz zwischen den BlÀttern und den GewÀndern so kraftvoll. Die BlÀtter sprechen vom Versuch des Menschen, seinen Zustand selbst zu bedecken; das empfangene Gewand spricht vom Eingreifen Gottes. Das eine wird von den HÀnden des Schuldigen gemacht, das andere wird von dem gegeben, vor dem der Mensch schuldig ist.

Und zwischen den BlĂ€ttern aus 1. Mose 3,7 und den GewĂ€ndern aus 1. Mose 3,21 steht die Verheißung aus 1. Mose 3,15.

Gott sucht den verborgenen Menschen, offenbart ihm die Wahrheit ĂŒber seine SĂŒnde, kĂŒndigt das Kommen dessen an, der der Schlange den Kopf zertreten wird, und bedeckt danach seine Nacktheit.

Der Mensch konnte seinen in Eden verlorenen Zustand nicht selbst wiederherstellen. Und genau hier fĂŒhrt uns Adams Geschichte zu einer Frage, die uns viel nĂ€her betrifft: Wenn der gefallene Mensch damals seine Wiederherstellung nicht selbst hervorbringen konnte, was lĂ€sst uns glauben, dass der in SĂŒnde tote Mensch heute seine Erlösung selbst hervorbringen kann?

3. EIN TOTER KANN SICH NICHT SELBST LEBENDIG MACHEN

Die Antwort des Neuen Testaments auf diese Frage lĂ€sst nur wenig Raum fĂŒr das Vertrauen des Menschen in seine eigene Kraft. Paulus beschreibt unseren Zustand vor Christus mit Worten, die sich kaum abschwĂ€chen lassen: „Auch euch, die ihr tot wart durch Übertretungen und SĂŒnden.“ — Epheser 2,1.

Ein Toter kann sich nicht selbst zum Leben erwecken. Deshalb verĂ€ndert sich wenige Verse spĂ€ter der Handelnde. Paulus sagt: „Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den SĂŒnden, mit Christus lebendig gemacht.“ — Epheser 2,4–5.

Hier begegnet uns in viel deutlicherer Sprache etwas von dem Bild, das wir in Eden gesehen haben. Adam versteckt sich, Gott sucht ihn. Der Mensch ist tot in der SĂŒnde, Gott macht ihn lebendig. Die Initiative der Erlösung beginnt nicht mit der FĂ€higkeit des Menschen, sich selbst aus seinem Zustand zu erheben, sondern mit der Liebe und Barmherzigkeit dessen, der zu ihm kommt.

Deshalb fĂ€hrt Paulus fort: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rĂŒhme.“ — Epheser 2,8–9.

Die Erlösung wird als Geschenk dargestellt. Der Mensch tritt nicht mit einem ausreichend guten Leben vor Gott, um die Erlösung als Belohnung verlangen zu können. Ebenso wenig sammelt er genĂŒgend gute Werke, um die Gnade in eine Schuld zu verwandeln, die Gott ihm gegenĂŒber hĂ€tte. Wenn es Gnade ist, dann gehört das Verdienst nicht dem, der empfĂ€ngt, sondern dem, der gibt.

Doch hier entsteht eine natĂŒrliche Frage: Wenn die Erlösung nicht aus Werken kommt, welchen Platz haben dann Gehorsam, Heiligung und gute Werke im Leben eines GlĂ€ubigen? Die Antwort steht gleich im nĂ€chsten Vers: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.“ — Epheser 2,10.

Diese Reihenfolge verĂ€ndert grundlegend, wie wir das christliche Leben betrachten. Die Werke sind nicht die Wurzel der Erlösung, sondern ihre Frucht. Gehorsam ĂŒberzeugt Gott nicht davon, uns Leben zu schenken, sondern beginnt sichtbar zu werden, weil Gott uns Leben geschenkt hat. Der Wunsch, Ihm zu folgen, der Kampf gegen die SĂŒnde, Buße, Anbetung und Dienst kaufen die Erlösung nicht, sondern werden zu Zeichen eines Lebens, an dem die Gnade Gottes zu wirken begonnen hat.

Hier können wir auch verstehen, warum die Schrift die GlĂ€ubigen so oft dazu aufruft, zu wachen, zu bleiben und auszuharren. Diese Aufforderungen sind real, und die Verantwortung des Menschen verschwindet nicht durch die Gnade. Der GlĂ€ubige ist dazu aufgerufen, den Gehorsam zu wĂ€hlen, gegen die SĂŒnde zu kĂ€mpfen und seinen Weg mit Gott fortzusetzen.

Paulus sagt den Philippern: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ WĂŒrden wir hier aufhören, könnte der Eindruck entstehen, dass nun wieder alles auf den Schultern des Menschen liegt. Doch der Satz geht weiter: „Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.“ — Philipper 2,12–13.

Beide Wahrheiten stehen nebeneinander. Der Mensch handelt, wacht, gehorcht und hÀlt aus, und Gott wirkt in diesem Menschen sogar den Willen, der ihn nach Gehorsam verlangen lÀsst, und die Kraft, durch die er diesen Gehorsam leben kann.

Deshalb bedeutet die Aufforderung, unsere Erlösung zu verwirklichen, nicht, dass das Werk Christi unvollendet geblieben wĂ€re und wir ergĂ€nzen mĂŒssten, was Er nicht vollbringen konnte. Es bedeutet, dass die empfangene Erlösung sichtbar, gelebt und ihre FrĂŒchte im Leben dessen hervorbringen soll, der lebendig gemacht wurde.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied: Ich gehorche nicht, damit Gott mich rettet; ich gehorche, weil Seine Gnade mich lebendig gemacht hat. Ich wache nicht, um meine Erlösung zu kaufen; ich wache, weil Gott in mir ein Herz geschaffen hat, das die SĂŒnde nicht mehr mit derselben GleichgĂŒltigkeit betrachten kann.

Und genau das fĂŒhrt uns zu einer der schwierigsten Fragen unseres Themas. Wenn die FrĂŒchte eines verĂ€nderten Lebens die Folge der Wiedergeburt sind, was sagen wir dann ĂŒber einen Menschen, der bekennt, Christus angenommen zu haben, dessen gesamtes Leben aber das Gegenteil zu sagen scheint? Und was sagen wir auf der anderen Seite ĂŒber einen Menschen, dessen Leben viele Jahre lang die FrĂŒchte des Glaubens getragen hat, der aber eines Tages in eine schwere SĂŒnde fĂ€llt?

Bevor wir beantworten, ob die Erlösung verloren werden kann, mĂŒssen wir zuerst den Unterschied verstehen zwischen einem Bekenntnis ohne verĂ€ndertes Leben und einem verĂ€nderten Leben, das durch einen Fall hindurchgeht.

4. ZWEI LEBEN, DIESELBE FRAGE

Stellen wir uns zwei Menschen vor.

Der erste ist jung, als er eine Gemeinde betritt und das Evangelium hört. Am Ende der Predigt wird ein Aufruf gemacht, und er antwortet darauf. Er bekennt, dass er ein SĂŒnder ist, sagt, dass er Christus als Retter annimmt, und geht von dort in der Überzeugung weg, gerettet zu sein.

Die Jahre vergehen, doch sein Leben beginnt eine völlig andere Geschichte zu erzĂ€hlen als das Bekenntnis, das er damals abgelegt hat. Die SĂŒnde wird zu seiner Lebensweise, seine Begierden bestimmen seine Entscheidungen, der Gehorsam gegenĂŒber Gott beschĂ€ftigt ihn nicht, und Buße findet keinen Platz in seinem Leben. Dennoch bleibt seine Antwort dieselbe, wenn ihn jemand nach seiner Erlösung fragt: „Damals habe ich Christus angenommen. Ich bin gerettet.“

Können wir auf jenen Tag zurĂŒckblicken und sagen, dass eine ErklĂ€rung, die einmal in einer Gemeinde ausgesprochen wurde, ausreicht, um einem ganzen Leben zu widersprechen?

Jesus sagt: „An ihren FrĂŒchten sollt ihr sie erkennen.“ — MatthĂ€us 7,16. Ein Glaubensbekenntnis ist wichtig, aber die Worte, die an einem bestimmten Tag ausgesprochen wurden, sind nicht das, was die Wiedergeburt hervorbringt. Wenn Gott einen Menschen lebendig macht, beginnt dieses Leben Spuren zu hinterlassen.

Das bedeutet nicht, dass der wiedergeborene Mensch sĂŒndlos wird. Der Apostel Johannes sagt sehr deutlich: „Wenn wir sagen, wir haben keine SĂŒnde, so betrĂŒgen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“ — 1. Johannes 1,8. Der Unterschied besteht nicht zwischen einem Menschen, der sĂŒndigt, und einem Menschen, der niemals mehr sĂŒndigt, sondern zwischen einem Leben, in dem Kampf, Buße und Umkehr vorhanden sind, und einem Leben, in dem die SĂŒnde zu einer akzeptierten Lebensweise werden kann, ohne den Wunsch, zu Gott zurĂŒckzukehren.

Deshalb sollte beim ersten Menschen die Frage nicht sofort lauten: „Wann hat er seine Erlösung verloren?“ Sondern eine viel tiefere: Hat die Wiedergeburt, von der er behauptet, sie erlebt zu haben, ĂŒberhaupt jemals stattgefunden?

Schauen wir nun auf den zweiten Menschen.

Auch er bekennt sich in seiner Jugend zum Glauben an Christus, doch die folgenden Jahre zeigen eine andere Richtung. Er sucht Gott, betet, tut Buße, wenn er sĂŒndigt, dient, kĂ€mpft gegen die SĂŒnde, und in seinem Leben erscheinen die FrĂŒchte eines verĂ€nderten Herzens. Zehn Jahre vergehen, zwanzig, vielleicht vierzig.

Dann fÀllt er eines Tages schwer.

Es kann Ehebruch sein, eine LĂŒge, die eine Familie zerstört, oder eine andere SĂŒnde, von der niemand erwartet hĂ€tte, dass sie Teil seiner Geschichte werden könnte. Sofort entsteht die Frage: Hat er in dem Augenblick, in dem er sĂŒndigte, aufgehört, gerettet zu sein?

Die Schrift verbirgt die FĂ€lle der Menschen Gottes nicht. David, der Mann, von dem die Schrift als einem Mann nach Gottes Herzen spricht, begeht Ehebruch mit Batseba. Danach fĂŒhrt ihn seine SĂŒnde in eine Reihe von Entscheidungen, die mit dem Tod Urias enden. Die Schwere seiner SĂŒnde wird nicht verharmlost, und ihre Folgen sind schrecklich.

Doch als David mit seiner SĂŒnde konfrontiert wird und zur Buße kommt, betet er in Psalm 51: „Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe.“ — Psalm 51,14. David hatte die Freude der Gemeinschaft mit Gott verloren. Die SĂŒnde hatte Wunden und Folgen verursacht und wĂŒrde ZĂŒchtigung mit sich bringen. Aber David kehrt um.

Die Geschichte von Petrus bringt uns der Frage noch nĂ€her. Bevor Petrus Jesus verleugnete, wusste Christus bereits, was geschehen wĂŒrde. Er wusste, dass der Mann, der erklĂ€rt hatte, er sei bereit, mit Ihm sogar in den Tod zu gehen, dreimal sagen wĂŒrde, dass er Ihn nicht kenne.

Und dennoch sagt Jesus zu ihm: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe fĂŒr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stĂ€rke deine BrĂŒder.“ — Lukas 22,31–32.

Jesus sagt Petrus nicht, dass er nicht fallen wird. Petrus wird fallen, und er wird schmerzlich fallen. Doch bevor Petrus in diese Nacht hineingeht, sagt Christus etwas Außergewöhnliches: „Ich aber habe fĂŒr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“

Petrus fÀllt, aber sein Fall wird nicht zu seinem Ziel.

Er kehrt zurĂŒck.

Hier mĂŒssen wir das Gleichgewicht bewahren, denn die Gewissheit der Erlösung darf niemals zu einer Entschuldigung fĂŒr SĂŒnde werden. Ein Mensch kann nicht ruhig sagen: „Ich bin gerettet, also spielt es keine Rolle mehr, wie ich lebe.“ Eine solche Haltung wĂŒrde uns wieder zur Frage des ersten Beispiels fĂŒhren: Wo sind die FrĂŒchte des neuen Lebens?

Gleichzeitig darf aber auch nicht jeder Fall sofort zu dem Urteil fĂŒhren, Gott habe in einem Augenblick alles ausgelöscht, was Er in einem Menschen gewirkt hat. Der Vater erzieht, weist zurecht und ruft zurĂŒck. Im HebrĂ€erbrief lesen wir: „Denn wen der Herr lieb hat, den zĂŒchtigt er, und er schlĂ€gt jeden Sohn, den er annimmt.“ — HebrĂ€er 12,6.

Die ZĂŒchtigung wird dort nicht als Beweis dafĂŒr dargestellt, dass der Mensch aufgehört hat, Sohn zu sein, sondern gerade in dem Zusammenhang, dass Gott mit ihm wie mit einem Sohn umgeht.

Deshalb mĂŒssen wir unterscheiden zwischen einem Fall und dem dauerhaften Leben in der SĂŒnde, zwischen dem Kampf gegen die SĂŒnde und dem Frieden mit ihr, zwischen dem Menschen, der fĂ€llt, und dem Menschen, der seinen Fall zu seinem Zuhause macht.

Und Petrus lĂ€sst uns vor einer Frage stehen, der wir nicht lĂ€nger ausweichen können: Wenn Christus wusste, dass Petrus fallen wĂŒrde, und dennoch dafĂŒr betete, dass sein Glaube nicht aufhöre – wer trĂ€gt dann letztlich die Last unserer Bewahrung bis ans Ende?

Halten wir uns an Christus fest – oder hĂ€lt Christus uns fest?

5. WER HÄLT WEN FEST?

Diese Frage fĂŒhrt uns mitten ins Herz unserer Diskussion: Kann man seine Erlösung verlieren?

Im Laufe der Zeit haben Christen diese Frage unterschiedlich beantwortet, und die Schrift enthĂ€lt sowohl kraftvolle Verheißungen ĂŒber die Bewahrung der GlĂ€ubigen als auch ernste Warnungen ĂŒber Wachsamkeit, Bleiben und Ausharren. Deshalb sollte unsere Antwort nicht auf einem Schlagwort aufgebaut werden, sondern auf dem, was die Schrift ĂŒber den sagt, der die Erlösung beginnt, und ĂŒber den Menschen, in dem diese Erlösung zu wirken beginnt.

Jesus sagt ĂŒber Seine Schafe: „Ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist grĂ¶ĂŸer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen.“ — Johannes 10,28–29.

Dieses Bild ist gerade deshalb so kraftvoll, weil Jesus deutlich macht, wo die Sicherheit Seiner Schafe liegt. Er spricht von Seiner Hand und von der Hand des Vaters. Das Leben, das Er schenkt, wird „ewiges Leben“ genannt, und Seine Verheißung lautet, dass niemand sie aus Seiner Hand reißen wird.

Der Apostel Petrus spricht aus einem anderen Blickwinkel ĂŒber dieselbe Wahrheit, wenn er die GlĂ€ubigen als solche beschreibt, „die ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.“ — 1. Petrus 1,5.

Seht, wie schön diese beiden Wirklichkeiten nebeneinanderstehen: die Kraft Gottes und der Glaube des Menschen. Petrus sagt nicht, dass der Mensch durch seine eigene Kraft bewahrt wird, aber er spricht auch nicht von einem Leben, in dem der Glaube bedeutungslos geworden wÀre. Gott bewahrt, und der Mensch glaubt weiter.

Hier verbindet sich das mit dem, was wir zuvor im Philipperbrief gesehen haben: Gott wirkt in uns sowohl das Wollen als auch das Vollbringen, wĂ€hrend wir dazu aufgerufen sind, zu leben, zu wachen und auszuharren. Das Ausharren des GlĂ€ubigen und die Bewahrung durch Gott mĂŒssen nicht gegeneinander gestellt werden. Wir können das Ausharren gerade als eine der Arten verstehen, in denen das Wirken Gottes in dem Menschen sichtbar wird, den Er lebendig gemacht hat.

Deshalb bleiben die Warnungen der Schrift ernst. Wenn Jesus sagt: „Bleibt in mir“, wenn die Apostel die Gemeinde zur Wachsamkeit aufrufen und wenn der HebrĂ€erbrief so eindringlich vor dem Abfallen warnt, dĂŒrfen wir diesen Worten nicht ihre Bedeutung nehmen. Echter Glaube antwortet auf Gottes Verheißungen nicht mit GleichgĂŒltigkeit, sondern gerade mit dem Wunsch, nahe bei Ihm zu bleiben.

Aber die Warnungen löschen die Verheißungen nicht aus.

Paulus sagt den Philippern, dass er darin zuversichtlich ist, „dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“ — Philipper 1,6.

Achtet erneut darauf, wer beginnt und wer das Werk zur Vollendung fĂŒhrt: Derjenige, der es begonnen hat, wird es auch vollenden.

An diesem Punkt beginnt unsere Frage eine andere Form anzunehmen. Wenn Gott mich gefunden hat, als ich mich versteckte, wenn Er mich lebendig gemacht hat, als ich tot in meinen Übertretungen war, wenn die Erlösung Sein Geschenk ist, wenn Er in mir das Wollen und das Vollbringen wirkt und wenn Christus sagt, dass Seine Schafe in Seiner Hand sind – kann meine Sicherheit dann ausschließlich auf der Kraft beruhen, mit der ich es schaffe, mich an Ihm festzuhalten?

Petrus hat uns bereits gezeigt, wie schwach diese Kraft werden kann. In einer einzigen Nacht wird der Mann, der gesagt hatte, er sei bereit, fĂŒr Christus zu sterben, zu einem Menschen, der schwört, Ihn nicht zu kennen. HĂ€tte die Bewahrung des Petrus allein von der StĂ€rke des Petrus abgehangen, hĂ€tte seine Geschichte im Hof des Hohenpriesters enden können.

Aber schon vor seinem Fall standen die Worte Jesu: „Ich aber habe fĂŒr dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“

Das macht die SĂŒnde nicht harmlos und gibt uns auch nicht die Freiheit, nach unserem eigenen Belieben zu leben. Im Gegenteil: Der Mensch, in dem Gott wirkt, wird immer wieder zu Buße, Gehorsam und Heiligung zurĂŒckgerufen. Der Fall des Petrus war real, seine TrĂ€nen waren real, seine Umkehr war real und seine Wiederherstellung war real.

Vielleicht braucht gerade hier der Satz „Einmal gerettet, immer gerettet“ besondere Sorgfalt. Wenn wir darunter verstehen, dass eine irgendwann einmal ausgesprochene ErklĂ€rung einem Menschen erlaubt, sein ganzes Leben ohne Buße und ohne irgendeine Spur des Wirkens Gottes zu verbringen, dann haben wir die Gnade in ein Schlagwort verwandelt, das uns die Schrift so nicht gibt. Wenn wir aber von einem Menschen sprechen, den Gott wirklich lebendig gemacht hat, dann lautet die Frage, ob Gott Sein Werk verlĂ€sst oder ob Er es bewahrt, erzieht, reinigt und bis ans Ende fĂŒhrt.

Und vielleicht beginnt die schönste Antwort nicht damit, wie stark unsere Hand ist, sondern damit, wie stark Seine Hand ist.

Denn unsere Geschichte begann in Eden mit einem Menschen, der Gott losgelassen hatte und sich zwischen den BĂ€umen versteckte, aber mit einem Gott, der den Menschen nicht losgelassen hatte.

Und von jenem „Wo bist du?“, das im Garten erklang, fĂŒhrt uns die Schrift zu dem, der dort bereits verheißen wurde, zum Samen der Frau, zu Christus und zu dem Ort, an dem das in Eden begonnene Werk eine Antwort erhalten sollte, die bis heute nachhallt: „Es ist vollbracht!“

6. VON „WO BIST DU?“ BIS „ES IST VOLLBRACHT!“

„Es ist vollbracht!“ — Johannes 19,30. Diese Worte fĂŒhren uns weit weg vom Garten Eden und bringen uns gleichzeitig mitten in ihn zurĂŒck. Denn das, was am Kreuz geschieht, ist die Antwort auf eine Tragödie, die lange zuvor begonnen hatte, als der Mensch sich entschied, der Stimme der Schlange zu glauben und sich von Gott zu entfernen.

In Eden hatte Gott zur Schlange gesagt: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ — 1. Mose 3,15. Adam und Eva konnten damals nicht all das sehen, was wir heute rĂŒckblickend sehen können. Sie kannten Bethlehem nicht, sie hatten Golgatha nicht gesehen, und sie wussten nicht, wie die ErfĂŒllung dieser Verheißung aussehen wĂŒrde. Doch sie wussten, dass Gott an demselben Tag, an dem die SĂŒnde in ihre Erfahrung eingetreten und der Tod Wirklichkeit geworden war, bereits von dem gesprochen hatte, der kommen wĂŒrde, und vom Sieg ĂŒber die Schlange.

Die Jahrhunderte vergingen, aber die Verheißung verschwand nicht. Die Schrift sprach weiter von einem Lamm, von Blut, von Vergebung, von einem Knecht, der die Schuld anderer tragen wĂŒrde, bis Johannes der TĂ€ufer Jesus auf sich zukommen sieht und die Worte ausspricht, auf die all diese Bilder hinzufĂŒhren schienen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt SĂŒnde trĂ€gt!“ — Johannes 1,29.

Der in Eden Verheißene war gekommen.

Und Sein Weg wĂŒrde bis zum Kreuz fĂŒhren.

Dort sehen wir, wie ernst die SĂŒnde ist. Denn Gnade bedeutet nicht, dass Gott einfach beschlossen hĂ€tte, so zu tun, als gĂ€be es die SĂŒnde nicht. Das Kreuz zeigt uns genau das Gegenteil. Die SĂŒnde ist so ernst, dass der Sohn Gottes selbst ihr Gericht trĂ€gt, und die Erlösung ist so voller Gnade, dass das, was der Mensch nicht bezahlen konnte, von Christus getragen wird.

Wenn Jesus deshalb sagt: „Es ist vollbracht!“, wartet unsere Erlösung nicht plötzlich auf einen Beitrag von uns, durch den wir Sein Werk vervollstĂ€ndigen mĂŒssten. Das Opfer wurde gebracht. Der Preis wurde bezahlt. Und das, was der Mensch durch seine eigenen Anstrengungen nicht vollbringen konnte, wurde von Christus vollbracht.

Vielleicht können wir jetzt noch einmal auf Adam schauen.

Wir sehen ihn zwischen den BÀumen des Gartens versteckt, mit der Bedeckung, die seine eigenen HÀnde angefertigt hatten, und voller Angst davor, vor Gott zu treten. WÀre die Geschichte dort zu Ende gegangen, wÀre das letzte Bild des Menschen das eines Geschöpfes gewesen, das vor seinem Schöpfer flieht.

Aber Gott sucht ihn.

Er verheißt ihm das Kommen dessen, der die Schlange besiegen wird, und bedeckt seine Nacktheit. Von dort beginnt ein roter Faden, der die gesamte Schrift durchzieht, bis er bei Christus ankommt.

Deshalb kann die Erlösung niemals zu einem Grund werden, aus dem sich der Mensch selbst rĂŒhmt. Vom Anfang bis zum Ende bleibt ihr Mittelpunkt das Werk Gottes. Die Gnade findet uns, wenn wir uns verstecken, macht uns lebendig, wenn wir tot in der SĂŒnde sind, lehrt uns, im Gehorsam zu wandeln, weist uns zurecht, wenn wir fallen, und ruft uns immer wieder zu Christus zurĂŒck.

Das Ausharren des GlÀubigen bedeutet deshalb nicht, dass der Mensch niemals stolpern wird. Petrus ist gestolpert. David ist gefallen. Die Schrift zeigt uns keine Menschen, die stark genug geworden wÀren, um die Gnade nicht mehr zu brauchen, sondern Menschen, die entdeckt haben, wie sehr sie diese Gnade brauchen.

Vielleicht mĂŒssen wir deshalb die Frage, mit der wir begonnen haben, jetzt in einem anderen Licht hören.

„Wo bist du?“

Adam hatte sich versteckt, aber Gott wusste, wo Er ihn finden konnte.

Und wenn du heute auf dein eigenes Leben blickst und dort FĂ€lle, Wunden oder Dinge siehst, fĂŒr die du dich schĂ€mst, dann besteht die Antwort nicht darin, dir weitere BlĂ€tter zusammenzunĂ€hen und einen grĂ¶ĂŸeren Baum zu suchen, hinter dem du dich verstecken kannst. Das Evangelium ruft uns dazu auf, aus unserem Versteck herauszukommen und auf Christus zu schauen.

Denn zwischen der Frage aus Eden – „Wo bist du?“ – und den Worten am Kreuz – „Es ist vollbracht!“ – steht die ganze Geschichte eines Gottes, der dem gefallenen Menschen nachgegangen ist und das Werk bis zum Ende gefĂŒhrt hat, das der Mensch selbst niemals vollbringen konnte.

SCHLUSS

Bis zum nĂ€chsten Mal wĂŒnschen wir dir nur eines:

Möge die Gnade Gottes auch dich motivieren – wo immer du bist, was immer du erlebst und wie schwer oder schön dein Weg auch sein mag.

Bleib behĂŒtet, lieber Mensch.

Mit Liebe,
Petru und Adriana von Har & Motivație.

Episode 37 ✹ BIS ER KOMMT

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

BIS ER KOMMT

EINLEITUNG — TATI

„Ja, ich komme bald.“

Mit diesen Worten Jesu haben wir die vergangene Episode beendet, und genau mit ihnen möchten wir heute beginnen.

Wir haben gesehen, dass sich die Verheißung Seiner Wiederkunft durch die ganze Heilige Schrift zieht und dass die Geschichte auf einen Augenblick zulĂ€uft, in dem Christus kommen wird. Doch wenn wir wissen, dass Er kommt, stellt sich eine Frage, die uns viel unmittelbarer betrifft: Was bedeutet diese Gewissheit fĂŒr das Leben, das wir heute fĂŒhren?

Denn die Wiederkunft Christi bedeutet nicht nur das Ende einer Welt, die von SĂŒnde, Leid und Tod geprĂ€gt ist. Die Heilige Schrift richtet unseren Blick auch auf das, was Gott jenseits all dessen vorbereitet: auf eine wiederhergestellte Welt und, mehr als alles andere, auf die Begegnung mit Dem, der gesagt hat: „Ich werde wiederkommen.“

In dieser Episode möchten wir fĂŒr einige Augenblicke in diese Richtung schauen, sehen, was die Heilige Schrift uns von dem erkennen lĂ€sst, was kommen wird, und anschließend zu unserem heutigen Leben zurĂŒckkehren und uns eine ganz einfache Frage stellen:

Wenn Christus kommt und wenn dies die Zukunft ist, auf die Gott die Geschichte hinfĂŒhrt, was motiviert mich dann, weiterzugehen, und wie möchte ich die Zeit leben, die mir bis dahin noch bleibt?

„Ja, ich komme bald.“

Er kommt. Doch bis Er kommt, liegt noch ein Weg vor uns.

MAMI — ERZÄHLENDER MOMENT I

WOFÜR GEHEN WIR WEITER?

Der Morgen beginnt fĂŒr die meisten von uns beinahe gleich. Der Wecker klingelt, wir öffnen die Augen, und noch bevor wir uns richtig von dem vergangenen Tag lösen können, beginnt bereits der nĂ€chste. Wir stehen auf, machen uns fertig, gehen zur Arbeit oder zur Schule, kĂŒmmern uns um das Haus, um die Kinder, um die Familie, beantworten Anrufe, lösen Probleme und versuchen, mit allem Schritt zu halten, was das Leben vor uns stellt.

Wir haben Rechnungen zu bezahlen, Dinge zu kaufen, Termine, Verantwortungen und PlĂ€ne. Wir wĂŒnschen uns ein besseres Zuhause, eine bessere Arbeit, ein wenig Ruhe, Gesundheit fĂŒr die Menschen, die wir lieben, und genĂŒgend Zeit, um auch selbst das genießen zu können, was wir aufgebaut haben. Manche Dinge erfĂŒllen sich, andere bleiben nur WĂŒnsche, und dazwischen geht das Leben weiter.

Tag fĂŒr Tag, Woche fĂŒr Woche, Jahr fĂŒr Jahr.

Die Kinder werden grĂ¶ĂŸer, wir werden Ă€lter, Menschen treten in unser Leben und andere gehen. Manche Dinge, ĂŒber die wir uns frĂŒher große Sorgen gemacht haben, bedeuten irgendwann fast nichts mehr, wĂ€hrend wir bei anderen, die wir nicht genĂŒgend geschĂ€tzt haben, erst spĂ€ter erkennen, wie wichtig sie eigentlich waren.

Und mitten in all diesem Rennen befinden sich sehr unterschiedliche Menschen.

Da ist der Mensch, der Gott kennt, der betet, die Heilige Schrift liest und versucht, Christus nachzufolgen, der aber so sehr von den Sorgen des Lebens eingenommen werden kann, dass er fĂŒr eine Zeit vergisst, warum er diesen Weg ĂŒberhaupt begonnen hat.

Und da ist der Mensch, der von Gott gehört hat, der weiß, wer Jesus ist, und der vielleicht sogar glaubt, dass Gott existiert, sein Leben jedoch aufgebaut hat, ohne dass Gott darin einen wirklichen Platz einnimmt. Er lebt nicht unbedingt gegen Ihn und wacht auch nicht morgens mit dem Entschluss auf, Ihn abzulehnen. Er lebt einfach sein Leben, macht seine PlĂ€ne, sucht sein GlĂŒck und geht weiter, ohne das GefĂŒhl zu haben, Gott fĂŒr all das zu brauchen.

Von außen betrachtet können ihre Leben einander sehr Ă€hnlich sein. Beide arbeiten, beide lieben, beide haben Menschen, um die sie sich sorgen, beide kennen Freude und Schmerz, beide machen PlĂ€ne fĂŒr morgen und beide hoffen, dass der kommende Tag etwas Gutes bringen wird.

Doch jenseits all dessen, was wir tun, bleibt eine Frage, die uns die Unruhe des Lebens sehr lange aufschieben lassen kann:

WofĂŒr gehen wir weiter?

Was steht hinter all den Dingen, fĂŒr die wir morgens aufstehen und weitermachen?

Wenn wir erreichen, was wir uns vorgenommen haben, wenn wir das Zuhause besitzen, das wir uns gewĂŒnscht haben, die Familie haben, fĂŒr die wir gekĂ€mpft haben, die Dinge besitzen, fĂŒr die wir gearbeitet haben, und die Jahre bekommen, von denen wir hoffen, dass sie noch vor uns liegen – wohin soll uns all das fĂŒhren?

Denn die Zeit bleibt nicht stehen, nur weil wir beschÀftigt sind.

Sie geht gemeinsam mit uns weiter.

Und wenn Derjenige, der gesagt hat „Ja, ich komme bald“, wirklich kommt, dann bewegt sich unser Leben nicht nur auf den nĂ€chsten Morgen, das nĂ€chste Jahr oder den nĂ€chsten erfĂŒllten Plan zu.

Es bewegt sich auf eine Begegnung zu.

Und bevor wir auf das schauen, was jenseits dieser Begegnung liegt, lohnt es sich, uns zu fragen:

Was bringt mich heute dazu, weiterzumachen?

Und fĂŒhrt mich das, was mich zum Weitergehen motiviert, tatsĂ€chlich in die Richtung, in der ich ankommen möchte?

1. WENN ER KOMMT, DANN ZÄHLT MEINE GEGENWART — TATI

Die Frage, bei der wir stehen geblieben sind, lautet: Was bringt mich heute dazu, weiterzumachen, und in welche Richtung fĂŒhrt mich das, was mich motiviert?

Um darauf zu antworten, mĂŒssen wir ein wenig auf den Augenblick schauen, ĂŒber den wir am Ende der vergangenen Episode gesprochen haben. Christus sagte: „Ja, ich komme bald“, und die Heilige Schrift lĂ€sst diese Wiederkunft nicht als eine Aussage ohne Inhalt stehen, sondern zeigt uns, dass mit ihr eine Wirklichkeit sichtbar wird, die den Zustand, in dem der Mensch heute lebt, endgĂŒltig verĂ€ndern wird.

Paulus schreibt den GlÀubigen in Thessalonich:

„Denn der Herr selbst wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und ĂŒbrig bleiben, zugleich mit ihnen entrĂŒckt werden auf den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“
1. Thessalonicher 4,16–17

Beachtet, wohin alles fĂŒhrt: „und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“

Der Tod, der heute die Macht zu haben scheint, jeden Plan zu unterbrechen und Menschen voneinander zu trennen, die sich lieben, wird nicht das letzte Wort haben. Die Toten in Christus werden auferstehen, die Lebenden werden dem Herrn begegnen, und im Mittelpunkt des gesamten Bildes stehen weder der Klang der Posaune noch die Wolken und nicht einmal das außergewöhnliche Ereignis der Auferstehung, sondern die Begegnung mit Christus und jene Wirklichkeit, die Paulus so schlicht ausdrĂŒckt: „Wir werden bei dem Herrn sein allezeit.“

Doch genau hier zeigt sich etwas sehr Wichtiges fĂŒr unser heutiges Leben. Paulus spricht nicht ĂŒber die Zukunft, um die GlĂ€ubigen dazu zu bringen, vor der Gegenwart zu fliehen. Die Hoffnung auf die Auferstehung macht aus ihnen keine Menschen, die nur zum Himmel schauen und darauf warten, dass alles endet. Sie gibt ihnen vielmehr einen stĂ€rkeren Grund, die ihnen gegebene Zeit sinnvoll zu leben.

Das wird in 1. Korinther 15 besonders deutlich. Fast das gesamte Kapitel ist um die Auferstehung aufgebaut. Paulus spricht ĂŒber die Auferstehung Christi, ĂŒber die Auferstehung der Toten, ĂŒber den Leib, der in VergĂ€nglichkeit gesĂ€t und in UnvergĂ€nglichkeit auferweckt wird, ĂŒber das Sterbliche, das mit Unsterblichkeit bekleidet werden wird, und gegen Ende erklĂ€rt er:

„Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“
1. Korinther 15,54–55

Nach all dem könnten wir erwarten, dass Paulus einfach mit den Worten endet: „Wartet auf diesen Tag.“ Doch seine Schlussfolgerung richtet sich gerade auf das, was wir bis dahin tun sollen:

„Darum, meine geliebten BrĂŒder, seid fest, unerschĂŒtterlich und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn, weil ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.“
1. Korinther 15,58

Das Wort „darum“ verbindet die Zukunft, ĂŒber die Paulus gerade gesprochen hat, mit dem Leben, das der GlĂ€ubige heute fĂŒhrt. Weil Christus auferstanden ist, weil der Tod nicht das letzte Wort haben wird und weil es eine Auferstehung gibt, sagt Paulus: Bleibt fest, bleibt unerschĂŒtterlich und macht weiter, denn das, was ihr im Herrn tut, ist nicht vergeblich.

Hier liegt eine der großen Motivationen des christlichen Glaubens. Nicht alles, was wir in Treue tun, bringt Ergebnisse hervor, die wir sofort sehen können. Wir können Zeit in einen Menschen investieren und dennoch nicht die VerĂ€nderung sehen, auf die wir gehofft haben. Wir können Gutes tun, ohne Dankbarkeit zu erhalten, vergeben, ohne jemals ein „Es tut mir leid“ zu hören, dienen, ohne Beifall zu bekommen, und durch Zeiten gehen, in denen Treue scheinbar mehr kostet, als sie uns gibt.

Wenn der einzige Maßstab des Lebens das wĂ€re, was wir hier und jetzt sehen können, könnten viele dieser Dinge verloren erscheinen. Paulus stellt jedoch unsere Gegenwart in eine grĂ¶ĂŸere Perspektive und sagt, dass „eure Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist“. Was in Treue vor Gott getan wird, erhĂ€lt seinen Wert nicht durch die Zahl der Menschen, die es bemerken, und auch nicht dadurch, wie schnell Ergebnisse sichtbar werden, sondern dadurch, dass dieses Leben vor Dem gelebt wird, der auferstanden ist und wiederkommen wird.

Das verĂ€ndert auch die Art, wie wir die gewöhnlichen Tage betrachten, von denen wir zuvor gesprochen haben. Arbeit, Familie, Zeit, Beziehungen, Entscheidungen, die Art, wie wir Menschen behandeln, und die Dinge, denen wir unsere Kraft widmen, sind nicht nur einzelne Teile eines Lebens, das sich langsam verbraucht, bis es endet. FĂŒr den Menschen, der weiß, dass Christus kommt, wird die Gegenwart zu dem Ort, an dem der Glaube Gestalt annimmt, Liebe gelebt, Vergebung geschenkt, Gutes getan und die von Gott geschenkte Zeit sinnvoll genutzt werden kann.

Darum sollte die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi uns nicht weniger am heutigen Leben interessieren, sondern uns seinen Wert umso bewusster machen. Gerade weil wir wissen, dass diese Zeit nicht alles ist, sollten wir sie nicht verschwenden, als wĂŒrde sie nichts bedeuten.

Und hier wird die Frage sehr persönlich: Wenn meine Arbeit im Herrn nicht vergeblich ist, was sollte mich dann dazu bringen aufzugeben? Wenn ein schwerer Tag nicht das Ende der Geschichte darstellt, warum sollte ich zulassen, dass dieser eine Tag die Richtung meines gesamten Weges bestimmt? Wenn selbst der Tod nicht das letzte Wort haben wird, dann mĂŒssen auch Versagen, EnttĂ€uschung oder die Tatsache, dass ich das Ergebnis noch nicht sehe, nicht das letzte Wort ĂŒber mein Leben bekommen.

Christus kommt, und Seine Wiederkunft sagt uns, dass die Geschichte eine Zukunft hat. Die Auferstehung sagt uns, dass der Tod eine Grenze hat. Gottes Verheißung sagt uns, dass das, was wir heute nicht sehen, deshalb nicht weniger wirklich ist.

Und Paulus sagt uns, was wir in der Zwischenzeit tun:

Wir bleiben fest, wir bleiben unerschĂŒtterlich und wir gehen weiter.

Nicht weil der Weg immer leicht ist, sondern weil wir wissen, dass dieser Weg nicht vergeblich ist.

Und wenn Christus kommt, wenn die Toten in Ihm auferstehen werden und wenn wir fĂŒr immer beim Herrn sein werden, ergibt sich ganz natĂŒrlich die nĂ€chste Frage:

Wohin fĂŒhrt Er uns?

Denn bevor Jesus sagte: „Ich werde wiederkommen“, sagte Er Seinen JĂŒngern noch etwas Außergewöhnliches:

„Ich gehe hin, euch eine StĂ€tte zu bereiten.“

2. „ICH GEHE HIN, EUCH EINE STÄTTE ZU BEREITEN“ — TATI

„Ich gehe hin, euch eine StĂ€tte zu bereiten.“

Jesus spricht diese Worte in einem Augenblick, in dem die JĂŒnger nicht mit Ruhe in die Zukunft blickten. Er hatte gerade begonnen, mit ihnen ĂŒber Sein Fortgehen zu sprechen, und fĂŒr Menschen, die ihr Leben an Seine Gegenwart gebunden hatten, brachte diese Nachricht Unruhe. Gerade deshalb spricht Jesus, bevor Er ihnen sagt, dass Er wiederkommen wird, ĂŒber den Ort, zu dem Sein Fortgehen fĂŒhrt:

„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wĂ€re, hĂ€tte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch eine StĂ€tte zu bereiten? Und wenn ich hingehe und euch eine StĂ€tte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“
Johannes 14,1–3

Wir haben diese Worte bereits in der vergangenen Episode gelesen, als wir der Verheißung Seiner Wiederkunft gefolgt sind. Heute möchten wir jedoch bei einem anderen Teil davon stehen bleiben. Jesus sagt nicht nur: „Ich werde wiederkommen“, sondern verbindet Seine Wiederkunft mit etwas, das vorbereitet wird: „Ich gehe hin, euch eine StĂ€tte zu bereiten.“

FĂŒr viele Menschen ist das Bild vom Leben nach dem Tod oder von der Ewigkeit mit Gott ziemlich unklar geblieben. Wir sprechen vom „Himmel“, und unser Denken kann Bilder hervorbringen, die mehr aus Tradition, GemĂ€lden, Filmen oder volkstĂŒmlichen Vorstellungen stammen als aus dem, was die Heilige Schrift beschreibt. Wir sehen Wolken, weiß gekleidete Menschen, Engel mit Harfen und eine Existenz, die sich irgendwo weit entfernt von der wirklichen Welt abzuspielen scheint, die wir kennen.

Doch wenn wir der Heiligen Schrift bis zu ihren letzten Kapiteln folgen, begegnet uns ein wesentlich reicheres Bild.

Die Bibel endet nicht damit, dass der Mensch Gottes Schöpfung fĂŒr immer verlĂ€sst, um irgendwo im Himmel in einer gestaltlosen Existenz zu leben. Johannes sagt:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde ...“
Offenbarung 21,1

Es ist ein Ausdruck, den wir fĂŒr einige Augenblicke in unseren Gedanken festhalten sollten: „eine neue Erde“.

Die Geschichte der Bibel beginnt damit, dass Gott eine Erde fĂŒr den Menschen erschafft, und sie endet mit dem Bild einer erneuerten Schöpfung, in der Gott wieder bei den Menschen wohnt. Was die SĂŒnde zerstört hat, ist nicht das letzte Kapitel von Gottes Schöpfung, und das, was der Tod uns heute nimmt, bestimmt nicht fĂŒr immer die Existenz des Menschen.

Darum bedeutet die christliche Hoffnung nicht den Wunsch, fĂŒr immer vor allem zu fliehen, was menschliche Existenz bedeutet. Die Auferstehung, ĂŒber die wir im vorherigen Punkt gesprochen haben, zeigt uns gerade das Gegenteil. Gott gibt weder den Menschen noch Seinen Plan fĂŒr die Schöpfung auf. Die Heilige Schrift fĂŒhrt uns zur Wiederherstellung.

Paulus spricht ĂŒber die Auferstehung und sagt:

„Es wird gesĂ€t verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesĂ€t in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesĂ€t in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft.“
1. Korinther 15,42–43

Die Zukunft, die Gott vorbereitet, ist also keine Ewigkeit, in der der Mensch aufhört, Mensch zu sein. Die Auferstehung spricht von KontinuitĂ€t und Verwandlung, vom erlösten Menschen, befreit von VergĂ€nglichkeit, Tod und allem, was die SĂŒnde ĂŒber seine Existenz gebracht hat.

Und wenn wir zur Offenbarung gelangen, werden die Menschen, denen wir in der wiederhergestellten Schöpfung begegnen, nicht als Wesen ohne IdentitĂ€t und TĂ€tigkeit dargestellt, die ziellos durch eine bedeutungslose Existenz schweben. Die Heilige Schrift sagt, dass Gottes Knechte Ihm dienen und „von Ewigkeit zu Ewigkeit herrschen“ werden. Wir sehen eine Stadt, wir sehen Völker, wir sehen den Strom des Lebens und den Baum des Lebens. Wir sehen eine Existenz in der Gegenwart Gottes, aus der der Fluch verschwunden ist.

Uns wird nicht alles darĂŒber gesagt, wie dieses Leben aussehen wird, und wir mĂŒssen die Dinge, die Gott uns nicht offenbart hat, nicht mit unserer Fantasie ausfĂŒllen. Aber uns wird genug gesagt, damit wir verstehen können, dass die Ewigkeit mit Gott keine leere, eintönige und bedeutungslose Existenz ist.

Sie ist Leben.

Leben ohne Tod.

Leben ohne SĂŒnde.

Leben ohne den Fluch, der heute alles berĂŒhrt, was der Mensch aufbaut.

Leben in der Gegenwart Gottes.

Und ich glaube, genau hier mĂŒssen wir darauf achten, nicht einen weiteren Fehler zu machen. Wir können so sehr von dem fasziniert sein, was Gott vorbereitet, dass wir vergessen, warum dieser Ort wirklich außergewöhnlich ist.

Jesus sagt Seinen JĂŒngern nicht nur:

„Ich bereite euch eine StĂ€tte.“

Er fÀhrt fort:

„... damit auch ihr seid, wo ich bin.“

Das ist das Zentrum der Verheißung.

Nicht das Gold steht im Mittelpunkt.

Nicht die Perlen.

Nicht die Tatsache, dass wir Krankheit oder Alter nicht mehr kennen werden.

Nicht die Schönheit einer Welt, die wir uns heute kaum vorstellen können.

All das ist außergewöhnlich. Doch wenn wir dabei stehen bleiben, besteht die Gefahr, dass wir auf die Gaben schauen und Denjenigen aus den Augen verlieren, der sie gibt.

Jesus sagt: „damit auch ihr seid, wo ich bin.“

Am Anfang der Heiligen Schrift verliert der Mensch gerade diese NĂ€he. Nach dem SĂŒndenfall verstecken sich Adam und Eva vor Gottes Angesicht, und der Weg zum Baum des Lebens wird verschlossen. Am Ende der Heiligen Schrift finden wir ein Bild, das genau das Gegenteil zeigt:

„Sie werden sein Angesicht sehen ...“
Offenbarung 22,4

Vom Menschen, der sich vor Gottes Angesicht versteckt, bis zu dem Menschen, der Sein Angesicht sehen wird, spricht die gesamte Heilige Schrift von dem Werk, durch das Gott wiederherstellt, was die SĂŒnde zerbrochen hat.

Dorthin fĂŒhrt der Weg.

Wenn Christus also sagt: „Ich gehe hin, euch eine StĂ€tte zu bereiten“, gibt Er uns nicht nur Trost fĂŒr schwere Tage und auch nicht lediglich ein schönes Bild, mit dem wir uns angesichts des Todes beruhigen können. Er richtet unseren Blick auf das Ende einer Geschichte, in der Gott Seine Schöpfung und die erlösten Menschen zu der Wiederherstellung fĂŒhrt, die Er verheißen hat.

Und wenn wir verstehen wollen, warum diese Hoffnung zu einer so starken Motivation fĂŒr den Menschen werden kann, der heute durch eine Welt geht, in der noch Leid, Krankheit, Ungerechtigkeit und Tod existieren, dann mĂŒssen wir etwas ganz Einfaches tun:

FĂŒr einige Augenblicke auf den Ort schauen, von dem Jesus gesagt hat:

„Ich gehe hin, ihn euch zu bereiten.“

Die Heilige Schrift sagt uns nicht alles.

Doch das, was sie uns sagt, reicht aus, damit wir fĂŒr einige Augenblicke aus dem Rennen der Gegenwart heraustreten und nach vorne schauen.

Auf einen neuen Himmel.

Auf eine neue Erde.

Auf die Stadt, von der Johannes sagt:

„Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmĂŒckte Braut fĂŒr ihren Mann.“
Offenbarung 21,2

MAMI — ERZÄHLENDER MOMENT II

SCHAU HIN ...

Blende fĂŒr einige Augenblicke den LĂ€rm der Welt aus, in der du lebst, und versuche dorthin zu schauen, wohin Johannes schauen durfte.

Er sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Dann sieht er die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, „bereitet wie eine geschmĂŒckte Braut fĂŒr ihren Mann“.

Eine Stadt, wie unsere Augen sie noch nie gesehen haben.

Ihre Mauern glĂ€nzen, ihre Grundsteine sind mit Edelsteinen geschmĂŒckt, die zwölf Tore sind zwölf Perlen, und die Straße der Stadt besteht aus reinem Gold, wie durchsichtiges Glas. Ihre Tore werden nicht mehr geschlossen, denn dort gibt es keine Nacht mehr. Ihr Licht kommt weder von der Sonne noch vom Mond. Die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.

Durch die Stadt fließt der Strom mit dem Wasser des Lebens, klar wie Kristall, der vom Thron Gottes und des Lammes ausgeht, und an seinen Ufern befindet sich wieder der Baum des Lebens.

Derselbe Baum, dem wir am Anfang der Bibel in Eden begegnen, erscheint nun am Ende wieder.

Nur ist diesmal der Weg zu ihm nicht mehr verschlossen.

Der Fluch ist verschwunden.

Und mit ihm verschwindet alles, was unser Leben hier so schwer gemacht hat.

In jener Stadt gibt es kein Bett mehr, an dem jemand um den Menschen weint, den er liebt. Es gibt keine Nachricht ĂŒber eine Diagnose mehr, die das Leben einer Familie innerhalb eines Augenblicks verĂ€ndert. Es gibt keine letzte Umarmung, keinen letzten Abschied und keinen leeren Platz mehr, den jemand hinterlassen hat, der nicht mehr nach Hause zurĂŒckkehrt.

Es gibt kein Alter mehr, das den Körper schwÀcht, keinen Schmerz, der eine Nacht in eine endlose Reihe von Stunden verwandelt, und keinen Tod mehr, der einem Leben ein Ende setzt.

Denn Johannes hört die Stimme, die sagt:

„Und Gott wird abwischen alle TrĂ€nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“
Offenbarung 21,4

Stellt euch vor, wie es wĂ€re zu leben, ohne die vergangenen Jahre zĂ€hlen zu mĂŒssen und ohne Angst vor denen zu haben, die noch kommen.

Zu lieben, ohne Angst davor zu haben, dass der Tod dich eines Tages von dem Menschen trennen wird, den du liebst.

Das Leben zu genießen, ohne zu wissen, dass irgendwo an seinem Ende das Ende selbst auf dich wartet.

Zu bauen, ohne dass die Zeit zerstört, zu leben, ohne dass die SĂŒnde verletzt, und in einer Welt aufzuwachen, in der das Böse nicht mehr herrscht und der Tod nicht mehr am Ende des Lebens wartet.

Das ist das Bild, das Gott an das Ende der Heiligen Schrift gestellt hat.

Doch selbst dann, wenn unser Blick nur beim Gold der Stadt, bei den Perlentoren, beim Strom des Lebens und bei der Welt bleibt, in der es keinen Tod mehr gibt, sind wir noch immer nicht bei dem angekommen, was am schönsten ist.

Denn mitten in all diesen Dingen hört Johannes:

„Siehe da, die HĂŒtte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“
Offenbarung 21,3

Hier schließt sich ein Weg, der vor sehr langer Zeit begonnen hat.

In Eden versteckte sich der Mensch vor Gottes Angesicht.

Am Ende der Heiligen Schrift lesen wir nur diese Worte:

„Sie werden sein Angesicht sehen.“
Offenbarung 22,4

Vielleicht ist dies das schönste Bild von allen.

Nach all der Zeit, in der der Mensch Gott im Glauben gesucht hat, nach Gebeten, die gesprochen wurden, ohne Ihn zu sehen, nach Fragen, KĂ€mpfen, StĂŒrzen und erneutem Aufstehen, kommt der Tag, an dem der Glaube zur Begegnung wird.

„Sie werden sein Angesicht sehen.“

FĂŒr einige Augenblicke haben wir nach vorne geschaut, auf die Welt, die Gott vorbereitet.

Nun können wir zum morgigen Morgen zurĂŒckkehren, zur Arbeit, zur Familie, zu unseren Sorgen, zu unseren PlĂ€nen und zu dem Leben, das noch gelebt werden muss.

Nur eine Frage bleibt bei uns:

Wenn dies der Ort ist, auf den Gott unseren Blick richtet, und wenn am Ende des Weges Er selbst auf uns wartet – wie wollen wir dann die Zeit zwischen heute und dem Tag leben, an dem wir Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werden?

TATI — WENN DIR NOCH ZEIT GEGEBEN IST, WAS WIRST DU MIT IHR TUN?

Mami hat mit einer Frage geendet: Wie wollen wir die Zeit zwischen heute und dem Tag leben, an dem wir Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werden?

Und ich glaube, es lohnt sich, hier noch ein wenig zu verweilen.

Wir haben oft die Frage gehört: „Wenn du wĂŒsstest, dass morgen der letzte Tag deines Lebens wĂ€re, was wĂŒrdest du Ă€ndern?“ Diese Frage versucht uns bewusst zu machen, wie kostbar die Zeit ist. Doch ich möchte die Dinge aus einer anderen Richtung betrachten.

Was, wenn morgen nicht der letzte Tag ist?

Was, wenn du morgen frĂŒh aufwachst, die Augen öffnest und Gott dir noch einen Tag schenkt? Und danach noch einen und noch einen? Was, wenn noch Monate oder Jahre vor dir liegen, bis dein Weg endet oder bis Derjenige kommt, der gesagt hat: „Ja, ich komme bald“? Was wirst du mit dieser Zeit tun?

Denn es ist relativ leicht, sich vorzustellen, was wir an einem letzten Tag tun wĂŒrden. Wahrscheinlich wĂŒrden wir viele Dinge beiseitelegen, die uns heute dringend erscheinen. Wir wĂŒrden die Menschen suchen, die wir lieben, Worte aussprechen, die wir aufgeschoben haben, schneller vergeben, um Vergebung bitten, anders beten und das Leben mit anderen Augen betrachten.

Doch unser Leben wird nicht an einem einzigen letzten Tag aufgebaut. Es entsteht gerade aus all den gewöhnlichen Tagen, von denen wir am Anfang dieser Episode gesprochen haben.

Aus den Morgenstunden, an denen wir aufstehen und zur Arbeit gehen.

Aus den Abenden, an denen wir mĂŒde nach Hause kommen.

Aus der Art, wie wir mit dem Menschen neben uns sprechen.

Aus den Entscheidungen, die niemand sieht.

Aus den Dingen, die wir immer wieder tun, bis sie schließlich den Menschen formen, der wir werden.

Darum lautet die Frage nicht nur: Was wĂŒrde ich tun, wenn mir noch vierundzwanzig Stunden blieben? Die Frage lautet: Was tue ich mit den Jahren, Monaten, Wochen oder Tagen, die Gott noch vor mich stellt?

Paulus sagt im Epheserbrief:

„So seht nun sorgfĂ€ltig darauf, wie ihr euer Leben fĂŒhrt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn die Tage sind böse.“
Epheser 5,15–16

„Kauft die Zeit aus.“

Mit anderen Worten: Zeit ist nicht nur etwas, das vergeht. Sie ist etwas, das uns gegeben wurde und das wir nutzen können.

Wir können den heutigen Tag nicht fĂŒr spĂ€ter aufbewahren. Wir können ihn nicht beiseitelegen und auch nicht in zehn Jahren zurĂŒckkehren, um ihn noch einmal zu leben. Wenn er vergangen ist, bleibt das zurĂŒck, was wir mit ihm getan haben und was er in uns hervorgebracht hat.

Das bedeutet, dass die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi uns nicht dazu bringen sollte, zwanghaft die Tage bis zu Seinem Kommen zu zÀhlen. Jesus hat uns nicht dazu aufgerufen, unser Leben damit zu verbringen, ein Datum berechnen zu wollen, das der Vater uns nicht offenbart hat. Er hat uns dazu aufgerufen, in der uns anvertrauten Zeit treu erfunden zu werden.

Und hier kann jeder von uns sein eigenes Leben betrachten.

Wenn du etwas in Ordnung bringen musst, warum solltest du bis zu einem letzten Tag warten, um damit anzufangen?

Wenn es einen Menschen gibt, dem du vergeben musst, wie viel von der Zeit, die dir noch bleibt, möchtest du damit verbringen, die Last dieser Verletzung zu tragen?

Wenn du selbst einen Fehler gemacht hast, warum solltest du warten, bis Stolz, Entfernung oder die Jahre die Worte „Vergib mir“ noch schwerer aussprechbar machen?

Wenn es etwas Gutes gibt, das du tun kannst, einen Menschen, dem du helfen kannst, eine Beziehung, um die du dich kĂŒmmern kannst, oder eine Gabe, die Gott in deine HĂ€nde gelegt hat – wann soll der richtige Augenblick zum Beginnen kommen, wenn jeder geeignete Tag auf morgen verschoben wird?

Und es gibt noch eine Frage, die viel tiefer geht als all diese: Welchen Platz nimmt Gott in dem Leben ein, das ich aufbaue?

FĂŒr den Menschen, der Christus nachfolgt, kann diese Frage unangenehm sein. Wir können glauben, beten, zur Gemeinde gehen, die Heilige Schrift kennen und dennoch so sehr von all dem eingenommen werden, was erledigt, gekauft, bezahlt und geplant werden muss, dass Gott zwar in unserem Glauben gegenwĂ€rtig bleibt, aber immer weniger in der Art, wie wir unsere Tage tatsĂ€chlich leben.

Und fĂŒr den Menschen, der von Gott gehört hat, der vielleicht sogar glaubt, dass Er existiert, sein Leben aber aufgebaut hat, ohne dass Gott darin einen wirklichen Platz einnimmt, geht die Frage noch tiefer.

Wenn Gott wirklich ist, wenn Christus auferstanden ist, wenn Er tatsĂ€chlich gesagt hat „Ich werde wiederkommen“ und wenn die Geschichte auf jene Begegnung zulĂ€uft, von der die Heilige Schrift spricht, dann lohnt es sich zu fragen, ob du dein gesamtes Leben ohne Denjenigen aufbauen möchtest, auf den dieses Leben zulĂ€uft.

Du musst nicht auf eine Tragödie warten, um anzufangen, ĂŒber Gott nachzudenken.

Du musst nicht erst am Ende deiner KrÀfte sein, um zu beten.

Du brauchst keinen letzten Tag vor dir, damit die wirklich wichtigen Fragen wichtig werden.

Wenn du morgen frĂŒh die Augen öffnest, hast du einen weiteren Tag bekommen, an dem du entscheiden kannst, was fĂŒr ein Mensch du sein möchtest und in welche Richtung du gehen willst.

Du kannst mehr lieben.

Du kannst vergeben.

Du kannst um Vergebung bitten.

Du kannst beginnen, was du aufgeschoben hast.

Du kannst das zurĂŒcklassen, von dem du weißt, dass es dich von Gott entfernt.

Du kannst Ihn suchen.

Und du kannst all das tun, ohne in Angst davor zu leben, dass die Zeit zu Ende geht, sondern in dem Bewusstsein, dass die Zeit, die du hast, zÀhlt.

Darum möchte ich, dass die Frage, die wir aus dieser Episode mitnehmen, nicht lautet: „Was wĂŒrdest du tun, wenn du morgen sterben wĂŒrdest?“

Ich möchte, dass sie lautet:

Wenn dir von morgen an noch Zeit gegeben ist, bis Derjenige kommt, der gesagt hat „Ja, ich komme bald“ – was wirst du mit dieser Zeit tun?

Was wirst du verÀndern?

Was wirst du in Ordnung bringen?

Was wirst du beginnen?

Was wirst du zurĂŒcklassen?

Und vor allem: Welchen Platz wirst du Gott in dem Leben geben, das du noch zu leben hast?

Denn wir wissen nicht, wie lang der Weg ist.

Aber wir wissen etwas ĂŒber das Ziel.

Und wichtiger noch: Wir wissen, Wer am Ende dieses Weges auf uns wartet.

TATI — DAS ZENTRUM DER HOFFNUNG IST NICHT NUR DIE NEUE WELT, SONDERN ER

Wir haben auf die Welt geschaut, die Gott vorbereitet. Wir haben ĂŒber einen neuen Himmel und eine neue Erde gesprochen, ĂŒber eine Stadt, in der der Tod nicht mehr existieren wird, ĂŒber ein Leben, aus dem Schmerz, Fluch und alles, was die SĂŒnde zerstört hat, verschwunden sein werden.

Und all das sind außergewöhnliche GrĂŒnde zur Hoffnung.

Doch wenn wir hier stehen bleiben wĂŒrden, wĂŒrden wir gerade das Zentrum der Verheißung verpassen.

Als Jesus mit Seinen JĂŒngern ĂŒber die Zukunft sprach, sagte Er ihnen nicht nur, dass Er hingeht, um eine StĂ€tte vorzubereiten. Er sagte:

„Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“
Johannes 14,3

„Wo ich bin.“

Das ist das Herz der christlichen Hoffnung.

Wir freuen uns darĂŒber, dass der Tod nicht mehr sein wird, dass der Schmerz verschwinden und Gott alles neu machen wird. Doch die grĂ¶ĂŸte Verheißung der Ewigkeit bleibt Seine Gegenwart.

Darum finden wir am Ende der Heiligen Schrift, nach all den außergewöhnlichen Bildern des neuen Jerusalems, einige Worte, die mehr sagen als Gold, Perlen und Edelsteine:

„Sie werden sein Angesicht sehen.“
Offenbarung 22,4

Dorthin fĂŒhrt der Weg.

Wir gehen nicht nur auf eine neue Welt zu. Wir gehen auf Ihn zu.

Und wenn Christus am Ende des Weges auf uns wartet, dann beginnt unsere Hoffnung nicht erst an dem Tag, an dem wir Ihn sehen werden. Sie kann bereits heute verÀndern, wie wir auf diesen Tag zugehen.

Derjenige, der gesagt hat „Ja, ich komme bald“, ist Derselbe, der gesagt hat:

„... damit auch ihr seid, wo ich bin.“

MAMI — SCHLUSSWORT

Morgen frĂŒh wird der Wecker wieder klingeln.

Wir werden aufstehen, uns fertig machen, zur Arbeit gehen, Dinge zu erledigen haben, Menschen begegnen, Sorgen tragen und versuchen, unsere PlÀne zu verwirklichen. Das Leben wird in vieler Hinsicht genauso aussehen wie das, das wir gestern gelebt haben.

Doch nachdem wir fĂŒr einige Augenblicke auf das Ende des Weges geschaut haben, können wir anders zu all diesen Dingen zurĂŒckkehren.

Denn der morgige Tag ist nicht einfach nur ein weiterer Tag, der vergeht. Er ist geschenkte Zeit – Zeit, in der wir lieben, vergeben, Dinge in Ordnung bringen, neu beginnen und nĂ€her bei Gott leben können.

Wir wissen nicht, wie viele solcher Morgen noch vor uns liegen und auch nicht, wie lang unser Weg sein wird.

Aber wir wissen, auf Wen wir zugehen.

Christus hat gesagt:

„Ja, ich komme bald.“

Bis dahin haben wir ein Leben zu leben, Menschen zu lieben, Gutes zu tun und einen Weg zu gehen, auf dem es sich lohnt, den Blick auf Ihn gerichtet zu halten.

Denn am Ende des Weges wartet nicht nur eine Welt ohne TrÀnen, ohne Schmerz und ohne Tod auf uns.

Er wartet auf uns.

Bis zum nĂ€chsten Mal wĂŒnschen wir dir nur eines:

Möge Gottes Gnade auch dich motivieren, wo immer du bist, was immer du erlebst und wie schwer oder schön dein Weg auch sein mag.

Bleib behĂŒtet, lieber Mensch.

In Liebe,
Petru und Adriana von Har și Motivație.

Episode 36 ✹ JA, ICH KOMME BALD

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

JA, ICH KOMME BALD

1. VOM EDEN BIS ZU DEN TAGEN NOAHS — EINE VERHEISSUNG UND EINE WARNUNG

„Ja, ich komme bald.“

Mit diesen Worten haben wir die vergangene Episode beendet. Sie gehören beinahe zu den letzten Worten der Heiligen Schrift und zu den letzten Verheißungen, die Jesus ausgesprochen hat:

„Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. Amen! Komm, Herr Jesus!“
Offenbarung 22,20

Die Geschichte Seines Kommens beginnt jedoch nicht in der Offenbarung. Um zu verstehen, wie tief diese Verheißung die gesamte Heilige Schrift durchzieht, mĂŒssen wir noch einmal zum Anfang zurĂŒckkehren – diesmal nicht vor die Schöpfung, wie wir es in der vergangenen Episode getan haben, sondern zu einem der schmerzhaftesten Augenblicke der Menschheitsgeschichte, unmittelbar nach dem SĂŒndenfall.

Adam und Eva befinden sich noch im Garten Eden. Die SĂŒnde war in die Erfahrung des Menschen eingedrungen, die Beziehung zu Gott war zerbrochen, und die Folgen des Ungehorsams begannen ausgesprochen zu werden. Gerade in diesem Augenblick, mitten im Gericht, stellt Gott der Menschheit eine Verheißung vor Augen, die sich durch die gesamte biblische Geschichte ziehen wird. An die Schlange gewandt sagt Gott:

„Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“
1. Mose 3,15

Der Mensch hatte den Garten noch nicht verlassen, und Gott sprach bereits von Dem, der kommen sollte. Die Schlange wĂŒrde zuschlagen, doch der Same der Frau wĂŒrde ihr den Kopf zertreten. Im Licht der gesamten Heiligen Schrift betrachtet, wurde dieser Text hĂ€ufig als das „erste Evangelium“ bezeichnet – als die erste AnkĂŒndigung des Sieges, der durch Christus kommen sollte. Bethlehem, die Krippe, Golgatha und das leere Grab waren noch nicht da, und auch der Name Jesus war noch nicht ausgesprochen worden; doch mitten in einer Welt, die gerade erst die SĂŒnde kennengelernt hatte, verkĂŒndete Gott, dass das Böse nicht das letzte Wort haben wĂŒrde.

Bedeutsam ist auch der Augenblick, in dem diese Verheißung ausgesprochen wird. Gott wartet nicht darauf, dass der Mensch repariert, was er zerstört hat, und auch nicht darauf, dass die Welt ihre verlorene Schönheit zurĂŒckgewinnt. Die Verheißung erscheint mitten in den Folgen des Ungehorsams. Adam und Eva werden Eden verlassen und die Folgen ihrer Entscheidung mit sich tragen, doch zugleich werden sie mit einem Wort Gottes gehen, das nach vorne weist – auf Den, durch den das Böse besiegt werden sollte.

Die Generationen vergehen, und die Fortsetzung des ersten Buches Mose zeigt uns keine Menschheit, die es aus eigener Kraft schafft, zu dem in Eden verlorenen Zustand zurĂŒckzukehren. Kain tötet Abel, Gewalt breitet sich aus, die SĂŒnde vertieft sich, und nur wenige Kapitel spĂ€ter beschreibt die Schrift den Zustand der Menschheit mit erschĂŒtternden Worten:

„Als aber der HERR sah, dass die Bosheit des Menschen sehr groß war auf der Erde und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse ...“
1. Mose 6,5

In dieser Welt erscheint Noah, dem Gott offenbart, dass ein Gericht ĂŒber die Erde kommen wird, und dem Er befiehlt, die Arche zu bauen. FĂŒr Noah war das, was Gott angekĂŒndigt hatte, noch nicht mit den Augen zu sehen. Die Sintflut war noch nicht gekommen, die Wasser hatten die Erde noch nicht bedeckt, und die Welt um ihn herum ging weiterhin ihren gewohnten Gang. Vor ihm stand jedoch das Wort Gottes ĂŒber ein Ereignis, das noch kommen sollte. Das Neue Testament beschreibt auf wunderbare Weise, wie Noah auf dieses Wort reagierte:

„Durch Glauben baute Noah, als er eine göttliche Weisung ĂŒber die noch nicht sichtbaren Dinge empfangen hatte, von Gottesfurcht bewegt eine Arche zur Rettung seines Hauses ...“
HebrÀer 11,7

Der Ausdruck „die noch nicht sichtbaren Dinge“ hilft uns, Noahs Platz innerhalb des Themas zu verstehen, dem wir folgen. Sein Glaube stĂŒtzte sich nicht auf das, was er bereits sehen konnte, sondern auf die GlaubwĂŒrdigkeit Dessen, der gesprochen hatte. Er richtete sein Leben nach einem Wort Gottes aus, dessen ErfĂŒllung noch in der Zukunft lag, und die Zeit zwischen Verheißung und ErfĂŒllung verĂ€nderte die Wahrheit dieses Wortes nicht.

Die Arche wurde gebaut, die Tage vergingen, das Leben ringsum ging weiter, und das AngekĂŒndigte blieb noch unsichtbar. Doch dann kam der Tag, an dem das, was im Glauben angenommen worden war, vor den Augen aller Wirklichkeit wurde. Die vergangene Zeit hatte Gottes Wort weder aufgehoben noch seine Gewissheit vermindert.

Genau hier entsteht eine außergewöhnliche Verbindung zum Thema der Wiederkunft Christi. Denn Tausende Jahre spĂ€ter, als Jesus ĂŒber Seine eigene Wiederkunft spricht, lenkt Er selbst den Blick der JĂŒnger auf die Tage Noahs:

„Wie es aber in den Tagen Noahs war, so wird es auch bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und verheirateten bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging, und nichts merkten, bis die Sintflut kam und sie alle dahinraffte, so wird auch die Wiederkunft des Menschensohnes sein.“
MatthĂ€us 24,37–39

Jesus beschreibt hier eine Welt, in der das Leben seinen gewöhnlichen Rhythmus fortsetzte. Die Menschen aßen, tranken, heirateten, machten PlĂ€ne und beschĂ€ftigten sich mit den Dingen des Alltags. Diese TĂ€tigkeiten waren an sich nicht das Problem, denn sie gehören zum natĂŒrlichen menschlichen Leben. Die Gefahr bestand darin, dass das Leben so selbstverstĂ€ndlich weitergehen konnte, dass die Wirklichkeit des von Gott gesprochenen Wortes völlig aus ihrem Blickfeld verschwand. Das angekĂŒndigte Ereignis hörte nicht auf nĂ€herzukommen, nur weil die Menschen ungestört ihr Leben weiterfĂŒhrten.

Hier erreicht die Warnung aus den Tagen Noahs unmittelbar auch uns. Das Vergehen der Zeit kann dazu fĂŒhren, dass der Mensch sich so sehr an eine Verheißung gewöhnt, dass er lebt, ohne dass sie noch Einfluss darauf hat, wie er sein Leben gestaltet. Die Schrift zeigt uns jedoch, dass der Zeitraum zwischen Gottes Wort und seiner ErfĂŒllung eine Verheißung nicht in eine bloße Möglichkeit verwandelt. Was Gott beschlossen hat, bleibt gewiss, unabhĂ€ngig davon, wie viel Zeit der Mensch zwischen dem Augenblick misst, in dem das Wort ausgesprochen wurde, und dem Augenblick, in dem er seine ErfĂŒllung sieht.

In Eden hatte Gott angekĂŒndigt, dass der Same der Frau den Kopf der Schlange zertreten wĂŒrde. In den Tagen Noahs sah die Menschheit, dass das, was Gott fĂŒr die Zukunft ankĂŒndigt, gewiss bleibt, auch wenn seine ErfĂŒllung noch nicht sichtbar ist. Zusammen bilden diese beiden Augenblicke den Anfang des roten Fadens, dem wir folgen: eine Verheißung ĂŒber Den, der kommen sollte, und eine Lektion ĂŒber die Gewissheit des Wortes Gottes wĂ€hrend der Zeit des Wartens.

Die Geschichte ging weiter, und Generation folgte auf Generation. Abraham wĂŒrde kommen und gehen, Israel wĂŒrde zu einem Volk werden, Könige und Propheten wĂŒrden auftreten, und die Geschichte wĂŒrde Knechtschaft und Befreiung, Exil und RĂŒckkehr, den Aufstieg von Reichen und ihren Untergang erleben. Durch all dies hindurch wĂŒrde die in Eden ausgesprochene Verheißung bestehen bleiben, wĂ€hrend die Menschheit durch die Geschichte ging und ein Wort mit sich trug, dessen ErfĂŒllung noch ausstand.

Jahrhunderte waren vergangen, seit Gott gesagt hatte, was Er tun wĂŒrde, und der Verheißene war noch nicht so in die Geschichte der Menschheit eingetreten, wie es angekĂŒndigt worden war. Dann, zu dem von Gott bestimmten Zeitpunkt, beschreibt die Schrift die VerĂ€nderung dieses Wartens mit einem außergewöhnlichen Ausdruck:

„Als aber die Zeit erfĂŒllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau ...“
Galater 4,4

Die in Eden ausgesprochene Verheißung war nicht vergessen worden, und die vergangenen Jahrhunderte hatten ihre Kraft nicht geschwĂ€cht. Als die Zeit erfĂŒllt war, hörte das, was Gott angekĂŒndigt hatte, auf, nur eine auf die Zukunft gerichtete Verheißung zu sein.

Der Verheißene trat in die Geschichte ein.

2. DAS ERSTE KOMMEN — DIE VERHEISSUNG TRITT IN DIE GESCHICHTE EIN

„Als aber die Zeit erfĂŒllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau ...“
Galater 4,4

Der Ausdruck „als die Zeit erfĂŒllt war“ stellt uns vor eine Wahrheit, die wir aufmerksam betrachten sollten. Paulus sagt nicht lediglich, dass Jesus irgendwann in der Geschichte geboren wurde, sondern spricht von einer Zeit, die ihre ErfĂŒllung erreicht hatte. Hinter Bethlehem lagen Jahrhunderte des Wartens, Generationen, die gekommen und gegangen waren, und eine ganze Geschichte, durch die Gott Seinen Plan immer weiter offenbart hatte. Was in Eden ausgesprochen worden war, war nicht mit Adam und Eva verschwunden, und die Verheißung war zwischen den Ereignissen, die folgten, nicht verloren gegangen. Sie hatte die Zeit durchquert und war nun an dem von Gott bestimmten Augenblick ihrer ErfĂŒllung angekommen.

Im Laufe dieser Jahrhunderte war die Verheißung immer deutlicher geworden. Abraham war gesagt worden, dass in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollten. Aus dem Stamm Juda sollte Der kommen, dem die Herrschaft gehört. David hatte die Verheißung eines Königs empfangen, dessen Reich Bestand haben wĂŒrde, und die Propheten hatten Generation fĂŒr Generation weitere Einzelheiten ĂŒber Den hinzugefĂŒgt, der kommen sollte. Jesaja hatte von einem Sohn gesprochen, der geboren werden wĂŒrde, Micha hatte auf Bethlehem hingewiesen, und das Bild des Verheißenen wurde mit dem Fortschreiten der Geschichte immer klarer.

Und dennoch verging fĂŒr diejenigen, die zwischen Verheißung und ErfĂŒllung lebten, weiterhin die Zeit.

Hier verbindet sich auf wunderbare Weise das, was wir im ersten Teil dieser Episode gesehen haben, mit dem, was nun geschieht. In den Tagen Noahs hatte das Vergehen der Zeit die Wahrheit des von Gott gesprochenen Wortes nicht verĂ€ndert, und dasselbe Prinzip erkennen wir in viel grĂ¶ĂŸerem Maßstab im Warten auf den Messias. Die Jahrhunderte hatten die Verheißung nicht in eine religiöse Erinnerung verwandelt, und auch das Schweigen zwischen den letzten prophetischen Stimmen und dem Kommen Christi bedeutete nicht, dass Gott aufgegeben hatte, was Er gesagt hatte. Sein Plan ging weiter auf den Zeitpunkt zu, den Gott selbst bestimmt hatte.

Dann, eines Tages, beginnt das, worauf Generationen gewartet hatten, Wirklichkeit zu werden.

Der Engel Gabriel wird nach Nazareth zu Maria gesandt und sagt zu ihr:

„Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebĂ€ren; und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird regieren ĂŒber das Haus Jakobs in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“
Lukas 1,31–33

Die Verheißung beginnt nun, in der Geschichte des Menschen Gestalt anzunehmen. Der, von dem die Propheten gesprochen hatten, gehört nicht lĂ€nger nur zu einer erwarteten Zukunft. Maria wird Ihn in ihrem Leib tragen, Bethlehem wird Seine Geburt erleben, die Hirten werden Ihn in einer Krippe liegend finden, und Menschen werden sehen, hören und berĂŒhren können, was Gott durch die Jahrhunderte hindurch vorbereitet hatte.

Johannes beschreibt diesen Eintritt Christi in unsere Welt mit den Worten, denen wir bereits in der vergangenen Episode begegnet sind:

„Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
Johannes 1,14

„Das Wort wurde Fleisch.“

In diesem Satz verschwindet die Entfernung zwischen Verheißung und ErfĂŒllung. Der Gott, der durch die Geschichte hindurch gesprochen hatte, tritt selbst in die Geschichte des Menschen ein. Das erste Kommen Christi zeigt uns, dass Gott die Welt, die Er retten will, nicht aus der Ferne betrachtet. Der Verheißene kommt mitten in diese Welt hinein, wird in eine Welt geboren, die von demselben SĂŒndenfall geprĂ€gt ist, dem wir im ersten Buch Mose begegnet sind, und geht durch die menschliche Wirklichkeit hindurch bis zu jenem Ort, auf den die Verheißung aus Eden von Anfang an hingewiesen hatte.

Denn Bethlehem kann nicht von Golgatha getrennt werden.

Das Kind, das in der Krippe geboren wurde, ist Der, von dem der Engel zu Josef gesagt hatte:

„Sie wird aber einen Sohn gebĂ€ren, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erretten von ihren SĂŒnden.“
MatthÀus 1,21

Sein Kommen hatte einen Zweck, und der in Bethlehem begonnene Weg fĂŒhrte zum Kreuz. Dort erhalten die in Genesis gesprochenen Worte ĂŒber den Konflikt zwischen der Schlange und dem Samen der Frau eine Tiefe, die Adam und Eva noch nicht vollstĂ€ndig hĂ€tten erkennen können, als sie sie zum ersten Mal hörten. Christus wird verworfen, verurteilt und gekreuzigt, und das, was vor den Augen der Menschen wie der Sieg der Finsternis erscheint, wird gerade zu dem Ort, an dem die Macht der SĂŒnde und des Bösen den entscheidenden Schlag empfĂ€ngt.

Paulus beschreibt das Geschehen am Kreuz folgendermaßen:

„Als er so die Herrschaften und Gewalten entwaffnet hatte, stellte er sie öffentlich an den Pranger und triumphierte ĂŒber sie an demselben.“
Kolosser 2,15

Das Kreuz ist nicht das Ende des Verheißenen, sondern Sein Sieg. Der Schlag, von dem 1. Mose 3,15 spricht, ist real, das Leiden ist real, der Tod ist real, doch das Grab vermag Ihn nicht festzuhalten. Die Auferstehung zeigt, dass der Tod nicht das letzte Wort hatte, und das, was Gott in Eden anzukĂŒndigen begonnen hatte, erreicht durch den Tod und die Auferstehung Christi den Augenblick des entscheidenden Sieges.

Doch die Schrift zeigt uns zugleich, dass dieser entscheidende Sieg noch auf eine endgĂŒltige ErfĂŒllung vorausweist. Nach Kreuz und Auferstehung kann Paulus den GlĂ€ubigen in Rom noch schreiben:

„Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter euren FĂŒĂŸen zermalmen.“
Römer 16,20

Dies ist eine bemerkenswerte Verbindung zum ersten Buch Mose. Am Anfang der Schrift hören wir, dass der Same der Frau den Kopf der Schlange zertreten wird; am Kreuz sehen wir den Sieg Christi ĂŒber die MĂ€chte des Bösen; und nach der Auferstehung blickt die Schrift weiterhin nach vorne auf den Augenblick, in dem dieser Sieg vollstĂ€ndig und endgĂŒltig offenbar werden wird.

Das erste Kommen Christi wird damit zum Beweis dafĂŒr, dass Gott Sein Wort erfĂŒllt, und zugleich zum Fundament, auf dem wir auf die Verheißung Seines zweiten Kommens blicken können. Wir warten nicht auf die RĂŒckkehr eines Christus, ĂŒber den Gott uns lediglich eine noch nie zuvor erfĂŒllte Verheißung gegeben hĂ€tte. Wir blicken auf die Wiederkunft Dessen, dessen erstes Kommen uns bereits gezeigt hat, was Gott mit Seinen Verheißungen tut.

Ganze Generationen warteten auf die ErfĂŒllung des Wortes ĂŒber den Messias, und als die Zeit erfĂŒllt war, kam Er. Deshalb ist die vergangene Zeit, wenn wir heute die Verheißungen ĂŒber Seine Wiederkunft lesen, kein Argument gegen sie. Das erste Kommen lehrt uns, die Zeit aus der Perspektive der Treue Gottes zu betrachten: Was Er verheißen hat, wird nicht weniger wahr, nur weil der Mensch auf seine ErfĂŒllung warten muss.

Und genau hier vollzieht sich eine außergewöhnliche VerĂ€nderung im roten Faden der Schrift. Bis zu diesem Augenblick blickte die Geschichte nach vorne und sagte: Der Verheißene wird kommen. Nun ist der Verheißene hier. Er geht unter den Menschen umher, spricht zu ihnen, ruft sie, heilt sie, stirbt und steht wieder auf.

Und nachdem Er gekommen ist, beginnt Jesus zu Seinen JĂŒngern ĂŒber Seinen Abschied zu sprechen.

Doch wĂ€hrend Er von Seinem Weggehen spricht, hinterlĂ€sst Er ihnen eine neue Verheißung:

„Ich komme wieder.“

3. DER, DER GEKOMMEN IST, SAGT, DASS ER WIEDERKOMMEN WIRD

Die erste große Erwartung der Heiligen Schrift hatte ihre ErfĂŒllung erreicht, und aus dem Mund Dessen, der gekommen war, begann nun eine neue.

Jesus lebte mitten unter Seinen JĂŒngern, und Seine Gegenwart war fĂŒr sie Teil der Wirklichkeit jedes einzelnen Tages geworden. Sie hatten gesehen, wie Er Kranke heilte, den Sturm stillte, die Brote vermehrte, Lazarus aus dem Grab rief und mit einer AutoritĂ€t ĂŒber das Reich Gottes sprach, die sie bei keinem anderen Menschen erlebt hatten. Sie hatten ihr frĂŒheres Leben zurĂŒckgelassen, um Ihm zu folgen, und obwohl sie noch nicht alles verstanden, was geschehen wĂŒrde, war ihre Zukunft mit Seiner Gegenwart verbunden.

Gerade deshalb beunruhigen sie Seine Worte, als Jesus beginnt, von Seinem Weggehen zu sprechen. Im Obersaal, kurze Zeit vor dem Kreuz, weiß Er, was bevorsteht. Er weiß, dass Sein Weg nach Golgatha fĂŒhrt, und Er weiß, dass die JĂŒnger Augenblicke erleben werden, in denen das, was sie sehen, allem zu widersprechen scheint, worauf sie gehofft hatten.

In diesem Zusammenhang sagt Er zu ihnen:

„Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn nicht, so hĂ€tte ich es euch gesagt. Ich gehe hin, um euch eine StĂ€tte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine StĂ€tte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“
Johannes 14,1–3

Mitten in diesen Worten befindet sich die Verheißung, die die nĂ€chste große Erwartung der Schrift eröffnet:

„Ich komme wieder.“

Es ist wichtig zu beachten, wer diese Verheißung ausspricht. Hier spricht nicht ein Prophet ĂŒber jemanden, der in einer fernen Zukunft kommen wird, wie es im Alten Testament so oft geschehen war. Jetzt spricht Derjenige selbst, dessen Kommen verheißen worden war. Christus, in dem die erste Verheißung ihre ErfĂŒllung gefunden hatte, sagt Seinen JĂŒngern, dass Sein Weggehen nicht das letzte Kapitel Seiner Beziehung zu dieser Welt sein wird.

Und noch etwas ist tiefgrĂŒndig an der Art, wie Jesus diese Verheißung formuliert. Er sagt nicht nur, dass Er wiederkommen wird, sondern fĂŒgt den Zweck Seiner Wiederkunft hinzu: „Ich werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.“ Im Mittelpunkt Seiner Wiederkunft steht erneut die Beziehung zwischen Gott und Mensch – dieselbe Beziehung, die in Eden zerbrochen wurde und auf deren Wiederherstellung die gesamte Schrift zulĂ€uft.

Sein Kommen wird den JĂŒngern nicht lediglich als ein spektakulĂ€res Ereignis dargestellt, das irgendwann am Ende der Geschichte stattfinden wird, sondern als der Augenblick, in dem Der, der fortgeht, zurĂŒckkehrt, um die Seinen zu Sich zu nehmen. Deshalb konzentriert sich die christliche Hoffnung nicht in erster Linie auf ein Datum, auf eine Abfolge von Ereignissen oder auf den Versuch auszurechnen, wie viel Zeit noch bleibt, sondern auf die Person, die die Verheißung gegeben hat.

Der, der sagt „Ich komme wieder“, ist Derselbe, der bereits gekommen war, als Gott gesagt hatte, dass Er kommen wĂŒrde.

Und diese Wirklichkeit verleiht der Verheißung ein außergewöhnliches Gewicht.

Jesus spricht jedoch auch darĂŒber, wie die Welt jenem Tag begegnen wird. Und hier kehren wir zu einer Stelle der Schrift zurĂŒck, der wir bereits am Anfang dieser Episode begegnet sind. Als die JĂŒnger Ihn nach Seiner Wiederkunft fragen, fĂŒhrt Er sie gerade zu den Tagen Noahs:

„Wie es aber in den Tagen Noahs war, so wird es auch bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und verheirateten bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging, und nichts merkten, bis die Sintflut kam und sie alle dahinraffte, so wird auch die Wiederkunft des Menschensohnes sein.“
MatthĂ€us 24,37–39

Nun verstehen wir, weshalb die Tage Noahs fĂŒr unseren roten Faden so wichtig waren. Sie sind nicht lediglich eine alte Geschichte ĂŒber ein Gericht, das ĂŒber die damalige Welt kam, denn Jesus selbst macht sie zu einem Bezugspunkt, von dem aus die JĂŒnger auf die Wiederkunft des Menschensohnes blicken sollen.

In den Tagen Noahs ging das Leben der Welt weiter, wĂ€hrend das von Gott angekĂŒndigte Ereignis nĂ€herkam, unabhĂ€ngig davon, wie viel Aufmerksamkeit die Menschen ihm schenkten. Genauso, sagt Jesus, schreitet die Geschichte auf einen von Gott bestimmten Tag zu, und die Tatsache, dass das Leben der Menschheit seinen gewöhnlichen Rhythmus fortsetzt, verĂ€ndert nicht die Richtung, in die sie sich bewegt.

Die Warnung Jesu ruft uns hier nicht zur Panik, sondern zur Wachsamkeit und Klarheit. Das Warten auf Seine Wiederkunft bedeutet nicht, die Verantwortung des Lebens aufzugeben. GlĂ€ubige Menschen arbeiten weiterhin, ziehen ihre Familien groß, bauen, dienen und leben in der Welt, in die Gott sie gestellt hat. Der Unterschied liegt in der Perspektive, aus der all dies gelebt wird. Wer dem Wort Christi glaubt, macht die vergĂ€nglichen Dinge nicht zu seiner letzten Wirklichkeit, denn er weiß, dass die Geschichte eine Richtung hat und dass Christus gesagt hat, wohin sie fĂŒhrt.

Darum ist biblisches Warten keine PassivitĂ€t. Noah glaubte, was Gott gesagt hatte, und sein Glaube nahm Gestalt in der Art an, wie er lebte, bevor die unsichtbaren Dinge sichtbar wurden. Ebenso wurde uns die Verheißung der Wiederkunft Christi nicht nur gegeben, um uns ĂŒber die Zukunft zu informieren, sondern um die Art zu prĂ€gen, wie wir die Gegenwart leben.

Das Kreuz kommt, Jesus stirbt und steht wieder auf, und nach der Auferstehung sehen die JĂŒnger Ihn erneut. Vierzig Tage lang erscheint Er ihnen und spricht mit ihnen ĂŒber die Dinge, die das Reich Gottes betreffen. Dann kommt der Augenblick, in dem das, was Er ihnen im Obersaal gesagt hatte, sich vor ihren Augen zu entfalten beginnt.

Die Apostelgeschichte beschreibt die Szene folgendermaßen:

„Und als er dies gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf von ihren Augen weg. Und als sie unverwandt zum Himmel blickten, wĂ€hrend er dahinfuhr, siehe, da standen zwei MĂ€nner in weißer Kleidung bei ihnen, die sprachen: Ihr MĂ€nner von GalilĂ€a, was steht ihr hier und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird in derselben Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel auffahren sehen!“
Apostelgeschichte 1,9–11

Die JĂŒnger blicken zum Himmel, und Der, mit dem sie auf den Wegen GalilĂ€as gegangen waren, Den sie gekreuzigt und danach lebendig gesehen hatten, verschwindet vor ihren Augen. In diesem Augenblick erhalten sie eine Verheißung, in der zwei Worte unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen:

„Dieser Jesus.“

Dieser Jesus wird kommen.

Der, der zurĂŒckkehrt, ist keine Idee, kein Symbol und keine andere Person, die lediglich fortsetzen wird, was Er begonnen hat. Die Boten sagen ihnen nicht, dass eines Tages nur das Reich kommen wird, das Jesus verkĂŒndigt hatte, sondern dass „dieser Jesus“, Den sie gerade zum Himmel auffahren gesehen hatten, wiederkommen wird.

Es ist derselbe Jesus, der in Bethlehem geboren wurde, derselbe Jesus, der unter den Menschen wandelte, derselbe Jesus, der in Gethsemane stand, der das Kreuz trug, starb und lebendig aus dem Grab hervorging. Derselbe Jesus, der ihnen vor dem Kreuz gesagt hatte „Ich komme wieder“, geht nun vor ihren Augen fort, und unmittelbar nach Seinem Weggehen bestĂ€tigt der Himmel Seine Verheißung:

„Dieser Jesus [...] wird wiederkommen.“

Von diesem Augenblick an beginnt die Gemeinde zwischen zwei Kommen zu leben. Sie blickt zurĂŒck auf Bethlehem, Golgatha und das leere Grab, wo Gott bereits gezeigt hat, dass Er Seine Verheißungen erfĂŒllt, und sie blickt nach vorne auf die RĂŒckkehr Dessen, der versprochen hat wiederzukommen.

Das ist auch die Stellung, in der wir uns befinden.

Wir warten nicht darauf zu sehen, ob Gott Sein Wort halten wird, als mĂŒsste Seine Treue erst noch bewiesen werden. Wir blicken auf das, was Er bereits erfĂŒllt hat, und gerade deshalb haben wir Grund, mit Vertrauen auf das zu schauen, was Er noch erfĂŒllen wird. Das erste Kommen ist zur historischen BestĂ€tigung Seiner Treue geworden, und die Auferstehung Christi sagt uns, dass selbst der Tod den Plan nicht aufhalten kann, den Gott zu dem von Ihm bestimmten Ziel fĂŒhrt.

Die JĂŒnger blieben nicht fĂŒr immer stehen und blickten auf die Stelle, an der die Wolke Jesus ihren Augen entzogen hatte. Sie kehrten nach Jerusalem zurĂŒck und gingen anschließend hinaus, um das Evangelium zu verkĂŒndigen, zu dienen, zu leiden, Gemeinden zu grĂŒnden und das Zeugnis Christi weiterzutragen. Die Verheißung Seiner Wiederkunft nahm sie nicht aus der Geschichte heraus, sondern gab ihnen einen Grund, innerhalb dieser Geschichte sinnvoll zu leben.

So sieht auch das christliche Warten aus. Unser Blick ist auf Den gerichtet, der kommt, wĂ€hrend unsere FĂŒĂŸe an dem Ort bleiben, an dem wir heute zu leben berufen sind. Zwischen „Ich komme wieder“ und der ErfĂŒllung dieser Verheißung liegt das Leben, das wir zu leben haben, die Menschen, die wir zu lieben haben, das Evangelium, das wir zu verkĂŒndigen haben, und der Auftrag, den Gott uns anvertraut hat.

Doch die Geschichte wird nicht fĂŒr immer zwischen diesen beiden Augenblicken bleiben. Der, der zum Himmel aufgefahren ist, wird wiederkommen, und die Schrift fĂŒhrt uns ĂŒber die Himmelfahrt hinaus, ĂŒber die Jahrhunderte des Wartens hinweg bis zu ihren letzten Kapiteln, wo wir sehen, wohin die ganze Geschichte fĂŒhrt.

Wir haben in Eden begonnen, in einem Garten, den der Mensch verlassen musste.

Am Ende der Schrift werden wir dem Baum des Lebens erneut begegnen, eine Stadt von Gott herabkommen sehen und eine ErklÀrung hören, die auf den Schmerz antwortet, der im ersten Buch Mose begann:

„Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen!“

Vom verlorenen Eden fĂŒhrt uns die Schrift zur Wiederherstellung aller Dinge.

4. VOM VERLORENEN EDEN ZUM NEUEN JERUSALEM — „JA, ICH KOMME BALD“

Vom verlorenen Eden fĂŒhrt uns die Schrift zur Wiederherstellung aller Dinge. Wenn wir die letzten Kapitel der Bibel erreichen, entdecken wir, dass die im ersten Buch Mose begonnene Geschichte nicht aufgegeben wurde. Die Bilder, denen wir am Anfang begegnet sind, erscheinen am Ende erneut. Doch diesmal stehen wir nicht mehr vor einer Welt, in die die SĂŒnde gerade eingetreten ist, sondern vor einer Schöpfung, in der ihre Folgen endgĂŒltig beseitigt sind.

Johannes beschreibt, was er sieht:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer gibt es nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabsteigen, zubereitet wie eine fĂŒr ihren Mann geschmĂŒckte Braut.“
Offenbarung 21,1–2

Es ist wichtig, die Richtung zu erkennen, in die uns die Schrift fĂŒhrt. Die Bibel beginnt mit Gott und dem Menschen gemeinsam in einem Garten und setzt sich mit dem durch die SĂŒnde verursachten Bruch fort. Am Ende sehen wir erneut die vollkommene NĂ€he zwischen Gott und dem erlösten Menschen. Das neue Jerusalem kommt von Gott herab, und unmittelbar nach diesem Bild hört Johannes eine laute Stimme, die erklĂ€rt, was er sieht:

„Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott.“
Offenbarung 21,3

Hier erreichen wir das Herz der gesamten Wiederherstellung. Das endgĂŒltige Ziel des Planes Gottes bedeutet nicht nur das Verschwinden des Bösen, das Ende des Leidens oder einen besseren Ort, an dem der Mensch leben wird. All dies gehört zu dem, was die Schrift beschreibt, doch im Mittelpunkt des Bildes steht etwas noch Tieferes: Gott selbst wird bei den Menschen wohnen.

In Eden zerbrach die SĂŒnde die Gemeinschaft zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer, und der Mensch wurde aus dem Garten entfernt. Im neuen Jerusalem erscheint diese Beziehung in ihrer ganzen FĂŒlle wiederhergestellt. Die Worte „Gott selbst wird bei ihnen sein“ zeigen uns, wohin die gesamte Geschichte der Erlösung gefĂŒhrt hat. Der, der den Menschen nach dem SĂŒndenfall suchte, Der, der die Verheißung im ersten Buch Mose gab, Der, der in Christus in die Geschichte eintrat, und Der, der versprochen hat wiederzukommen, fĂŒhrt Sein Werk bis zur Vollendung.

Darum ist der folgende Vers nicht lediglich ein schönes Bild einer Zukunft ohne Schmerz, sondern die Beschreibung einer Welt, in der die Folgen des SĂŒndenfalls nicht lĂ€nger die Macht besitzen, die sie ĂŒber die Geschichte der Menschheit hatten:

„Und Gott wird abwischen alle TrĂ€nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“
Offenbarung 21,4

Diese Worte erhalten ein besonderes Gewicht, wenn wir uns daran erinnern, wo wir begonnen haben. Im ersten Buch Mose treten nach dem SĂŒndenfall Schmerz, Leiden und Tod in die menschliche Erfahrung ein, und die Geschichte, die wir kennen, entfaltet sich unter dem Schatten dieser Wirklichkeiten. In der Offenbarung sagt Gott uns nicht nur, dass der Mensch lernen wird, besser mit ihnen zu leben, sondern dass ein Tag kommt, an dem der Tod nicht mehr sein wird und der Schmerz keinen Platz mehr in der wiederhergestellten Schöpfung haben wird.

Der auf dem Thron sitzt, erklÀrt daraufhin:

„Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er sprach zu mir: Schreibe; denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!“
Offenbarung 21,5

„Diese Worte sind wahrhaftig und gewiss.“

Nach dem ganzen Weg, den wir in dieser Episode gegangen sind, ist uns diese ErklĂ€rung nicht fremd. Wir haben bereits gesehen, was es bedeutet, wenn Gott ein Wort ĂŒber die Zukunft ausspricht. In den Tagen Noahs waren die angekĂŒndigten Dinge noch nicht sichtbar, aber sie kamen. In Eden hatte Gott vom Samen der Frau gesprochen, und als die Zeit erfĂŒllt war, trat der Sohn Gottes in die Geschichte ein. Jesus sagte, dass Er sterben und auferstehen wĂŒrde, und das Grab blieb leer. Derselbe Gott, der Seine Treue durch die Geschichte hindurch bewiesen hat, sagt nun ĂŒber die Dinge, die noch vor uns liegen, dass sie „wahrhaftig und gewiss“ sind.

Wenn wir dann in das letzte Kapitel der Schrift ĂŒbergehen, wird die Verbindung zum ersten Buch Mose noch stĂ€rker. Am Anfang der Bibel begegneten wir dem Baum des Lebens in Eden, und nach dem SĂŒndenfall wurde dem Menschen der Zugang zu ihm verwehrt. Im ersten Buch Mose heißt es:

„Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim lagern und die Flamme des blitzenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.“
1. Mose 3,24

So verlĂ€sst der Mensch den Garten, und der Weg zum Baum des Lebens wird verschlossen. Wenn wir jedoch Offenbarung 22 erreichen, erscheint der Baum, den wir auf den ersten Seiten der Bibel zurĂŒckgelassen haben, auf ihren letzten Seiten erneut:

„In der Mitte zwischen ihrer Straße und dem Strom, von dieser und von jener Seite aus, war der Baum des Lebens, der zwölfmal FrĂŒchte trĂ€gt und jeden Monat seine Frucht gibt; und die BlĂ€tter des Baumes dienen zur Heilung der Völker.“
Offenbarung 22,2

Dieses Bild verbindet Anfang und Ende der Schrift auf außergewöhnliche Weise. Im ersten Buch Mose wird der Mensch vom Baum des Lebens entfernt; in der Offenbarung steht der Baum des Lebens wieder vor dem erlösten Menschen. Zwischen diesen beiden Bildern entfaltet sich die gesamte Geschichte, der wir gefolgt sind: die Verheißung, das Warten, das Kommen Christi, das Kreuz, die Auferstehung und die Verheißung Seiner Wiederkunft.

Die Offenbarung fÀhrt fort:

„Und es wird keinen Fluch mehr geben; und der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein, und seine Knechte werden ihm dienen; und sie werden sein Angesicht sehen, und sein Name wird auf ihren Stirnen sein.“
Offenbarung 22,3–4

In 1. Mose 3 versteckt sich der Mensch zwischen den BĂ€umen des Gartens vor dem Angesicht Gottes; in Offenbarung 22 werden die Erlösten „sein Angesicht sehen“. Zwischen dem Menschen, der sich versteckt, und dem Menschen, der wieder das Angesicht Gottes sieht, steht das Werk Dessen, der bereits in Eden verheißen wurde.

Darum darf die Wiederkunft Christi nicht auf das Bild einer Katastrophe reduziert werden, die der Welt ein Ende setzt, und auch nicht auf eine bloße Abfolge von Ereignissen, die der GlĂ€ubige in eine zeitliche Reihenfolge einzuordnen versucht. Die Schrift fĂŒhrt uns viel tiefer. Seine Wiederkunft bedeutet, dass Gottes Plan auf die vollstĂ€ndige Wiederherstellung, auf die endgĂŒltige Beseitigung des Bösen und auf die ErfĂŒllung jener Gemeinschaft zulĂ€uft, in der Gott bei Seinem Volk wohnt.

Hier erkennen wir auch die Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen. Bei Seinem ersten Kommen tritt Christus in eine Welt ein, die unter den Folgen des SĂŒndenfalls steht, trĂ€gt die SĂŒnde, geht durch den Tod und steht wieder auf. Bei Seiner Wiederkunft schreitet Gottes Werk auf die vollstĂ€ndige Offenbarung Seines Sieges zu, und das, was durch Christus errungen wurde, erreicht die ErfĂŒllung, auf die die gesamte Schrift vorausblickt.

An diesem Punkt, nachdem die Bibel uns von der Schöpfung zum SĂŒndenfall, von der Verheißung nach Bethlehem, von Bethlehem zum Kreuz und vom leeren Grab zur Verheißung der Wiederkunft gefĂŒhrt hat, nĂ€hert sie sich ihren letzten Worten. Und hier spricht nicht mehr Noah ĂŒber das, was Gott ihm offenbart hat, kein Prophet spricht mehr ĂŒber den kommenden Messias, und auch keiner der Apostel formuliert im eigenen Namen die Hoffnung der Gemeinde. Der, der spricht, ist Jesus selbst:

„Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. Amen! Komm, Herr Jesus!“
Offenbarung 22,20

„Ja, ich komme bald.“

Diese Worte stehen nicht isoliert am Ende eines Buches, sondern tragen das Gewicht der gesamten biblischen Geschichte in sich. Der, der sagt, dass Er kommt, ist Der, der in Eden verheißen wurde, Der, auf den die Propheten blickten, Der, der geboren wurde, als die Zeit erfĂŒllt war, Der, der starb und auferstand, Der, der Seinen JĂŒngern sagte „Ich komme wieder“, und Der, von dem die Boten bei der Himmelfahrt erklĂ€rten: „Dieser Jesus [...] wird wiederkommen.“

Darum antwortet die Gemeinde, wenn Christus sagt „Ja, ich komme bald“, nicht damit, ein Datum festzulegen oder die GlaubwĂŒrdigkeit der Verheißung an der Zahl der vergangenen Generationen zu messen. Ihre Antwort grĂŒndet sich auf den Charakter Dessen, der gesprochen hat, und auf die gesamte Geschichte der Treue Gottes, die hinter diesen Worten steht.

Das erste Kommen hat uns gezeigt, dass Gott nicht vergisst, was Er verheißt. Kreuz und Auferstehung haben uns gezeigt, dass weder SĂŒnde noch Tod Seinen Plan aufhalten können, und die letzten Seiten der Schrift zeigen uns die Richtung, in die dieser Plan fĂŒhrt. Deshalb lebt der GlĂ€ubige zwischen der Verheißung Christi und ihrer ErfĂŒllung nicht in einer grundlosen Ungewissheit, sondern in einer Erwartung, die auf der Treue Dessen gegrĂŒndet ist, der bereits gekommen ist, als Er verheißen hatte zu kommen.

Von dem Garten, in dem der Mensch sich vor Gott versteckte, hat uns die Schrift bis zu der Stadt gefĂŒhrt, in der die Menschen Sein Angesicht wieder sehen werden. Von dem nach dem SĂŒndenfall bewachten Weg zum Baum des Lebens sind wir zum Baum des Lebens gelangt, der wieder mitten in der Stadt steht. Von der ersten Verheißung, die vor der Schlange ausgesprochen wurde, sind wir zur letzten Verheißung gelangt, die Christus ausspricht.

Und zwischen all diesen Dingen bleibt dieselbe Treue Gottes bestehen, die die Geschichte von dem, was verloren ging, zu dem fĂŒhrt, was wiederhergestellt werden wird.

Darum kann am Ende dieses ganzen Weges die Stimme Christi mit dem ganzen Gewicht gehört werden, das die Schrift fĂŒr sie vorbereitet hat:

„Ja, ich komme bald.“

SCHLUSS — BIS ER KOMMT

Von der ersten in Eden ausgesprochenen Verheißung bis zu den letzten Worten der Offenbarung sind wir einem roten Faden gefolgt, der die gesamte Heilige Schrift durchzieht und uns zeigt, dass Gott nicht vergisst, was Er verheißt. Generationen vergehen, die Welt verĂ€ndert sich, Reiche entstehen und verschwinden, doch die Zeit schwĂ€cht das Wort Dessen nicht, der die Geschichte zur ErfĂŒllung Seines Planes fĂŒhrt.

Diejenigen, die vor dem ersten Kommen Christi lebten, blickten nach vorne auf eine Verheißung, deren ErfĂŒllung sie noch nicht sahen, und als die Zeit erfĂŒllt war, kam Er. Wir blicken heute zurĂŒck nach Bethlehem, auf das Kreuz und auf das leere Grab und haben vor uns die Verheißung desselben Christus, der gesagt hat: „Ich komme wieder.“

Darum lautet die Frage nicht, wie viel wir ĂŒber den Tag Seiner Wiederkunft berechnen können, sondern wie wir uns entscheiden zu leben, bis dieser Tag kommt. Das christliche Warten löst uns nicht von der Gegenwart, sondern verleiht der Gegenwart einen anderen Wert. Wir haben noch Menschen zu lieben, wir haben zu vergeben, zu dienen und Zeugnis abzulegen, wir haben Verantwortung zu tragen und ein Leben zu leben im Licht der Tatsache, dass die Geschichte nicht ins Unbekannte fĂŒhrt, sondern der Begegnung mit Christus entgegengeht.

Fast zweitausend Jahre sind vergangen, seit die JĂŒnger hörten, dass „dieser Jesus [...] wiederkommen wird“. Doch die GlaubwĂŒrdigkeit dieser Verheißung wird nicht an unserem Kalender gemessen, sondern an der Treue Dessen, der sie gegeben hat. Sein erstes Kommen erinnert uns daran, dass Gott Sein Wort erfĂŒllt, und die Auferstehung erinnert uns daran, dass selbst der Tod nicht aufhalten kann, was Er beschlossen hat.

Bis zum Tag Seiner Wiederkunft bleibt unsere Berufung dieselbe: treu an dem Ort zu leben, an den Gott uns gestellt hat, den Blick auf Christus gerichtet und unsere Hoffnung fest in Seiner Verheißung verankert.

Und wenn wir die letzte Seite der Schrift erreichen, lĂ€sst Gott uns nicht mit einem Datum, einer Berechnung oder einer unbeantworteten Frage zurĂŒck. Er lĂ€sst uns mit der Stimme Dessen zurĂŒck, auf Den wir warten:

„Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald.“

Und unsere Antwort bleibt dieselbe, mit der die Heilige Schrift endet:

„Amen! Komm, Herr Jesus!“
Offenbarung 22,20

Episode 35 ✹ ICH BIN

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

ICH BIN

In der vergangenen Episode sind wir in Gethsemane stehen geblieben, in einer Nacht, in der Jesus sich vom Gebet erhoben hatte und denen entgegenging, die gekommen waren, um Ihn festzunehmen. Er wusste, was Ihm bevorstand, Er wusste, wer Ihn suchte, und dennoch versteckt Er sich nicht und wartet nicht darauf, entdeckt zu werden. Er geht ihnen selbst entgegen.

Johannes hÀlt diesen Augenblick mit wenigen Worten fest, die das ganze Bild verÀndern:

„Jesus nun, der alles wusste, was ĂŒber ihn kommen sollte, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazarener. Jesus spricht zu ihnen: Ich bin's! Aber auch Judas, der ihn verriet, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sprach: Ich bin's!, wichen sie zurĂŒck und fielen zu Boden.“
Johannes 18,4–6

Diese Menschen waren gekommen, um Ihn festzunehmen. Sie hatten Waffen, sie hatten die AutoritĂ€t derer, die sie geschickt hatten, und sie waren darauf vorbereitet, einen Mann zu ergreifen, von dem ihnen gesagt worden war, dass Er verhaftet werden mĂŒsse. Jesus aber tritt ihnen entgegen, fragt sie, wen sie suchen, und als Er antwortet: „Ich bin“, weichen die MĂ€nner, die gekommen waren, um Ihn zu holen, zurĂŒck und fallen zu Boden.

Und genau hier lohnt es sich, stehen zu bleiben.

Wer ist Derjenige, der diese beiden Worte ausspricht?

Was verbirgt sich in diesem „Ich bin“, dass Johannes es fĂŒr wichtig hĂ€lt, uns zu sagen, dass die Menschen, als Jesus diese Worte spricht, zurĂŒckweichen und zu Boden fallen? Sind es nur zwei Worte, mit denen Jesus sich vor denen zu erkennen gibt, die Ihn suchen, oder lĂ€dt Johannes uns ein, darin etwas zu hören, was die Schrift schon lange zuvor gesagt hatte?

Um die Szene in Gethsemane zu verstehen, mĂŒssen wir den Garten fĂŒr einige Augenblicke verlassen. Wir mĂŒssen zurĂŒckgehen – viel weiter als Bethlehem, weiter als Mose und der brennende Dornbusch, weiter als Abraham – bis dorthin, wo die Schrift uns zum Anfang aller Dinge fĂŒhrt.

Das Evangelium nach Johannes beginnt so:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist.“
Johannes 1,1–3

Johannes nennt Ihn das Wort – den Logos – und bevor er uns davon erzĂ€hlt, was Jesus getan hat, sagt er uns, wer Er ist. Vor der Krippe in Bethlehem, vor Seinen Schritten durch GalilĂ€a, vor den Wundern, dem Kreuz und Seiner Auferstehung war das Wort.

Und mit diesen Worten fĂŒhrt Johannes uns fast unausweichlich zu den ersten Worten der Schrift:

„Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“
1. Mose 1,1

Dann kehrt im gesamten Schöpfungsbericht derselbe Ausdruck wieder: „Und Gott sprach ...“ Gott spricht, und das, was nicht existierte, beginnt zu existieren.

Johannes blickt auf denselben Anfang und sagt uns, dass alle Dinge durch das Wort geschaffen wurden und dass „ohne dasselbe auch nicht eines entstanden ist, was entstanden ist“. Bevor wir also zu verstehen versuchen, was „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“ oder „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ bedeutet, mĂŒssen wir zuerst verstehen, wer Derjenige ist, der diese Worte spricht. Denn Jesus beginnt nicht mit dem, was Er uns geben kann.

Alles beginnt damit, wer Er ist.

Und wenn wir diesen Faden das nĂ€chste Mal durch die Schrift verfolgen, finden wir ihn in der WĂŒste, vor einem Mann, der einen Busch brennen sieht, ohne dass dieser verbrennt, und der Gott eine Frage stellt:

„Wie ist Dein Name?“

Die Antwort sollte lauten:

„ICH BIN, DER ICH BIN.“

1. „ICH BIN, DER ICH BIN“ – der Name, der Moses Frage verĂ€ndert

In der WĂŒste Midian, vor einem Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte, erhĂ€lt Mose einen Auftrag, der seine eigenen Möglichkeiten ĂŒbersteigt. Gott sendet ihn zurĂŒck nach Ägypten, vor den Pharao, um das Volk Israel aus der Knechtschaft herauszufĂŒhren. Und der Mann, der einst im Haus des Pharaos aufgewachsen war, beginnt auf sich selbst zu schauen und all die GrĂŒnde zu sehen, weshalb dieser Auftrag fĂŒr ihn zu groß erscheint.

Seine erste Frage sagt viel:

„Mose aber sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Kinder Israels aus Ägypten fĂŒhren sollte? Da sprach er: Ich will mit dir sein; und dies soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten gefĂŒhrt hast, werdet ihr Gott an diesem Berg dienen.“
2. Mose 3,11–12

„Wer bin ich?“

Mose schaut auf den Menschen, der gehen soll. Gott richtet seinen Blick auf Denjenigen, der ihn sendet: „Ich will mit dir sein.“

Hier beginnt sich eine der Wahrheiten abzuzeichnen, die uns durch diese ganze Episode begleiten wird. Mose sucht die nötige BefĂ€higung in seiner eigenen Person, wĂ€hrend Gott zu ihm von Seiner Gegenwart spricht. Seine Frage lautet: „Wer bin ich?“, und die Antwort, die er erhĂ€lt, fĂŒhrt ihn Schritt fĂŒr Schritt zu einer viel wichtigeren Frage: Wer ist Gott?

Mose fÀhrt fort:

„Und Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israels komme und zu ihnen sage: Der Gott eurer VĂ€ter hat mich zu euch gesandt!, und sie mich fragen werden: Was ist sein Name? – was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich bin, der ich bin! Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: ‚Ich bin‘, der hat mich zu euch gesandt.“
2. Mose 3,13–14

„Ich bin, der ich bin.“

Gott stellt sich mit einem Namen vor, der nichts außerhalb Seiner selbst benötigt, um zu sagen, wer Er ist. Wir brauchen Bezugspunkte, um uns zu definieren. Wir sagen, wer wir sind, durch unseren Namen, durch die Familie, aus der wir kommen, durch das, was wir tun, durch den Ort, an dem wir leben, oder durch die Beziehungen, die wir haben. Unsere IdentitĂ€t ist mit einer Geschichte, einem Anfang und mit Dingen verbunden, die schon vor uns existierten.

Vor Mose aber sagt Gott schlicht und absolut:

„ICH BIN.“

Er existierte, bevor Mose geboren wurde, bevor Ägypten zu einer Großmacht wurde, bevor Israel in die Knechtschaft geriet und bevor das Problem, fĂŒr das Mose berufen worden war, ĂŒberhaupt existierte. Die Zeit formt Seine IdentitĂ€t nicht, und die UmstĂ€nde verĂ€ndern Ihn nicht. Der Gott, der Mose sendet, wird nicht erst in dem Augenblick fĂŒr den Auftrag ausreichend, in dem Mose Ihm gehorcht. Er ist.

Und das verÀndert die Perspektive auf die gesamte Berufung.

Mose wird vor einen mĂ€chtigen Pharao treten mĂŒssen, zu einem Volk sprechen, das seit Generationen unter der Last der Knechtschaft gelebt hatte, und einen Weg beginnen, dessen Ende er noch nicht sehen konnte. HĂ€tte der Erfolg dieses Auftrags von der Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ abgehangen, hĂ€tte Mose allen Grund gehabt, in der WĂŒste zu bleiben.

Gott aber verlagert den Schwerpunkt vom gesandten Menschen auf Denjenigen, der ihn sendet.

Und hier reichen die Worte, die vor dem brennenden Dornbusch gesprochen wurden, bis zu uns. Angesichts von Dingen, die uns ĂŒbersteigen, fragen auch wir uns, wer wir sind, um eine bestimmte Last tragen zu können, um durch eine PrĂŒfung hindurchzugehen oder um das zu tun, was Gott vor uns gelegt hat. Wir messen unsere Kraft, unsere Erfahrung und unsere Grenzen, und nach all unseren Berechnungen können wir zu demselben Schluss kommen wie Mose: „Wer bin ich?“

Gott baut Mose kein besseres Bild von sich selbst auf. Er gibt ihm etwas viel StÀrkeres:

„Ich will mit dir sein.“

Darum beginnt Glaube nicht damit, dass wir uns selbst davon ĂŒberzeugen, ausreichend zu sein. Glaube beginnt, wenn wir aufhören, angesichts dessen, was vor uns liegt, nur uns selbst zu messen, und Gott mit einbeziehen.

Die Frage, die unsere Perspektive verĂ€ndert, lautet nicht mehr nur: „Wer bin ich, dass ich es schaffen könnte?“, sondern: „Wer ist Derjenige, der mit mir geht?“

Und die Antwort, die Mose erhielt, bleibt:

„ICH BIN.“

Jahrhunderte spĂ€ter werden diese Worte erneut erscheinen, diesmal aber ausgesprochen von Dem, den Johannes uns schon am Anfang seines Evangeliums als das Fleisch gewordene Wort vorgestellt hat. Und jedes Mal, wenn Jesus sagen wird: „Ich bin ...“, wird Er etwas hinzufĂŒgen, das uns tiefer in das VerstĂ€ndnis Seiner IdentitĂ€t hineinfĂŒhrt.

„Ich bin das Brot des Lebens.“

„Ich bin das Licht der Welt.“

„Ich bin der gute Hirte.“

Drei bekannte Aussagen. Doch wenn wir nur bei dem stehen bleiben, was Brot, Licht und Hirte uns geben, laufen wir Gefahr, zu schnell ĂŒber die beiden Worte hinwegzugehen, mit denen jede dieser Aussagen beginnt:

„ICH BIN.“

2. Brot, Licht und Hirte – wenn Gottes Antwort Seine eigene Gegenwart ist

„Ich bin das Brot des Lebens.“ „Ich bin das Licht der Welt.“ „Ich bin der gute Hirte.“ Diese Worte sind uns so vertraut, dass gerade ihre Vertrautheit dazu fĂŒhren kann, dass wir zu schnell ĂŒber das hinweggehen, was Jesus sagt. Wir bleiben beim Brot, beim Licht oder beim Hirten stehen und versuchen zu verstehen, wofĂŒr jedes dieser Bilder steht. Doch vor jedem von ihnen stehen dieselben beiden Worte, denen wir bis hierher gefolgt sind:

„ICH BIN.“

Nach der Brotvermehrung sucht die Menge Jesus erneut. Die Menschen hatten das Wunder gesehen und gegessen, bis sie satt waren, und nun standen sie wieder vor Dem, der ihnen Brot gegeben hatte. In diesem Zusammenhang sagt Jesus zu ihnen:

„Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird niemals dĂŒrsten.“
Johannes 6,35

Die Menge hatte Brot aus Seiner Hand empfangen, doch Jesus fĂŒhrt sie von der Gabe zu Dem, der sie gegeben hatte. Die Menschen suchten das, was ein BedĂŒrfnis stillen konnte, und Er richtet ihren Blick auf Seine Person: „Ich bin das Brot des Lebens.“

SpÀter sagt Jesus:

„Nun redete Jesus wieder zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben.“
Johannes 8,12

Und dann:

„Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lĂ€sst sein Leben fĂŒr die Schafe.“
Johannes 10,11

Das Brot antwortet auf den Hunger, das Licht auf die Dunkelheit und der Hirte auf das BedĂŒrfnis, gefĂŒhrt und beschĂŒtzt zu werden. Jesus beschrĂ€nkt sich jedoch nicht auf das Versprechen, dem Menschen fĂŒr jedes dieser BedĂŒrfnisse eine Antwort in die Hand zu geben. Im Zentrum jeder Aussage stellt Er sich selbst.

„ICH BIN.“

Hier verĂ€ndert sich die Perspektive. Oft kommen wir vor Gott und sind auf das konzentriert, was wir von Ihm empfangen möchten. Wir bitten um eine Lösung, eine Richtung, eine offene TĂŒr, ein Eingreifen, eine Antwort. Und all das hat seinen Platz im Gebet. Doch das Johannesevangelium fĂŒhrt uns zu etwas Tieferem: Gottes Gaben dĂŒrfen fĂŒr uns niemals wichtiger werden als der Gott, der sie gibt.

Die Menge in Johannes 6 ist gerade deshalb ein erschĂŒtterndes Beispiel. Jesus sagt ihnen direkt:

„Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht deshalb, weil ihr Zeichen gesehen, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.“
Johannes 6,26

Sie hatten etwas von Jesus empfangen und waren zurĂŒckgekommen, um mehr von dem zu bekommen, was sie erhalten hatten. Doch das Wunder sollte sie zu Ihm fĂŒhren, wĂ€hrend sie vom Brot gefesselt geblieben waren.

Dieselbe Frage erreicht auch uns: Suchen wir Gott um dessentwillen, wer Er ist, oder nur wegen dessen, was wir von Ihm zu bekommen hoffen?

Es ist leicht, Seine GĂŒte zu sehen, wenn unser Gebet die gewĂŒnschte Antwort erhĂ€lt, wenn sich die TĂŒr öffnet, wenn eine Lösung erscheint und wenn sich die Dinge so fĂŒgen, wie wir gehofft hatten. Der Glaube aber ist tiefer gerufen – bis zu dem Punkt, an dem Seine Gegenwart kostbar bleibt, auch wenn unsere Hand noch immer auf die Antwort wartet.

Hier bekommen die Worte Jesu ein anderes Gewicht. Er sagt nicht nur, dass Er Brot, Licht oder FĂŒhrung zu geben hat. Er gibt sich selbst, und darin liegt einer der großen Unterschiede zwischen dem Suchen nach Gottes Segen und dem Suchen nach Gott.

Wir können das Brot empfangen und die Hand vergessen, die es uns gegeben hat. Wir können um Licht fĂŒr den nĂ€chsten Schritt bitten und nur daran interessiert sein, in welche Richtung wir gehen sollen. Wir können den Schutz des Hirten wĂŒnschen und, sobald wir in Sicherheit sind, Seine Stimme vergessen.

Jesus aber ruft uns in eine Beziehung, in deren Mittelpunkt nicht das steht, was wir empfangen, sondern Derjenige, der mit uns geht.

Und so kehren wir gewissermaßen zu Mose zurĂŒck. Vor dem Dornbusch legte Gott ihm weder eine vollstĂ€ndige Karte des Weges in die Hand, noch erklĂ€rte Er ihm alles, was in Ägypten geschehen wĂŒrde. Er sagte zu ihm:

„Ich will mit dir sein.“

Im Johannesevangelium bekommt dieselbe Wahrheit ein Gesicht und geht mitten unter den Menschen.

Wenn wir hungrig sind, sagt Er: „ICH BIN das Brot des Lebens.“

Wenn die Dunkelheit uns daran hindert zu sehen, sagt Er: „ICH BIN das Licht der Welt.“

Wenn der Weg uns ĂŒberfordert, sagt Er: „ICH BIN der gute Hirte.“

Bevor wir uns fragen, was Gott in unsere Hand legen wird, lĂ€dt das Evangelium uns ein zu sehen, wer vor uns steht. Denn Gottes grĂ¶ĂŸte Antwort auf die Not des Menschen ist nicht eine Sache, die der Mensch empfĂ€ngt – es ist Gott selbst.

Doch Jesus geht noch weiter. Das Brot spricht zu einem BedĂŒrfnis, das der Mensch empfindet, das Licht fĂŒhrt ihn aus der Dunkelheit heraus und der Hirte fĂŒhrt ihn. Was aber geschieht, wenn der Mensch an eine Grenze gelangt, die er nicht ĂŒberschreiten kann?

Welche Antwort bleibt, wenn vor ihm nicht mehr nur Hunger, Dunkelheit oder Unsicherheit stehen, sondern ein Grab?

Vor dem Grab des Lazarus wird Jesus erneut sagen:

„ICH BIN.“

Nur dass Er dieses Mal hinzufĂŒgen wird: „die Auferstehung und das Leben“.

3. „ICH BIN die Auferstehung und das Leben“ – wenn die Antwort kein Ereignis mehr ist, sondern eine Person

Wir sind vor einem Grab angekommen. Lazarus war gestorben, und als Jesus nach Bethanien kommt, waren bereits vier Tage vergangen, seit er ins Grab gelegt worden war. Martha geht Ihm entgegen, und in ihren Worten liegen sowohl Glaube als auch Schmerz:

„Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wenn du hier gewesen wĂ€rst, mein Bruder wĂ€re nicht gestorben! Doch auch jetzt weiß ich: Was immer du von Gott erbitten wirst, das wird Gott dir geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen! Martha spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tag.“
Johannes 11,21–24

Martha glaubte an die Auferstehung. Sie glaubte, dass ein Tag kommen wĂŒrde, an dem Gott die Toten auferwecken wĂŒrde, und was sie sagt, ist richtig. Nur lag die Auferstehung in ihren Gedanken irgendwo in der Zukunft. „Er wird auferstehen ... am letzten Tag.“

Jesus antwortet ihr, indem Er den Mittelpunkt des GesprÀchs von der Frage, wann die Auferstehung geschehen wird, auf die Frage verlagert, wer vor ihr steht:

„Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das?“
Johannes 11,25–26

Wieder: „ICH BIN.“

Jesus sagt Martha nicht nur, dass Er die Macht hat, eine Auferstehung zu bewirken, und Er gibt ihr auch keine ausfĂŒhrlichere ErklĂ€rung ĂŒber den letzten Tag. Er stellt Seine eigene IdentitĂ€t vor sie:

„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Martha blickte auf eine zukĂŒnftige Verheißung. Jesus zeigt ihr, dass die ErfĂŒllung dieser Verheißung direkt vor ihr steht.

Und hier berĂŒhren wir etwas Wesentliches fĂŒr unseren Glauben. Es fĂ€llt uns viel leichter, an einen Gott der Vergangenheit oder an einen Gott der Zukunft zu glauben. Wir lesen, was Er getan hat, wir kennen die Wunder der Schrift, wir glauben, dass eines Tages alle Dinge wiederhergestellt werden, und wir bekennen, dass es eine Auferstehung geben wird. Die wirkliche Begegnung mit dem Glauben geschieht jedoch in der Gegenwart, wenn zwischen dem, was Gott getan hat, und dem, was Er zu tun verheißen hat, unsere heutige Situation liegt.

Vor Martha befand sich ein Grab, das seit vier Tagen verschlossen war. Vor dem Grab aber stand das Leben.

Das verĂ€ndert die Perspektive, ohne die Wirklichkeit zu leugnen. Das Grab war real, Marthas Schmerz war real und Lazarus war wirklich gestorben. Aber die Wirklichkeit, die Martha sehen konnte, war nicht die ganze Wirklichkeit, denn vor ihr stand Derjenige, der sagen konnte: „ICH BIN die Auferstehung und das Leben.“

Und beachten Sie die Frage, die Jesus unmittelbar danach stellt:

„Glaubst du das?“

Er verlangt von Martha nicht, zu erklĂ€ren, wie Er das Grab öffnen wird, und auch nicht, den Ablauf des Wunders zu verstehen, das folgen sollte. Er ruft sie dazu auf, zu entscheiden, was sie ĂŒber Ihn glaubt.

Hier findet der Glaube erneut seinen Mittelpunkt. Nicht in unserer FĂ€higkeit zu erklĂ€ren, was Gott tun wird, sondern im Vertrauen darauf, wer Er ist, wenn wir noch nicht sehen, was Er tun wird. Und das Wort „Leben“ fĂŒhrt uns in eine andere Nacht.

Kurz vor dem Kreuz sitzt Jesus mit Seinen JĂŒngern zusammen. Er hatte zu ihnen ĂŒber Sein Fortgehen gesprochen, und ihre Herzen waren beunruhigt. Thomas sagt Ihm, dass sie nicht wissen, wohin Er geht, und deshalb den Weg nicht kennen können.

Jesus antwortet ihm:

„Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich!“
Johannes 14,6

Wieder ist Jesu Antwort keine Landkarte.

Thomas fragt im Grunde nach dem Weg, und Jesus antwortet ihm mit einer Person: „ICH BIN der Weg.“

Martha spricht ĂŒber die Auferstehung, und Jesus sagt: „ICH BIN die Auferstehung.“

Thomas sucht den Weg, und Jesus sagt: „ICH BIN der Weg.“

In beiden Situationen sucht der Mensch etwas, das er verstehen, einordnen oder in eine vorhersehbare Zukunft legen kann, und Jesus lenkt den Blick auf sich selbst.

Hier wird „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ zu mehr als einer Formel, die wir auswendig kennen. Jesus lĂ€dt uns nicht nur dazu ein, einigen wahren Prinzipien zu folgen, die uns eines Tages zu Gott fĂŒhren werden. Er ist der Weg zum Vater, die Wahrheit, die Ihn offenbart, und das Leben, das wir nur in Ihm finden.

Darum kann der christliche Glaube nicht auf eine Reihe richtiger Antworten ĂŒber Gott reduziert werden. In seinem Zentrum steht eine Person.

Als Martha nicht ĂŒber das Grab hinaussehen konnte, stand die Auferstehung vor ihr.

Als Thomas den Weg nicht sehen konnte, stand der Weg vor ihm.

Wenn der Mensch die Wahrheit sucht, zeigt Jesus nicht von sich weg und sagt: „Dort wirst du sie finden“, sondern Er erklĂ€rt: „ICH BIN“. Und dieser Faden fĂŒhrt uns zu einer der erschĂŒtterndsten Aussagen, die Jesus je gemacht hat. Denn bei einer anderen Auseinandersetzung werden die Menschen Ihn fragen, wie Er von Abraham sprechen könne, der viele Jahrhunderte zuvor gelebt hatte.

Jesu Antwort wird nicht lauten: „Ich weiß, wer Abraham war.“ Er wird etwas sagen, das sehr viel schwerer zu ĂŒberhören ist:

„Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich!“
Johannes 8,58

Und auch dieses Mal verstanden diejenigen, die Ihm zuhörten, dass vor ihnen nicht nur eine gewöhnliche Aussage stand, denn unmittelbar nach diesen Worten hoben sie Steine auf, um sie auf Ihn zu werfen.

4. „Ehe Abraham war, BIN ICH“

Die Worte Jesu bleiben nicht ohne Reaktion. Johannes fÀhrt unmittelbar fort:

„Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging zum Tempel hinaus, mitten durch sie hindurch, und entkam so.“
Johannes 8,59

Die Steine wurden aufgehoben, doch Johannes sagt uns nicht, dass sie tatsÀchlich auf Ihn geworfen wurden. Jesus geht aus ihrer Mitte fort.

Die wichtige Frage ist eine andere: Was hörten diese Menschen in Jesu Worten, dass ihre Reaktion so gewalttÀtig war?

Das GesprÀch hatte bei Abraham begonnen. Diejenigen, die Ihm zuhörten, sagen zu Ihm:

„Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fĂŒnfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?“
Johannes 8,57

Eine naheliegende Antwort wĂ€re gewesen: „Ich existierte schon vor Abraham.“ Doch Jesus formuliert Seine Worte auf ĂŒberraschende Weise:

„Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich!“
Johannes 8,58

Abraham wurde geboren. Jesus sagt: „ICH BIN.“ Nicht „ich war“, sondern „ICH BIN“.

Und plötzlich fĂŒhrt uns der Faden, dem wir in dieser Episode gefolgt sind, erneut zum brennenden Dornbusch:

„Gott sprach zu Mose: Ich bin, der ich bin! Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: ‚Ich bin‘, der hat mich zu euch gesandt.“
2. Mose 3,14

Jesu Worte in Johannes 8 werden nicht in einen leeren Raum hinein gesprochen. Sie erreichen die Ohren von Menschen, die die Schriften kannten und wussten, was der Name bedeutete, durch den Gott sich Mose offenbart hatte.

Darum ist ihre Reaktion so wichtig. Sie beginnen keine Diskussion ĂŒber Jesu Alter. Sie heben Steine auf.

In der Welt, in der sie lebten, war GotteslĂ€sterung eine Ă€ußerst schwere Anklage. Das Gesetz des Mose sah fĂŒr denjenigen, der den Namen Gottes lĂ€sterte, die Todesstrafe vor. SpĂ€ter, im selben Evangelium, lĂ€sst Johannes sogar Jesu Gegner selbst erklĂ€ren, weshalb sie Ihn töten wollten:

„Die Juden antworteten ihm und sprachen: Nicht wegen eines guten Werkes steinigen wir dich, sondern wegen GotteslĂ€sterung, und zwar weil du, der du ein Mensch bist, dich selbst zu Gott machst!“
Johannes 10,33

Jetzt verstehen wir die Spannung besser. Derjenige, den Johannes uns am Anfang mit den Worten vorgestellt hat: „Das Wort war Gott“, Derjenige, von dem er uns gesagt hat, dass alle Dinge durch Ihn geschaffen wurden, steht nun vor den Menschen und erklĂ€rt:

„Ehe Abraham war, BIN ICH.“

Hier beginnt sich der Kreis unserer Episode zu schließen.

Wir gingen von der Frage aus: Wer ist Derjenige, der in Gethsemane „Ich bin“ sagt, woraufhin die Menschen zurĂŒckweichen und zu Boden fallen?

Wir gingen zurĂŒck zum Anfang und fanden das Wort, das bei Gott war und Gott war. Wir kamen zum brennenden Dornbusch und hörten: „Ich bin, der ich bin.“ Danach hörten wir Jesus sagen: „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“, „Ich bin der gute Hirte“, „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“.

Jetzt hören wir Ihn sagen: „Ehe Abraham war, BIN ICH.“ Und die Menschen heben Steine auf.

Doch noch kehren wir nicht nach Gethsemane zurĂŒck.

Wir mĂŒssen noch etwas beachten.

In Johannes 8 wollen die Menschen Ihm das Leben nehmen, aber Seine Stunde war noch nicht gekommen. SpĂ€ter, wenn diese Stunde kommt, wird Jesus kein Mensch sein, der von dem ĂŒberrascht wird, was mit Ihm geschieht. Er wird kein Opfer sein, das in einem Plan gefangen ist, den Er nicht kennt.

Er selbst sagt:

„Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.“
Johannes 10,18

Und nun können wir dorthin zurĂŒckkehren, wo wir begonnen haben. Nacht. Gethsemane. Die Fackeln kommen nĂ€her. Die Menschen sind gekommen, um Ihn festzunehmen.

Dieses Mal sind es nicht mehr nur einige Steine in den HĂ€nden einer wĂŒtenden Menge. Die Stunde ist gekommen. Jesus weiß alles, was Ihm geschehen wird.

Und anstatt zu fliehen ... geht Er ihnen entgegen.

Schluss – „ICH BIN“

Und so kehren wir dorthin zurĂŒck, wo wir begonnen haben. In Gethsemane ist es Nacht. Judas nĂ€hert sich, die Fackeln erhellen den Garten, und die MĂ€nner, die geschickt wurden, um Jesus festzunehmen, stehen vor Ihm. Doch jetzt, nach dem ganzen Weg, den wir durch die Schrift gegangen sind, klingen die beiden Worte, die in diesem Garten gesprochen werden, nicht mehr gleich.

„Jesus nun, der alles wusste, was ĂŒber ihn kommen sollte, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus, den Nazarener. Jesus spricht zu ihnen: Ich bin's! Aber auch Judas, der ihn verriet, stand bei ihnen. Als er nun zu ihnen sprach: Ich bin's!, wichen sie zurĂŒck und fielen zu Boden.“
Johannes 18,4–6

Am Anfang der Episode haben wir gefragt: Wer ist Derjenige, der „Ich bin“ ausspricht, woraufhin die MĂ€nner, die gekommen waren, um Ihn festzunehmen, zurĂŒckweichen und zu Boden fallen?

Jetzt können wir Ihn erneut betrachten.

Er ist das Wort, von dem Johannes sagt, dass es im Anfang bei Gott war und Gott war. Wir hörten in der WĂŒste die Stimme Dessen, der zu Mose sagte: „Ich bin, der ich bin.“ Danach begegneten wir Jesus mit den Worten: „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“, „Ich bin der gute Hirte“, „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Und wir hörten Ihn erklĂ€ren: „Ehe Abraham war, bin ich.“

Nun, in Gethsemane, sagt Er erneut:

„ICH BIN.“

Diejenigen, die gekommen sind, um Ihn festzunehmen, fallen zu Boden, doch Jesus nutzt diesen Augenblick nicht, um fortzugehen. Er bleibt dort und lĂ€sst sich festnehmen, denn der Weg zum Kreuz war Ihm nicht von außen aufgezwungen worden. Er selbst hatte gesagt: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus.“

Hier zeigt sich die Macht Dessen, der sagt: „ICH BIN“. Seine Macht zeigt sich nicht nur in dem, was Er hĂ€tte verhindern können, sondern auch in der Entschlossenheit, mit der Er bis zum Ende geht, um das Werk zu vollbringen, fĂŒr das Er gekommen war.

Und fĂŒr uns bleibt nach all diesen Aussagen eine Frage, die viel persönlicher ist als jene, mit der wir begonnen haben:

Wer ist Jesus fĂŒr uns, wenn wir die Schrift schließen und in unser eigenes Leben zurĂŒckkehren?

Denn der Gott, der Mose sagte: „ICH BIN“, gehört nicht nur zu einer fernen Geschichte. Christus, von dem Johannes sagt, dass Er im Anfang war, bleibt nicht nur auf den Seiten des Evangeliums. Derjenige, der die Auferstehung und das Leben ist, ist derselbe Christus, auf den die Schrift unseren Blick richtet, wenn sie ihre letzten Worte erreicht.

Und es ist außergewöhnlich, dass die Bibel, die uns am Anfang zu Dem gefĂŒhrt hat, der war, uns am Ende auf Denjenigen blicken lĂ€sst, der kommt:

„Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald! Amen. Ja, komm, Herr Jesus!“
Offenbarung 22,20

Am Anfang war Er.

Vor Mose sagt Er: „ICH BIN.“

Mitten unter den Menschen sagt Jesus: „ICH BIN.“

Und am Ende der Schrift sagt derselbe Christus: „ICH KOMME.“

Zwischen dem Anfang aller Dinge und ihrer Vollendung steht dieselbe Person.

Darum muss unser Glaube, wenn wir nicht wissen, was uns morgen erwartet, nicht darauf beruhen, dass wir die Zukunft kennen. Es genĂŒgt zu wissen, wer bereits dort ist.

Als Mose fragte: „Wer bin ich?“, antwortete Gott ihm durch Seine Gegenwart.

Als Martha auf das Grab blickte, sagte Jesus zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Als Thomas den Weg nicht kannte, sagte Jesus zu ihm: „Ich bin der Weg.“

Und wenn wir auf eine Zukunft blicken, die wir noch nicht sehen können, lassen uns die letzten Seiten der Schrift mit der Stimme Dessen zurĂŒck, der vor uns war, mit uns ist und das letzte Wort haben wird:

„Ja, ich komme bald.“

Und die Antwort der Gemeinde durchzieht die Jahrhunderte und kann auch zu unserer Antwort werden:

„Amen. Komm, Herr Jesus!“

Episode 34 ✹ Auf den Knien, aber nicht bezwungen

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

Auf den Knien, aber nicht bezwungen

1. Gethsemane — der Ort, an dem StĂ€rke anders aussieht

Die Nacht war ĂŒber Jerusalem hereingebrochen, als Jesus sich gemeinsam mit seinen JĂŒngern auf den Weg zum Ölberg machte, an einen Ort, den er gut kannte: Gethsemane. Es war dieselbe Stille des Gartens, in den er auch frĂŒher gekommen war, doch diesmal wusste Jesus, was auf ihn zukam. Judas war bereits gegangen, um ihn zu verraten, und nur wenige Stunden spĂ€ter wĂŒrden die Verhaftung, das Verhör, der Spott und schließlich das Kreuz folgen.

Das Kreuz war zwischen den OlivenbĂ€umen noch nicht zu sehen, die NĂ€gel hatten seine HĂ€nde noch nicht durchbohrt, die Geißel hatte seinen Körper noch nicht getroffen und die Dornenkrone war noch nicht geflochten worden. Und dennoch wusste Jesus, was kommen wĂŒrde. Der Kampf hatte begonnen, noch bevor die Soldaten ihn erreichten, denn die Last eines schweren Weges kann die Seele bereits bedrĂŒcken, bevor der erste Schritt auf diesem Weg getan wurde.

Lukas hÀlt einen Augenblick fest, der einfach erscheint und doch ungeheuer viel aussagt:

„Und er ging hinaus nach seiner Gewohnheit an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die JĂŒnger. Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete.“

Lukas 22,39–41

Derjenige, der dem Sturm befohlen hatte zu schweigen, der auf dem Wasser gegangen war, Kranke geheilt und Lazarus aus dem Grab gerufen hatte, kniet nieder. Angesichts der schwersten PrĂŒfung offenbart sich seine StĂ€rke auf eine völlig andere Weise: Er geht im Gebet vor den Vater, vertraut ihm das an, was kommen wird, und bereitet sich darauf vor, den vor ihm liegenden Weg im Gehorsam zu gehen.

Und genau hier bekommt das Bild von Gethsemane fĂŒr uns eine außergewöhnliche Bedeutung. Oft sagen wir ĂŒber einen Menschen, der vom Leben schwer getroffen wurde, er sei „in die Knie gezwungen worden“. Dieser Ausdruck spricht von Niederlage, vom Verlust der Kraft und von einem Punkt, an dem man nicht mehr weiterkann. In Gethsemane sehen wir jedoch etwas völlig anderes: Jesus ist auf den Knien, aber er ist nicht bezwungen.

Die Angst hatte ihn nicht dorthin gebracht, um ĂŒber ihn zu herrschen. Menschen hatten ihn nicht gezwungen, sich zu beugen, und auch der Tod hatte ihn nicht zur Kapitulation gebracht. Er selbst hatte sich entschieden, vor dem Vater niederzuknien. Und das verĂ€ndert das ganze Bild, denn vor Gott niederzuknien ist kein Zeichen der Niederlage, sondern der Ort, an dem der Sieg beginnt.

Gethsemane lehrt uns also, wohin wir gehen sollen, wenn wir wissen, dass vor uns ein Weg liegt, den wir selbst nicht gewĂ€hlt hĂ€tten. Wir mĂŒssen nicht so tun, als wĂŒrde es uns nicht wehtun, und auch nicht so tun, als hĂ€tten wir keine Angst. Aber wir dĂŒrfen dem, was auf uns zukommt, nicht den Platz ĂŒberlassen, der Gott in unserem Herzen gehört. Bevor das Problem uns sagt, wie groß es ist, mĂŒssen wir vor den treten, der grĂ¶ĂŸer ist als das Problem.

Denn wenn wir uns entscheiden, vor Gott niederzuknien, können wir durch Dinge hindurchgehen, die versuchen, uns in die Knie zu zwingen, ohne ihnen zu erlauben, ĂŒber uns zu herrschen.

In jener Nacht war Jesus auf den Knien. Judas war weiterhin auf dem Weg, die Soldaten kamen immer nÀher und das Kreuz wartete auf ihn. Nichts von dem, was kommen sollte, war verschwunden. Doch Jesus war genau dort, wo er sein musste: auf den Knien vor dem Vater, ohne von dem bezwungen zu sein, was auf ihn zukam.

Und aus dieser Haltung heraus sollte er das Gebet sprechen, das uns zum nĂ€chsten Teil von Gethsemane fĂŒhrt:

„Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“

Lukas 22,42

2. „Nimm diesen Kelch von mir“ — Glaube bedeutet nicht, keinen Schmerz zu empfinden

In der bedrĂŒckenden Stille von Gethsemane verbirgt Jesus seinen inneren Kampf nicht und versucht auch nicht, seinen Schmerz mit Worten zu verhĂŒllen, die ihn kleiner erscheinen lassen. Vor dem Vater spricht er aus, was er empfindet, und die Evangelien lassen uns einen tiefen Blick auf denjenigen werfen, der das Leiden kennt, das vor ihm liegt, und es vollstĂ€ndig mit ins Gebet nimmt.

MatthĂ€us beschreibt diesen Zustand mit Worten, die Jesus selbst zu seinen JĂŒngern spricht:

„Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrĂŒbt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorĂŒber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“

MatthĂ€us 26,38–39

„Meine Seele ist betrĂŒbt bis an den Tod.“ Jesus spielt nicht herunter, was er erlebt. Er verbirgt den Schmerz nicht hinter dem Anschein einer StĂ€rke, die nichts empfindet, und er verwandelt den Glauben nicht in die Pflicht, unerschĂŒtterlich wirken zu mĂŒssen. Vor dem Vater darf der Schmerz beim Namen genannt werden, und sein Gebet zeigt uns, dass Ehrlichkeit des Herzens und Glaube einander nicht ausschließen.

Glaube bedeutet nicht die Abwesenheit von Schmerz, sondern die Entscheidung, den Schmerz vor Gott zu bringen.

Gerade deshalb sind die Worte „Nimm diesen Kelch von mir“ so wichtig. Jesus spricht nicht aus sicherer Entfernung ĂŒber das Leiden. Er steht unmittelbar davor und spĂŒrt sein ganzes Gewicht. In seinem Gebet finden wir weder Verstellung noch den Versuch zu beweisen, dass er stark ist. Wir finden Wahrheit. Und diese Wahrheit zeigt uns, dass sich ein glĂ€ubiger Mensch nicht schĂ€men muss, wenn es weh tut, wenn er weint oder wenn er Gott sagt, dass der Weg vor ihm schwer ist.

Oft haben wir geistliche StĂ€rke mit dem Bild eines Menschen verbunden, der alles ertrĂ€gt, ohne etwas zu sagen, der seine TrĂ€nen verbirgt und versucht, andere und auch sich selbst davon zu ĂŒberzeugen, dass alles in Ordnung ist. Gethsemane zeigt uns eine andere Art von StĂ€rke. Jesus öffnet sein Herz vor dem Vater und zeigt uns dadurch, dass das Gebet nicht der Ort ist, an den wir mit vorbereiteten Antworten kommen mĂŒssen, sondern der Ort, an den wir mit unserer Wahrheit kommen dĂŒrfen.

Wir dĂŒrfen Gott sagen, dass es uns weh tut. Wir dĂŒrfen ihm sagen, dass es schwer ist, dass wir nicht verstehen und dass wir, wenn es nach uns ginge, einen anderen Weg wĂ€hlen wĂŒrden. Gott braucht nicht, dass wir vor ihm stĂ€rker erscheinen, als wir tatsĂ€chlich sind, denn er kennt bereits das, was tief in unserem Herzen verborgen liegt.

TrĂ€nen heben den Glauben nicht auf, und Schmerz ist kein Beweis dafĂŒr, dass sich ein Mensch von Gott entfernt hat. Gethsemane zeigt uns, dass die Seele bis an die Grenze ihrer Kraft bedrĂŒckt sein kann und das Herz dennoch auf den Vater ausgerichtet bleiben kann.

Jesus sagt: „Nimm diesen Kelch von mir“, doch sein Gebet endet nicht dort. Im selben Atemzug folgen die Worte, die Gethsemane weiterfĂŒhren und den Unterschied zwischen dem Wunsch, dem Leiden zu entkommen, und der Entscheidung, im Willen Gottes zu bleiben, sichtbar machen:

„Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Und dieses „Doch“ öffnet uns die nĂ€chste und vielleicht wichtigste Lektion dieser Nacht.

3. „Doch ...“ — das Wort, das alles verĂ€ndert

„Nimm diesen Kelch von mir“ hat uns den Schmerz sehen lassen, aber das Gebet Jesu endet nicht dort. Nachdem er die ganze Last dessen, was kommen sollte, vor den Vater gelegt hat, spricht er das Wort aus, das die Richtung des Gebets verĂ€ndert und uns zeigt, wie weit Gehorsam geht:

„Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“

Lukas 22,42

„Doch.“

In einem einzigen Wort begegnen sich Schmerz und Gehorsam. Der Kelch ist schwer, der Weg zum Kreuz liegt weiterhin vor ihm und das, was er empfindet, ist real. Doch ĂŒber all dem bleibt der Wille des Vaters. Jesus zeigt uns keinen Gehorsam ohne Kampf, sondern einen Gehorsam, der durch den Kampf hindurchgeht und bis zum Ende treu bleibt.

„Dein Wille geschehe“ zu sagen ist leicht, wenn Gottes Wille mit dem ĂŒbereinstimmt, was auch wir uns wĂŒnschen. Das Gewicht dieser Worte zeigt sich erst dann, wenn unser Plan in eine Richtung fĂŒhrt und Gott uns auf einen Weg fĂŒhrt, den wir selbst nicht gewĂ€hlt hĂ€tten. Dort hört „Dein Wille geschehe“ auf, nur ein bekannter Ausdruck aus einem Gebet zu sein, und wird zu einer bewussten Entscheidung unseres Willens, durch die wir Gott das anvertrauen, was wir selbst nicht kontrollieren können, weil wir uns entscheiden, ihm auch dann zu vertrauen, wenn unsere GefĂŒhle uns dazu bringen wĂŒrden, um einen anderen Weg zu bitten.

Glaube bedeutet nicht, dass das, was wir empfinden, verschwindet, sondern dass das, was wir empfinden, nicht das Recht bekommt, an unserer Stelle zu entscheiden.

Jesus wusste, wer der Vater ist. Deshalb konnte er ihm auch den Weg anvertrauen, der durch Leiden fĂŒhrte. Sein Gehorsam beruhte nicht darauf, dass der Weg leicht war, sondern auf seiner Beziehung zum Vater. Genau darin liegt auch das Fundament unseres Gehorsams: Wir mĂŒssen nicht alles verstehen, was Gott zulĂ€sst, bevor wir ihm vertrauen können. Wir kennen denjenigen, in dessen HĂ€nde wir unser Leben legen, selbst wenn wir noch nicht sehen können, wohin der Weg fĂŒhrt.

Gethsemane stellt uns damit vor eine Frage, die jedem von uns sehr nahekommt: Was tun wir, wenn Gott das nicht verĂ€ndert, worum wir ihn gebeten haben? Wir können weiter beten, wir können vor ihm weinen und offen sagen, was wir uns wĂŒnschen. Doch der Glaube erreicht Reife, wenn wir uns ĂŒber all dies hinaus bewusst entscheiden, Gott die Situation anzuvertrauen und zu sagen: „Herr, das ist mein Wunsch, aber ĂŒber meinen Wunsch stelle ich deinen Willen.“

Dieses „Doch“ verkleinert den Schmerz Jesu nicht und macht den Kelch auch nicht leichter. Es zeigt jedoch, wer das letzte Wort haben wird. Weder Angst noch Leiden noch das, was geschehen sollte, wĂŒrden ĂŒber den Gehorsam des Sohnes bestimmen.

Bevor der Sieg am Kreuz sichtbar wurde und bevor das Grab leer gefunden wurde, war in Gethsemane bereits ein „Doch“ ausgesprochen worden.

Und hier bekommt auch unser Titel noch mehr Gewicht. Jesus ist vor dem Vater auf den Knien, aber er wird von dem Kelch, der vor ihm steht, nicht bezwungen. Er legt seinen Willen in die HĂ€nde des Vaters und erhebt sich aus dieser Hingabe bereit, den Weg bis zum Ende zu gehen.

Der Kelch war nicht weggenommen worden. Der Weg war nicht verÀndert worden. Das Kreuz lag weiterhin vor ihm.

Doch mitten in diesem Kampf sollte der Himmel auf eine andere Weise antworten:

„Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stĂ€rkte ihn.“

Lukas 22,43

Der Kelch blieb, aber die Kraft kam, um weiterzugehen.

4. Der Engel, der ihn stĂ€rkt — Gott verĂ€ndert nicht immer den Weg, aber er gibt Kraft fĂŒr den Weg

Der Kelch blieb, und der Weg zum Kreuz Ă€nderte sich nicht. Doch das Gebet Jesu erhielt eine Antwort, die uns eine weitere Dimension davon zeigt, wie Gott mitten in der PrĂŒfung wirkt. Lukas hĂ€lt diesen Augenblick in einem einzigen Vers fest:

„Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stĂ€rkte ihn.“

Lukas 22,43

Der Vater nimmt den Kelch nicht weg, sondern sendet StĂ€rkung fĂŒr den Sohn, der sich entschieden hatte, bis zum Ende zu gehen. Der Weg blieb derselbe, das Kreuz lag weiterhin vor ihm, doch Jesus empfĂ€ngt die Kraft, die er fĂŒr das Kommende braucht. Die Antwort des Himmels kommt nicht durch eine VerĂ€nderung der UmstĂ€nde, sondern durch StĂ€rkung mitten in ihnen.

Und genau hier berĂŒhrt Gethsemane eine der Erfahrungen, die auf unserem Weg mit Gott am schwersten zu verstehen sind. Wir beten fĂŒr eine Situation und erwarten, dass Gottes Antwort bedeutet, diese Situation zu verĂ€ndern. Wir bitten darum, dass sich eine TĂŒr öffnet, ein Problem verschwindet, ein Leiden aufhört oder uns ein schwerer Weg erspart bleibt. Und wenn die Dinge unverĂ€ndert bleiben, können wir uns fragen, ob Gott uns ĂŒberhaupt gehört hat.

Gethsemane zeigt uns, dass Gottes Antwort nicht nur daran gemessen werden darf, was er aus unserem Leben entfernt hat, sondern auch an der Kraft, die er uns fĂŒr das gegeben hat, was geblieben ist.

Jesus hatte gebetet: „Nimm diesen Kelch von mir“, und der Kelch war noch da. Doch der Himmel war nicht still geblieben. Gott stĂ€rkte ihn fĂŒr den Weg, den er gehen sollte. Ebenso kann die Antwort, wenn wir eine Situation in Gottes HĂ€nde legen, durch einen Frieden kommen, den wir vorher nicht hatten, durch die Kraft weiterzugehen, obwohl wir glaubten, nicht mehr zu können, durch einen Menschen, der im richtigen Augenblick gesandt wird, oder durch Ressourcen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie besitzen. Die UmstĂ€nde können dieselben bleiben, doch wir gehen nicht mehr allein durch sie hindurch und auch nicht mehr mit derselben Kraft, mit der wir ins Gebet hineingegangen sind.

Hier nimmt die Gnade Gottes eine sehr konkrete Gestalt an. Die Gnade verspricht uns kein Leben, in dem jeder schwere Kelch weggenommen wird. Aber sie versichert uns, dass Gott uns nicht verlĂ€sst, wenn unser Weg durch Leiden fĂŒhrt. Paulus sollte dieselbe Wahrheit erfahren, als er dreimal darum bat, dass der „Pfahl im Fleisch“ von ihm genommen werde, und die Antwort des Herrn lautete:

„Lass dir an meiner Gnade genĂŒgen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“

2. Korinther 12,9

Paulus bat darum, dass etwas weggenommen wĂŒrde, und empfing Gnade. In Gethsemane bleibt der Kelch, und die StĂ€rkung kommt. In beiden Situationen entdecken wir denselben Gott, der seine Treue nicht nur daran misst, welche schweren Wege er uns erspart, sondern auch daran, wie er uns auf den Wegen trĂ€gt, durch die er uns hindurchfĂŒhrt.

Gottes Kraft zeigt sich nicht nur dann, wenn er uns aus einer PrĂŒfung herausfĂŒhrt. Sie zeigt sich auch dann, wenn die PrĂŒfung es nicht schafft, uns von ihm zu trennen.

Deshalb bedeutet es nicht, dass unser Gebet irgendwo zwischen Erde und Himmel verloren gegangen ist, wenn die Antwort, um die wir gebetet haben, nicht in der Form gekommen ist, die wir erwartet hatten. Gethsemane lehrt uns, genauer darauf zu achten, was Gott in uns wirkt und wie er uns durch das hindurchtrÀgt, was er noch nicht verÀndert hat.

Der Kelch Jesu war nicht verschwunden. Das Kreuz war nicht aufgehoben worden. Aber der Himmel war nahegekommen und hatte ihn gestÀrkt.

Und der Kampf in Gethsemane sollte so intensiv werden, dass Lukas uns im nĂ€chsten Vers eines der erschĂŒtterndsten Bilder dieser Nacht hinterlĂ€sst:

„Und er geriet in Todesangst und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“

Lukas 22,44

Die empfangene StÀrkung bedeutete nicht, dass der Kampf vorbei war. Sie bedeutete, dass Jesus die Kraft hatte, darin zu bleiben und bis zum Ende weiterzugehen.

5. Schweiß wie Blut — Glaube hebt den Kampf nicht auf

Die StĂ€rkung aus dem Himmel setzte dem Kampf in Gethsemane kein Ende. Lukas fĂŒhrt uns unmittelbar weiter und beschreibt die IntensitĂ€t dieses Gebets mit einem Bild, das keiner der anderen Evangelisten festhĂ€lt:

„Und er geriet in Todesangst und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“

Lukas 22,44

Diese Worte stellen uns vor eine Wirklichkeit, ĂŒber die wir nicht zu schnell hinweggehen sollten. Jesus hatte StĂ€rkung empfangen, aber er befand sich noch immer mitten in der Qual des Kampfes. Die Gegenwart der Hilfe aus dem Himmel ließ den Druck nicht verschwinden und verwandelte Gethsemane auch nicht in einen Ort ohne Leiden. Im Gegenteil: Lukas sagt, dass Jesus „heftiger“ betete.

Hier liegt eine wichtige Wahrheit fĂŒr uns: Die StĂ€rkung, die wir von Gott empfangen, bedeutet nicht immer, dass wir das Gewicht der PrĂŒfung sofort weniger spĂŒren werden, sondern dass wir weiterhin vor ihm bleiben können, selbst wenn der Kampf schwerer wird.

Das Bild des Schweißes, der „wie Blutstropfen“ wurde, zeigt uns, wie tief das Leiden war, durch das Jesus ging. Im Laufe der Zeit wurde diese Stelle auch mit der HĂ€matidrose in Verbindung gebracht, einem seltenen medizinischen PhĂ€nomen, bei dem sich unter extremem Stress Blut mit Schweiß vermischen kann. Lukas gibt uns jedoch keine medizinische ErklĂ€rung, und darin liegt auch nicht der Mittelpunkt seines Berichts. Was er uns sehen lĂ€sst, ist die IntensitĂ€t eines Kampfes, der so groß war, dass der ganze Körper Jesu seine Last trĂ€gt.

Und dennoch betet Jesus gerade in diesem Augenblick noch intensiver.

Das Leiden entfernt ihn nicht vom Vater, sondern findet ihn im Gebet verharrend. Die IntensitĂ€t des Kampfes schwĂ€cht seine Verbindung mit dem Vater nicht und macht den Schmerz auch nicht zu einem Grund, den Weg aufzugeben, fĂŒr den er sich gerade entschieden hatte.

Glaube hebt den Kampf nicht auf. Glaube hÀlt uns mitten im Kampf mit Gott verbunden.

FĂŒr uns verĂ€ndert das die Art, wie wir auf die Momente schauen, in denen wir uns ĂŒberwĂ€ltigt fĂŒhlen. Wir können zu der Vorstellung gelangen, dass wir, wenn unser Glaube nur stark genug wĂ€re, stĂ€ndig ruhig sein mĂŒssten, keinen Schmerz mehr empfinden, nicht mehr weinen und den Druck dessen, was wir erleben, nicht mehr spĂŒren dĂŒrften.

Gethsemane zeigt uns jedoch, dass die IntensitĂ€t des Schmerzes nicht die IntensitĂ€t des Glaubens misst. Jesus befand sich in „Todesangst“ und blieb gleichzeitig in vollkommener Gemeinschaft mit dem Vater.

Die TrĂ€nen eines Menschen, der betet, sind kein Beweis fĂŒr einen schwachen Glauben. Auch die NĂ€chte, in denen die Last zu schwer erscheint, und die Augenblicke, in denen uns die Worte vor Gott nur schwer ĂŒber die Lippen kommen, bedeuten nicht, dass er fern ist. Die Kraft des Glaubens zeigt sich auch in der Entscheidung, vor Gott zu bleiben, wenn die Seele durch ihren schwersten Kampf geht.

In Gethsemane zeigt Jesus uns nicht, wie wir Leiden vermeiden können, sondern wie wir hindurchgehen können, ohne die Verbindung mit dem Vater zu verlieren. Je intensiver der Kampf wird, desto intensiver wird sein Gebet. Er bleibt dort, bis das, was er vor den Vater gelegt hat, vollstÀndig seinen HÀnden anvertraut ist.

Der Schweiß fĂ€llt auf die Erde, der Kampf ist real, der Kelch steht noch immer vor ihm, aber Jesus bleibt auf den Knien. Und gerade weil er vor dem Vater auf den Knien ist, gelingt es dem Leiden nicht, ihn zu bezwingen.

Doch ganz in seiner NĂ€he konnten diejenigen, die er gebeten hatte, mit ihm zu wachen, nicht mehr wach bleiben. WĂ€hrend Jesus immer intensiver betete, waren die JĂŒnger eingeschlafen.

Und Gethsemane wird uns nun zeigen, dass selbst Menschen, die uns lieben, in den schwersten Augenblicken unseres Lebens an die Grenze dessen kommen können, wie weit sie uns begleiten können.

6. Die JĂŒnger schlafen — wenn geliebte Menschen nicht bis zum Ende mit dir gehen können

WĂ€hrend Jesus mit einer solchen IntensitĂ€t betete, dass sein Schweiß wie große Blutstropfen auf die Erde fiel, schliefen nur wenige Schritte von ihm entfernt die JĂŒnger. Er hatte sie mit nach Gethsemane genommen und Petrus, Jakobus und Johannes sogar noch nĂ€her zu sich gerufen. Offen hatte er ihnen gesagt: „Meine Seele ist betrĂŒbt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir.“ Er hatte sie nicht gebeten, seinen Kelch zu tragen oder das zu lösen, was geschehen sollte. Er hatte sie lediglich gebeten, in seiner NĂ€he zu bleiben und zu wachen.

Als er jedoch zu ihnen zurĂŒckkehrt, findet er sie schlafend:

„Und er kam zu seinen JĂŒngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“

MatthĂ€us 26,40–41

Diese Szene hat etwas zutiefst Menschliches. Die JĂŒnger liebten Jesus und waren mit ihm bis nach Gethsemane gekommen. Doch in der Nacht, in der er durch seinen schwersten Kampf ging, war ihre Kraft, ihn zu begleiten, an ihre Grenze gekommen. Lukas fĂŒgt ein wichtiges Detail hinzu und sagt, dass Jesus sie „schlafend vor Traurigkeit“ fand. Wir sehen also nicht nur die GleichgĂŒltigkeit von Menschen, die nichts verstanden, sondern auch die SchwĂ€che von Menschen, die von dem, was sie erlebten, ĂŒberwĂ€ltigt waren.

„Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen JĂŒngern und fand sie schlafend vor Traurigkeit.“

Lukas 22,45

Und hier lehrt Gethsemane uns etwas, das schwer anzunehmen sein kann: Menschen, die uns lieben, können uns nicht immer bis in die tiefsten Bereiche einer PrĂŒfung begleiten. Sie können in unserer NĂ€he bleiben, uns zuhören, uns umarmen, fĂŒr uns beten und uns alles geben, was sie können. Doch es bleiben Lasten, die niemand an unserer Stelle tragen kann, und Orte in unserer Seele, die nur Gott erreichen kann.

Wenn der Mensch an unserer Seite an die Grenze seiner Kraft gelangt, kann unsere EnttĂ€uschung dazu fĂŒhren, dass wir seine SchwĂ€che als mangelnde Liebe interpretieren. Jesus sieht jedoch tiefer. Er weist sie zurecht und ruft sie erneut zum Gebet, spricht aber gleichzeitig die Worte: „Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ Er kennt ihren Wunsch, aber er kennt auch ihre SchwĂ€che.

FĂŒr uns geht diese Lektion in zwei Richtungen. Wir sollen die Menschen wertschĂ€tzen, die Gott an unsere Seite stellt, ohne von ihnen zu verlangen, den Platz einzunehmen, den nur er einnehmen kann. Und wenn ein geliebter Mensch durch eine PrĂŒfung geht, sind wir dazu aufgerufen, so gut wir können an seiner Seite zu wachen, ohne zu glauben, dass wir alle Antworten haben mĂŒssen. Manchmal ist der grĂ¶ĂŸte Beweis von Liebe einfach, dazubleiben und zu beten.

Die UnterstĂŒtzung von Menschen ist ein Geschenk, aber unser Fundament bleibt Gott.

In jener Nacht schliefen die JĂŒnger ein, doch der Vater hatte seinen Sohn nicht verlassen. Als die Kraft der Menschen zu wachen zu Ende ging, endete Gottes Gegenwart nicht mit ihr. Jesus konnte selbst von dem Punkt aus weitergehen, an dem die Menschen, die ihm am nĂ€chsten standen, ihm nicht mehr folgen konnten.

Gethsemane befreit uns damit auch von der Erwartung, dass Menschen fĂŒr uns das sein können, was nur Gott sein kann. Wir können von Liebe umgeben sein und dennoch einen Kampf haben, den wir persönlich vor ihm austragen mĂŒssen. Und wenn wir dort ankommen, sind wir nicht ohne UnterstĂŒtzung, denn dort, wo die Kraft des Menschen ihre Grenze erreicht, bleibt Gottes Treue unverĂ€ndert.

Jesus sollte noch mehrmals zum Gebet zurĂŒckkehren, und die JĂŒnger wĂŒrden wieder einschlafen. Doch als sich die Nacht von Gethsemane ihrem Ende nĂ€hert, hat sich etwas verĂ€ndert. Judas und die bewaffneten MĂ€nner kamen nĂ€her, der Kelch war nicht verschwunden und das Kreuz lag weiterhin vor ihm.

Doch diesmal wird Jesus nicht mehr auf den Knien gezeigt. Er steht auf und geht dem entgegen, was kommen sollte.

Abschluss — Auf den Knien, aber nicht bezwungen

Die Nacht in Gethsemane nÀherte sich ihrem Ende. Das Gebet war gesprochen, der Kelch vor den Vater gelegt, der Wille untergeordnet und die StÀrkung aus dem Himmel gekommen. Nichts von dem, was Jesus erwartete, war verschwunden: Judas kam nÀher, die Verhaftung stand bevor, und dahinter warteten das Verhör, der Spott und das Kreuz.

Und dennoch steht Jesus auf.

„Dann kam er zu den JĂŒngern und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die HĂ€nde der SĂŒnder ĂŒberantwortet wird. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrĂ€t.“

MatthĂ€us 26,45–46

„Steht auf, lasst uns gehen.“ Jesus war nach Gethsemane gekommen und wusste, was ihn erwartete, und er verlĂ€sst das Gebet mit demselben Weg vor sich. Der Kelch war nicht weggenommen worden, aber er war dem Vater anvertraut worden. Die UmstĂ€nde hatten sich nicht verĂ€ndert, doch der Kampf war dort ausgetragen worden, wo er ausgetragen werden musste.

Das Gebet hatte den Weg nicht verÀndert. Es hatte Jesus darauf vorbereitet, ihn zu gehen.

Dieses Bild hinterlÀsst Gethsemane auch uns. Wir können mit einem Problem vor Gott kommen und von unseren Knien aufstehen, wÀhrend dasselbe Problem noch vor uns liegt. Wir können darum bitten, dass ein Kelch weggenommen wird, und dieser Kelch kann bleiben. Doch wenn das, was wir nicht kontrollieren können, in Gottes HÀnde gelegt wurde, sind wir nicht mehr dazu berufen, unseren Weg nur aus eigener Kraft weiterzugehen.

Wir können von unseren Knien aufstehen und dieselbe PrĂŒfung noch immer vor uns haben, ohne vor ihr noch dieselben Menschen zu sein.

Jesus hat uns in Gethsemane gezeigt, dass der Schmerz vor dem Vater ausgesprochen werden darf, dass unser Wille bewusst in seine HÀnde gelegt werden kann, dass StÀrkung kommen kann, auch wenn der Kelch bleibt, und dass das Gebet uns darauf vorbereitet, dem entgegenzugehen, was wir nicht vermeiden können. Wahre StÀrke besteht nicht darin, sich niemals auf den Knien wiederzufinden, sondern darin, zu entscheiden, vor wem wir niederknien.

Und gerade als wir glauben könnten, dieses Bild sei damit abgeschlossen, zeigt Johannes uns noch etwas.

Judas kommt mit den MĂ€nnern in den Garten, die Jesus verhaften sollen, doch Jesus wartet nicht darauf, gefunden zu werden. Er geht ihnen entgegen.

„Jesus nun, der alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin's! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen. Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin's!, wichen sie zurĂŒck und fielen zu Boden.“

Johannes 18,4–6

Was fĂŒr ein Bild zum Abschluss von Gethsemane: Derjenige, der kurze Zeit zuvor vor dem Vater auf den Knien war, steht nun vor denen, die gekommen sind, um ihn festzunehmen. Und als er „Ich bin“ sagt, sind sie es, die zu Boden fallen.

Jesus geht dem Kreuz entgegen, doch seine AutoritĂ€t ist ihm nicht genommen worden. Gethsemane hat uns keinen besiegten Christus gezeigt, sondern einen Christus, der sich dem Vater unterworfen hat und bewusst auf die ErfĂŒllung seines Willens zugeht.

Und diese beiden Worte, die im Garten gesprochen werden, lassen uns mit einer Frage zurĂŒck, die wir jetzt noch nicht öffnen werden:

„ICH BIN.“

Warum hatten diese Worte eine solche Kraft? Welche Verbindung besteht zu dem Gott, der zu Mose sagte: „Ich bin, der ich bin“? Und was bedeuten all jene Augenblicke fĂŒr uns, in denen Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“, „Ich bin der gute Hirte“, „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“?

Über „ICH BIN“ werden wir in einer zukĂŒnftigen Folge sprechen.

Bis dahin hinterlÀsst Gethsemane uns mit der Wahrheit, mit der wir begonnen haben:

Auf den Knien vor Gott, aber nicht bezwungen von dem, was das Leben vor uns stellt.

Bis zum nĂ€chsten Mal wĂŒnschen wir dir nur eines:

Möge die Gnade Gottes auch dich motivieren – wo immer du bist, was immer du erlebst und wie schwer oder schön dein Weg auch sein mag.

Mach's gut, lieber Mensch.

Mit Liebe,
Petru und Adriana von Gnade & Motivation.

Episode 33 ✹ Wenn Wissenschaft auf die Heilige Schrift trifft

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

Wenn Wissenschaft auf die Heilige Schrift trifft

Und zu Beginn dieser Folge möchte ich bei einem außergewöhnlichen Gedanken stehen bleiben, den wir im Buch Prediger finden. Dort sagt der Verfasser ĂŒber den Menschen und das Wirken Gottes: „Auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt ...“ — Prediger 3,11.

Es ist ein kurzer Ausdruck, und doch sagt er ungeheuer viel ĂŒber uns aus. Denn wenn wir auf die gesamte Geschichte der Menschheit zurĂŒckblicken, entdecken wir etwas Faszinierendes: Der Mensch hat sich niemals damit zufriedengegeben, einfach nur zu existieren. Er wollte wissen. Er wollte verstehen. Er blickte zum Himmel hinauf und fragte sich, was jenseits dessen liegt, was er sehen kann. Er betrachtete das Universum und fragte sich, wie es entstanden ist, ob es einen Anfang hatte und, wenn ja, was davor war. Dann betrachtete er sich selbst, und die Fragen wurden noch persönlicher: Woher komme ich? Wie ist das Leben entstanden? Warum existiere ich? Ist meine Existenz lediglich das Ergebnis materieller Prozesse, oder gibt es einen tieferen Sinn dafĂŒr, dass ich hier bin? Und vielleicht die Ă€lteste aller Fragen: Gibt es jemanden jenseits all dessen, was ich sehe?

Vielleicht können wir gerade darin etwas von jenem „Gedanken der Ewigkeit“ erkennen, von dem der Prediger spricht. Der Mensch besitzt eine Neugier, die niemals zu enden scheint, ein BedĂŒrfnis, ĂŒber das hinauszugehen, was er bereits weiß, und selbst dort nach Antworten zu suchen, wo er eine Zeit lang nichts anderes als weitere Fragen findet.

Und der Mensch hat gesucht. Er beobachtete die Natur und den Himmel, untersuchte Materie und Energie, entdeckte GesetzmĂ€ĂŸigkeiten, nach denen die Welt funktioniert, und versuchte, immer tiefer in die Geheimnisse des Lebens einzudringen. Er baute Teleskope, um Welten in nahezu unvorstellbaren Entfernungen zu sehen, und Mikroskope, um Welten zu entdecken, die direkt neben ihm existierten, die sein Auge jedoch nicht wahrnehmen konnte. Er begann, die Zelle, die DNA, das Gehirn und die außergewöhnlichen Mechanismen des menschlichen Körpers zu erforschen. Schritt fĂŒr Schritt entwickelte der Mensch aus diesem Wunsch, die materielle Welt zu beobachten, zu erforschen und zu verstehen, die Methoden und Werkzeuge dessen, was wir heute Wissenschaft nennen.

Doch wĂ€hrend all dieser Zeit erforschte der Mensch nicht nur das, was er messen konnte. Gleichzeitig suchte er weiterhin nach Antworten auf Fragen, fĂŒr die es kein Laborinstrument gab. Wenn das Universum existiert, warum existiert es? Wenn Leben entstanden ist, welchen Sinn hat es? Wenn ich hier bin, wozu bin ich hier? Und wenn jenseits der Welt, die ich sehen kann, eine Wirklichkeit existiert, die ich nicht messen kann, gibt es dann vielleicht auch eine Gottheit, einen Schöpfer, jemanden, von dem all dies seinen Ursprung hat?

Aus dieser Suche entstanden im Laufe der Geschichte sehr unterschiedliche Philosophien, Glaubensvorstellungen und Religionen. Der Mensch versuchte auf unzÀhlige Arten, nicht nur die Welt um sich herum zu verstehen, sondern auch seine eigene Existenz, die Seele, Gut und Böse, Leben und Tod und die Möglichkeit einer Existenz jenseits davon.

So haben wir zwei Richtungen, auf denen der Mensch versucht, sich den großen Fragen der Existenz zu nĂ€hern. In der einen Richtung untersucht er die Welt, die er beobachten kann: das Universum, die Materie, die Energie, das Leben und seinen eigenen Körper. In der anderen sucht er nach Sinn, Ursprung, Göttlichkeit und nach einer Antwort auf die Frage, ob hinter allem, was existiert, ein Schöpfer steht oder nicht.

Das Problem ist, dass diese beiden Arten der Suche irgendwann im Laufe der Geschichte immer hĂ€ufiger als Gegner dargestellt wurden. Wissenschaft oder Glaube. Vernunft oder Gott. Das, was bewiesen werden kann, oder das, was geglaubt werden kann. So entstand der Eindruck, der Mensch mĂŒsse sich zwangslĂ€ufig fĂŒr eines dieser beiden Lager entscheiden.

Aber muss es wirklich so sein?

Die Wissenschaft kann untersuchen, wie die Welt funktioniert, in der wir leben. Sie kann beobachten, messen, prĂŒfen und außergewöhnliche Mechanismen des Universums und des Lebens erklĂ€ren. Der Glaube stellt jedoch auch andere Fragen: Warum existieren wir? Hat das Leben einen Sinn? Gibt es Gott? Und kann der Mensch eine Beziehung zu ihm haben? Es sind unterschiedliche Fragen, und gerade deshalb glaube ich nicht, dass wir sie dazu zwingen mĂŒssen, gegeneinander zu kĂ€mpfen.

Und genau hier kommt die Bibel in unser GesprÀch. Denn die Heilige Schrift macht eine gewaltige Aussage: Das Universum, das Leben und der Mensch sind nicht ohne Ursprung und Sinn, sondern hinter ihnen steht ein Schöpfer. Und wenn das tatsÀchlich so ist, entsteht eine Frage, die ich faszinierend finde: Was geschieht, wenn der Mensch beginnt, das, was Gott geschaffen hat, immer tiefer zu erforschen?

Wenn Gott unser Schöpfer ist, dann gehören der Körper, das Gehirn und der menschliche Geist zu derselben Schöpfung, die die Wissenschaft zu verstehen versucht. Und wenn die Bibel seit Tausenden von Jahren darĂŒber spricht, wie der Mensch leben soll, lohnt es sich zu fragen, ob die Wissenschaft, wĂ€hrend sie immer mehr ĂŒber uns entdeckt, nicht manchmal auf die Auswirkungen von Prinzipien stĂ¶ĂŸt, die die Heilige Schrift bereits vor sehr langer Zeit ausgesprochen hat.

DarĂŒber möchte ich in der heutigen Folge sprechen. Wir werden gemeinsam betrachten, was die Bibel ĂŒber Dankbarkeit, die Erneuerung des Denkens, Frieden und Sorge, Vergebung, Musik, Ruhe und die Beziehungen zwischen Menschen sagt, und danebenstellen, was die moderne Forschung ĂŒber diese Dinge herausgefunden hat.

Wir wollen die Bibel weder in ein wissenschaftliches Lehrbuch verwandeln noch behaupten, jede wissenschaftliche Entdeckung sei ein Beweis fĂŒr die Existenz Gottes. Das wĂ€re sowohl der Heiligen Schrift als auch der Wissenschaft gegenĂŒber unfair. Wir wollen vielmehr beide aufmerksam betrachten und sehen, ob der Mensch, wĂ€hrend er immer mehr ĂŒber die Schöpfung entdeckt, nicht manchmal – sogar ohne es zu beabsichtigen – vor Wahrheiten steht, die der Schöpfer ihm schon lange zuvor vor Augen gestellt hat.

Und vielleicht werden wir am Ende dieser Reise genau dorthin zurĂŒckkehren, wo wir begonnen haben: zu dem Menschen, von dem der Prediger sagt, dass er die „Ewigkeit“ in seinem Herzen trĂ€gt; zu dem Menschen, der das Universum betrachtet, das Leben erforscht, versucht, sich selbst zu verstehen, und immer weiter fragt.

Denn manchmal wird die Frage nicht kleiner, je mehr wir ĂŒber die Welt entdecken, in der wir leben, sondern grĂ¶ĂŸer: Wenn dies die Schöpfung ist ... was sagt sie uns dann ĂŒber den Schöpfer?

1. Ein dankbares Herz

Nach den Fragen, mit denen wir diese Folge begonnen haben, möchte ich mit etwas anfangen, das dem Leben eines jeden von uns sehr nahe ist: mit dem Zustand unseres Herzens.

In SprĂŒche 17,22 lesen wir: „Ein fröhliches Herz tut dem Leib wohl; aber ein betrĂŒbtes GemĂŒt lĂ€sst das Gebein verdorren.“

Es ist interessant, wie die Heilige Schrift die Verbindung zwischen dem, was in unserem Inneren geschieht, und der Art, wie wir leben, beschreibt. NatĂŒrlich ist dieser Vers keine medizinische Formel. Die Bibel sagt nicht, dass ein fröhlicher Mensch niemals krank wird oder dass jemand deshalb krank ist, weil er nicht fröhlich genug gewesen wĂ€re. Aber sie bringt eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck: Unser innerer Zustand ist von Bedeutung.

Und eines der Dinge, auf die uns die Heilige Schrift immer wieder hinweist, ist Dankbarkeit. Paulus sagt in 1. Thessalonicher 5,18: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus fĂŒr euch.“

Biblische Dankbarkeit bedeutet nicht, so zu tun, als wÀre alles gut, wenn es das nicht ist. Wir können leiden, wir können weinen und wir können Fragen haben. Aber selbst mitten in einer schweren Zeit können wir uns weigern, den Schmerz zum Einzigen werden zu lassen, was wir noch sehen.

Und genau hier wird die Begegnung mit der modernen Forschung interessant. In den vergangenen Jahrzehnten wurde Dankbarkeit in der Psychologie zunehmend untersucht, und Studien haben ihre bewusste Praxis mit einem besseren psychischen Wohlbefinden, einer höheren Lebenszufriedenheit und in bestimmten Untersuchungen auch mit einer Verringerung von Symptomen von Depression und Angst in Verbindung gebracht.

Das bedeutet nicht, dass Dankbarkeit ein Medikament ist oder medizinische beziehungsweise psychologische Hilfe ersetzen kann, wenn diese notwendig ist. Es bedeutet jedoch, dass das, worauf wir unseren Blick richten und was wir in unserem Inneren pflegen, möglicherweise mehr Bedeutung hat, als wir uns vorstellen.

Einen weiteren sehr schönen Text finden wir in Philipper 4,6: „Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.“

Beachtet: Das Problem besteht noch immer – genau deshalb betet der Mensch. Und dennoch erscheint mitten in der Bitte die Dankbarkeit. Paulus sagt nicht: „Wenn das Problem gelöst ist, dann danke.“ Er stellt die Dankbarkeit mitten hinein in das Problem.

Und ich glaube, genau darin liegt eine der schönsten Lektionen der Dankbarkeit. Sie verÀndert nicht immer die UmstÀnde. Sie lÀsst Probleme nicht einfach verschwinden und macht Schmerz nicht zu etwas Angenehmem.

Aber sie kann verÀndern, wie wir durch diese UmstÀnde hindurchgehen.

Und fĂŒr einen glĂ€ubigen Menschen ist Dankbarkeit mehr als eine psychologische Übung. Sie hat ein Ziel. Wir sind nicht nur fĂŒr etwas dankbar; wir sind jemandem dankbar.

Die Wissenschaft kann untersuchen, welche Auswirkungen Dankbarkeit auf den Menschen hat. Die Heilige Schrift zeigt uns darĂŒber hinaus, an wen wir unseren Dank richten können.

Und vielleicht bleibt gerade deshalb nach Tausenden von Jahren die Aufforderung genauso aktuell:

„Seid dankbar in allen Dingen.“

2. Die Erneuerung des Denkens

Von der Dankbarkeit können wir zu einem weiteren außergewöhnlichen Prinzip gehen, dem wir in der Heiligen Schrift begegnen: der Erneuerung unseres Denkens.

In Römer 12,2 sagt der Apostel Paulus:

„Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern Ă€ndert euch durch Erneuerung eures Sinnes ...“

Es ist wichtig, gleich zu Beginn zu sagen, dass Paulus hier weder aus biologischer Sicht ĂŒber das Gehirn spricht noch ĂŒber das, was die Wissenschaft heute NeuroplastizitĂ€t nennt. Er spricht von einer geistlichen VerĂ€nderung, von einer VerĂ€nderung der Art, wie der Mensch denkt, das Leben betrachtet und den Willen Gottes versteht.

Aber darin liegt ein sehr interessantes Prinzip: Der Mensch kann sich verÀndern, und die Art, wie er denkt, ist Teil dieser VerÀnderung.

Lange Zeit ging man davon aus, dass das Gehirn eines Erwachsenen ab einem bestimmten Alter weitgehend unverÀnderlich sei. Heute wissen wir, dass es nicht ganz so ist. Das Gehirn besitzt die FÀhigkeit, sich anzupassen und bestimmte Verbindungen als Reaktion auf Erfahrungen, Lernen und wiederholte Verhaltensweisen zu verÀndern. Diese FÀhigkeit wird NeuroplastizitÀt genannt.

Mit anderen Worten: Was wir wiederholt tun, was wir lernen und welche Erfahrungen wir machen, kann beeinflussen, wie unser Gehirn funktioniert und sich organisiert.

Und dadurch wird eine weitere Aufforderung des Apostels Paulus umso interessanter. In Philipper 4,8 sagt er sinngemĂ€ĂŸ: Alles, was wahrhaftig, ehrbar, gerecht, rein, liebenswert und lobenswert ist – darauf sollen wir unseren Sinn richten.

Lange bevor wir etwas ĂŒber Neuronen, Synapsen oder die Mechanismen der NeuroplastizitĂ€t wussten, maß die Heilige Schrift den Dingen, mit denen der Mensch seinen Geist nĂ€hrt, eine außerordentliche Bedeutung bei.

Und ich glaube, hier haben wir eine sehr aktuelle Frage fĂŒr jeden von uns: Womit nĂ€hren wir Tag fĂŒr Tag unseren Geist?

Denn unser Denken ist stĂ€ndig Informationen ausgesetzt: dem, was wir ansehen, dem, was wir hören, den GesprĂ€chen, die wir fĂŒhren, und den Dingen, zu denen wir immer wieder zurĂŒckkehren. Und wenn wir stĂ€ndig dieselben Gedanken, dieselben Reaktionen und dieselben Gewohnheiten wiederholen, können sie in unserem Leben immer stĂ€rker werden.

Die Heilige Schrift stellt den Menschen jedoch nicht als jemanden dar, der dazu verurteilt ist, fĂŒr immer derselbe zu bleiben.

Sie spricht von Erneuerung.

Von VerÀnderung.

Von der Möglichkeit einer anderen Art zu denken und dadurch auch einer anderen Art zu leben.

Die Wissenschaft untersucht die Mechanismen, durch die sich das Gehirn anpasst und verÀndert. Die Heilige Schrift spricht von der VerÀnderung des Menschen von innen heraus und davon, seinen Geist auf das auszurichten, was wahr, rein und gut ist.

Das ist nicht dasselbe, und wir sollten beides nicht miteinander verwechseln.

Aber es ist faszinierend, dass beide, wenn wir sie nebeneinander betrachten, uns von derselben fatalistischen Vorstellung wegfĂŒhren:

„Ich bin eben so und kann mich nicht mehr verĂ€ndern.“

Unser Gehirn besitzt die FĂ€higkeit, sich anzupassen.

Und die Heilige Schrift ruft uns dazu auf, nicht dieselben zu bleiben, sondern durch die Erneuerung unseres Denkens verÀndert zu werden.

3. Wenn Sorgen drĂŒcken – Frieden, Gebet und Stress

Nachdem wir ĂŒber die Erneuerung des Denkens gesprochen haben, kommen wir ganz natĂŒrlich zu einem der Dinge, die unsere Gedanken so leicht beschĂ€ftigen und uns manchmal regelrecht aufzehren können: die Sorge.

In Philipper 4,6–7 sagt der Apostel Paulus:

„Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.“

Paulus spricht zu Menschen, die die Schwierigkeiten des Lebens sehr gut kannten. Seine Aufforderung fĂŒhrt sie zu einer konkreten Antwort, wenn sich die Sorgen anzusammeln beginnen: Bringt sie vor Gott. Das Gebet wird so zu dem Ort, an dem der Mensch vor Gott legen kann, was ihn bedrĂŒckt, was ihm Angst macht und was er nicht mehr kontrollieren kann.

Heute wissen wir viel mehr darĂŒber, was im Körper geschieht, wenn wir ĂŒber lĂ€ngere Zeit unter Druck leben. Stress ist eine natĂŒrliche Reaktion des Organismus und hilft uns, in bestimmten Situationen zu reagieren. Wenn er jedoch zu einem anhaltenden Zustand wird, können sich seine Auswirkungen auf den Schlaf, den Blutdruck, das Herz-Kreislauf-System, die Verdauung und andere wichtige Prozesse des Körpers bemerkbar machen.

Wir sehen also erneut, wie eng Geist und Körper miteinander verbunden sind. Eine Sorge, die Tag fĂŒr Tag getragen wird, kann zu einer Last werden, die wir in unserem ganzen Wesen spĂŒren.

Und genau das Bild einer Last begegnet uns auch in 1. Petrus 5,7: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt fĂŒr euch.“

Es ist ein außerordentlich einfaches und zugleich tiefes Bild. Es gibt Momente, in denen wir an die Grenze dessen gelangen, was wir kontrollieren können. Wir können tun, was in unserer Macht steht, nach Lösungen suchen und Hilfe annehmen, doch es bleiben Dinge, die unsere eigene Kraft ĂŒbersteigen. Die Heilige Schrift lĂ€dt uns ein, sie Gott anzuvertrauen.

FĂŒr einen Christen bekommt das Gebet hier eine viel tiefere Bedeutung als lediglich die Beruhigung des Geistes. Gebet ist Ausdruck einer Beziehung und des Vertrauens: Ich kann meine Last vor Gott legen, weil ich glaube, dass er mich hört und dass ich ihm nicht gleichgĂŒltig bin.

Und in den Worten des Paulus steckt noch ein schönes Detail. Nach dem Gebet spricht er vom Frieden, ohne zu sagen, dass die Situation, die die Sorge ausgelöst hat, sofort gelöst werden wird:

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren ...“

Manchmal bleibt das Problem bestehen. Die Antwort, auf die wir warten, lÀsst auf sich warten. Die UmstÀnde brauchen Zeit, um sich zu verÀndern. Und dennoch kann der Mensch mitten darin einen Frieden erfahren, der nicht daraus entsteht, dass er alle Antworten besitzt, sondern aus seinem Vertrauen auf Gott.

Die Wissenschaft hilft uns heute zu verstehen, wie tief anhaltender Stress unseren Körper beeinflussen kann. Die Heilige Schrift spricht darĂŒber, wie wir mit diesen Lasten umgehen können, und weist uns auf Gott hin:

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt fĂŒr euch.“

Und manchmal, noch bevor sich die UmstÀnde um uns herum verÀndern, kann der Friede beginnen, das zu verÀndern, was in unserem Inneren geschieht.

4. Ein ruhiges Herz – Zorn, Neid und Bitterkeit

Von Sorge und Stress können wir zu einer weiteren Wirklichkeit ĂŒbergehen, die sich in unserem Inneren abspielt: zu den GefĂŒhlen, die wir ĂŒber lange Zeit mit uns tragen.

In SprĂŒche 14,30 finden wir ein sehr kraftvolles Bild:

„Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben; aber Eifersucht ist Eiter in den Gebeinen.“

Es ist erstaunlich, wie unmittelbar dieses Sprichwort den inneren Zustand des Menschen mit seinem Körper verbindet. Auf der einen Seite steht ein ruhiges Herz, auf der anderen der Neid – jener Zustand, in dem ein Mensch stĂ€ndig auf das blickt, was ein anderer besitzt, und unter dem leidet, was ihm selbst fehlt.

Die Heilige Schrift spricht aber auch von anderen ZustÀnden, die lange in uns bleiben können. In Epheser 4,31 sagt Paulus:

„Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und LĂ€sterung seien fern von euch samt aller Bosheit.“

Bitterkeit und Zorn haben manchmal sehr reale GrĂŒnde. Jemand hat uns verletzt, uns wurde Unrecht getan, wir haben etwas verloren oder eine Erfahrung gemacht, die wir noch immer mit uns tragen. Das Problem entsteht dann, wenn eine Verletzung aus der Vergangenheit Tag fĂŒr Tag denselben Zorn und dieselbe Bitterkeit weiter nĂ€hrt.

Die moderne Wissenschaft hilft uns zu verstehen, dass unsere GefĂŒhle und Reaktionen von realen körperlichen Prozessen begleitet werden. In Momenten von Wut oder Anspannung gerĂ€t der Körper in einen Zustand erhöhter Aktivierung: Der Herzschlag steigt, der Blutdruck verĂ€ndert sich und Hormone, die an der Stressreaktion beteiligt sind, werden ausgeschĂŒttet. Wenn solche ZustĂ€nde hĂ€ufig auftreten oder dauerhaft bestehen, können sie zu einer zusĂ€tzlichen Belastung fĂŒr die Gesundheit beitragen.

Und hier gewinnen die Worte aus den SprĂŒchen eine besondere Tiefe: „Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben.“

Die Ruhe, von der die Heilige Schrift spricht, ist mehr als die Abwesenheit eines Ă€ußeren Konflikts. In unserem Haus kann völlige Ruhe herrschen, wĂ€hrend wir gleichzeitig in unserem Inneren einen Kampf fĂŒhren, der schon seit Jahren andauert. Wir können lĂ€ngst nicht mehr mit dem Menschen sprechen, der uns verletzt hat, und trotzdem Tag fĂŒr Tag in unseren Gedanken das GesprĂ€ch mit ihm fortsetzen.

Deshalb berĂŒhrt der Ruf der Heiligen Schrift, Bitterkeit, Zorn und Bosheit loszulassen, etwas sehr Tiefes im Menschen. Was wir in unserem Herzen bewahren, beeinflusst schließlich, wie wir denken, reagieren und leben.

Die Wissenschaft kann beschreiben, was im Körper geschieht, wenn Wut und Stress immer wieder auftreten. Die Heilige Schrift geht nach innen und ruft uns dazu auf, darauf zu achten, was wir in unserem Herzen weiter nÀhren.

Manchmal glauben wir, dass wir den Menschen, der uns verletzt hat, weiter bestrafen, wenn wir an unserem Zorn festhalten. In Wirklichkeit können wir selbst diejenigen sein, die jahrelang die Last dieser Verletzung tragen.

Deshalb bleiben die Worte dieses alten Sprichworts so aktuell:

„Ein gelassenes Herz ist des Leibes Leben ...“

Denn es gibt Lasten, von denen es sich lohnt, sich zu lösen, damit das, was gestern geschehen ist, nicht weiterhin unser heutiges Leben bestimmt.

5. Vergebung – Befreiung von der Last der Vergangenheit

Nachdem wir ĂŒber Zorn und Bitterkeit gesprochen haben, kommen wir ganz natĂŒrlich zu einer der schwierigsten Aufforderungen der Heiligen Schrift: zur Vergebung.

Jesus sagt in Markus 11,25:

„Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt ...“

Es ist leicht, ĂŒber Vergebung zu sprechen, wenn die Verletzung klein ist. Viel schwieriger wird es, wenn dahinter echtes Unrecht, Verrat, Worte, die uns geprĂ€gt haben, oder eine Erfahrung stehen, die wir jahrelang mit uns getragen haben.

Biblische Vergebung verwandelt das Böse nicht in etwas Gutes und löscht auch nicht die Wirklichkeit dessen aus, was geschehen ist. Sie bedeutet, dass wir darauf verzichten, diese offene Schuld in unserem Inneren weiter festzuhalten, und die Gerechtigkeit Gott anvertrauen. Manchmal kann eine Beziehung wiederhergestellt werden, in anderen FÀllen erfordert Weisheit Abstand und gesunde Grenzen. Vergebung und Versöhnung sind nicht immer dasselbe.

Und genau hier begegnet uns erneut etwas Interessantes in der modernen Forschung. Auch Vergebung ist zu einem Thema psychologischer Forschung geworden, und Studien haben ZusammenhÀnge zwischen Vergebung und niedrigeren Stress-, Angst- und Depressionswerten sowie einem besseren psychischen Wohlbefinden festgestellt.

Das zeigt uns, wie viel es kosten kann, eine Wunde offen zu halten. Wenn wir immer wieder zu demselben Unrecht zurĂŒckkehren, erleben wir in gewisser Weise auch die damit verbundenen GefĂŒhle erneut. Die Vergangenheit ist vorbei, doch in unserem Inneren kann das Ereignis weiterhin gegenwĂ€rtig bleiben.

Der Apostel Paulus sagt in Kolosser 3,13:

„Ertragt einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“

Hier erscheint jedoch etwas, das die Psychologie nicht als theologische ErklĂ€rung geben kann. FĂŒr einen Christen beginnt Vergebung nicht nur mit dem Wunsch, sich selbst besser zu fĂŒhlen. Ihr Vorbild ist die Vergebung, die er selbst von Gott empfangen hat.

Deshalb kann Vergebung zu einem Akt der Befreiung werden. Der Mensch hört auf, der Verletzung von gestern zu erlauben, jeden Tag darĂŒber zu bestimmen, was er heute in seinem Herzen tragen wird.

Die Wissenschaft kann untersuchen, welche Auswirkungen Vergebung auf das psychische Wohlbefinden und auf Stress hat. Die Heilige Schrift fĂŒhrt uns zu ihrer Wurzel und zeigt uns einen tieferen Grund, warum wir vergeben sollen:

„Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“

Und manchmal verÀndert Vergebung nicht das, was in der Vergangenheit geschehen ist, aber sie verÀndert, wie viel von dieser Vergangenheit wir noch in unserer Gegenwart mit uns tragen.

6. Gesang und Musik – wenn die Seele eine Stimme findet

Etwas anderes, das den Menschen fast ĂŒberall begleitet und auch in der Heiligen Schrift einen ĂŒberraschend wichtigen Platz einnimmt, ist die Musik.

In Epheser 5,19 sagt der Apostel Paulus:

„Ermuntert einander mit Psalmen und LobgesĂ€ngen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“

Musik begegnet uns durch die gesamte biblische Geschichte hindurch. Wir finden sie in Freude und Feier, in der Anbetung, aber auch in Augenblicken der Angst oder des Leidens. Die Psalmen sind wahrscheinlich das schönste Beispiel dafĂŒr. Dort begegnen uns Menschen, die singen, wenn sie sich freuen, aber auch dann, wenn sie weinen, Angst haben oder Gottes Hilfe suchen.

Und in 1. Samuel 16 gibt es eine sehr interessante Begebenheit. Saul befand sich in ZustĂ€nden innerer Unruhe, und David nahm seine Harfe und spielte. Der Text berichtet, dass Saul dadurch Erleichterung fand und sich besser fĂŒhlte. Die Heilige Schrift beobachtete damit lange vor der modernen Forschung etwas, das jeder von uns in gewissem Maße selbst erlebt hat: Musik kann den Zustand eines Menschen tief beeinflussen.

Heute untersucht die Forschung genau diese Wirkungen. Musik kann Regionen und Systeme des Gehirns aktivieren, die an Emotion, GedĂ€chtnis und Belohnung beteiligt sind, und einige Studien sowie musikbasierte Interventionen haben positive Auswirkungen auf Stress und emotionales Wohlbefinden gezeigt. Forschungen ĂŒber als angenehm empfundene Musik haben auch die Beteiligung von Dopamin hervorgehoben, einem der chemischen Botenstoffe im Belohnungssystem des Gehirns.

Doch in der Heiligen Schrift geht der Gesang ĂŒber die Wirkung hinaus, die eine Melodie auf das Gehirn haben kann.

Paulus sagt: „Singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“

Hier bekommt die Musik eine Richtung. Gesang wird zu Gebet, Dank, Bekenntnis und Anbetung. Manchmal bringt eine Melodie das zum Ausdruck, was ein Mensch kaum noch in Worte fassen kann.

Und ich glaube, viele von uns haben das schon erlebt. Es gibt Momente, in denen ein Psalm oder ein Lied, das wir seit Jahren kennen, plötzlich auf ganz andere Weise zu unserem Herzen spricht, gerade weil wir es in einem Augenblick hören, in dem wir genau diese Worte brauchen.

Die Wissenschaft kann erforschen, was in unserem Gehirn und unserem Körper geschieht, wenn wir Musik hören oder selbst musizieren. Die Heilige Schrift zeigt uns, dass Musik auch eine geistliche Dimension haben kann: Sie kann das Herz des Menschen auf Gott ausrichten.

Deshalb bedeutet Gesang fĂŒr einen glĂ€ubigen Menschen mehr als Klang, Rhythmus und Emotion.

Manchmal ist er Freude. Manchmal ist er Gebet. Manchmal ist er ein Bekenntnis des Glaubens in einem Augenblick, in dem die Seele kaum noch Worte findet.

Und gerade dann kann der Gesang zur Stimme der Seele werden.

7. Beziehungen – der Mensch wurde nicht fĂŒr die Einsamkeit geschaffen

Der letzte Aspekt, bei dem wir stehen bleiben möchten, betrifft jeden von uns, denn so unterschiedlich wir auch sind, unser Leben wird zu einem großen Teil durch die Beziehungen geprĂ€gt, die wir zu anderen Menschen haben.

Schon am Anfang der Heiligen Schrift finden wir eine sehr bekannte Aussage. In 1. Mose 2,18 sagt Gott:

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei ...“

Im Zusammenhang dieser Stelle geht es um die Erschaffung der Frau und um die Beziehung zwischen Mann und Frau. Doch in der gesamten Heiligen Schrift begegnet uns immer wieder der Wert von Gemeinschaft, Familie, Freundschaft und der FĂŒrsorge, die Menschen fĂŒreinander tragen sollen.

Prediger 4,9–10 bringt dies sehr schön zum Ausdruck:

„So ist's ja besser zu zweien als allein ... FĂ€llt einer von ihnen, so hilft ihm sein Gesell auf.“

Es ist ein einfaches Bild, aber eines, das unserem Leben außerordentlich nahekommt. Wir alle erleben Augenblicke, in denen wir diejenigen sind, die einen anderen wieder aufrichten, und Augenblicke, in denen wir selbst eine ausgestreckte Hand brauchen.

Heute werden soziale Beziehungen und Einsamkeit auch von der Wissenschaft sehr intensiv untersucht. Forschungen haben wiederholt ZusammenhÀnge zwischen qualitativ guten sozialen Beziehungen und einer besseren körperlichen und psychischen Gesundheit festgestellt. Gleichzeitig wurden soziale Isolation und anhaltende Einsamkeit mit erhöhten Gesundheitsrisiken in Verbindung gebracht.

Das zeigt uns, wie tief das BedĂŒrfnis des Menschen nach Beziehung ist. Wir können Nahrung, ein Zuhause, Technologie und ĂŒber einen Bildschirm Zugang zu beinahe der ganzen Welt haben und uns trotzdem einsam fĂŒhlen.

Und ich glaube, gerade hier stellt unsere moderne Welt uns vor ein Paradox. Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten zu kommunizieren, und dennoch bedeutet Kommunikation nicht automatisch NÀhe. Wir können Hunderte oder Tausende Menschen in einer Kontaktliste haben und nur sehr wenige, denen wir wirklich erzÀhlen können, was in unserer Seele geschieht.

Die Heilige Schrift zeigt uns ein anderes Bild von Beziehungen. Paulus sagt in Galater 6,2:

„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfĂŒllen.“

Die Last eines Menschen zu tragen bedeutet mehr, als ihm eine Nachricht zu schicken. Es bedeutet, da zu sein, zuzuhören, zu helfen, sich mit ihm zu freuen, wenn er sich freut, und bei ihm zu bleiben, wenn er durch eine schwere Zeit geht.

Die Wissenschaft kann untersuchen, welche Auswirkungen Beziehungen und Isolation auf unsere Gesundheit haben. Die Heilige Schrift zeigt uns darĂŒber hinaus auch unsere Verantwortung fĂŒreinander: die Lasten des anderen mitzutragen, einander zu ermutigen und einander wieder aufzurichten, wenn einer von uns fĂ€llt.

Vielleicht suchen wir manchmal nach sehr komplizierten Dingen, um unser Leben besser zu machen, wĂ€hrend eines der wichtigsten Geschenke direkt neben uns steht: ein Mensch, dem wir nicht gleichgĂŒltig sind und dem auch wir sagen können, dass er uns nicht gleichgĂŒltig ist.

Denn schon am Anfang blickte Gott auf den Menschen und sagte:

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“

Abschluss

Und damit sind wir am Ende dieser Folge angekommen. Nach all den Beispielen, die wir betrachtet haben, lohnt es sich, fĂŒr einige Augenblicke zu der Frage zurĂŒckzukehren, mit der wir begonnen haben: MĂŒssen wir die Bibel und die Wissenschaft wirklich als zwei Wege betrachten, die einander ausschließen?

FĂŒr mich als glĂ€ubigen Menschen lautet die Antwort: Nein. Und der Grund dafĂŒr ist einfach: Ich glaube nicht, dass wir zwei Wahrheiten vor uns haben, die irgendwie miteinander versöhnt werden mĂŒssen, sondern eine einzige Wirklichkeit, die wir auf zwei unterschiedlichen Wegen betrachten.

Die Heilige Schrift offenbart uns den Schöpfer. Sie spricht ĂŒber den Menschen, ĂŒber den Sinn seiner Existenz und darĂŒber, wie Gott ihn zu leben ruft. Die Wissenschaft erforscht die Schöpfung, beobachtet, misst, entdeckt und versucht, die Mechanismen zu verstehen, nach denen die Welt und sogar unser eigener Körper funktionieren.

Und wenn Gott der Schöpfer sowohl des Menschen ist, der forscht, als auch des Universums, das dieser Mensch erforscht, dann gibt es keinen Grund, warum eine Wahrheit, die tatsÀchlich in der Schöpfung entdeckt wird, ein Feind der von Gott offenbarten Wahrheit sein sollte.

Die Wissenschaft entdeckt immer weiter. Unser Wissen entwickelt sich, wird korrigiert und dringt immer tiefer in Dinge ein, fĂŒr deren Erforschung frĂŒhere Generationen nicht einmal die notwendigen Werkzeuge besaßen. Und gerade deshalb finde ich es faszinierend, dass wir, je mehr wir ĂŒber den Menschen verstehen, manchmal auf die Auswirkungen von Prinzipien stoßen, die die Heilige Schrift uns bereits vor Tausenden von Jahren vor Augen gestellt hat.

FĂŒr mich bedeutet das nicht, dass die Wissenschaft die Bibel beweisen muss. Mein Ausgangspunkt bleibt die Heilige Schrift. Aber wenn uns die Forschung zeigt, wie wichtig Dankbarkeit, Frieden, Vergebung, Beziehungen oder die Dinge sind, mit denen wir unseren Geist nĂ€hren, dann kann ich mit Staunen darauf blicken, dass der Mensch bei der Erforschung der Schöpfung manchmal Spuren von Prinzipien entdeckt, die der Schöpfer ihm lĂ€ngst vor Augen gestellt hat.

Und so kehren wir zu den Worten zurĂŒck, mit denen wir begonnen haben:

„Auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt ...“

Prediger 3,11

Der Mensch wird weiterhin zum Universum aufblicken, das Leben erforschen, entdecken und Fragen stellen. Und ich glaube, es ist gut, dass er das tut. Doch wĂ€hrend wir immer mehr ĂŒber die Schöpfung entdecken, lohnt es sich, auch die tiefste aller Fragen offenzuhalten:

Was sagt uns die Schöpfung ĂŒber ihren Schöpfer?

Bis zum nĂ€chsten Mal wĂŒnschen wir dir nur eines:

Möge die Gnade Gottes auch dich motivieren – wo immer du bist, was immer du erlebst und wie schwer oder schön dein Weg auch sein mag.

Mach's gut, lieber Mensch.

Mit Liebe,
Petru und Adriana von Gnade & Motivation.

Episode 32 ✹ Ein anderes Leben – Die Bergpredigt

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

Ein anderes Leben – Die Bergpredigt

Mami:

Herzlich willkommen, ihr Lieben, zu einer neuen Folge von „Gnade & Motivation“.

Manchmal öffnen wir die Bibel und stoßen auf Worte, die uns so vertraut sind, dass wir den Vers beinahe zu Ende sprechen können, noch bevor wir ihn vollstĂ€ndig gelesen haben. Wir haben sie in Predigten gehört, vielleicht in unserer Bibel unterstrichen und sind in bestimmten Augenblicken unseres Lebens immer wieder zu ihnen zurĂŒckgekehrt. Und ohne es zu bemerken, kann gerade diese Vertrautheit dazu fĂŒhren, dass wir manchmal nicht mehr ihre ganze Tiefe wahrnehmen.

„Selig sind, die da geistlich arm sind 
“, „Liebt eure Feinde 
“, „Sorgt euch nicht um den morgigen Tag 
“, „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes 
“ – es sind Worte, die viele von uns kennen. Doch zusammen gehören sie zu einem der tiefsten Rufe, die Jesus jemals an den Menschen gerichtet hat: zur Bergpredigt.

In MatthĂ€us, Kapitel 5, 6 und 7, sehen wir Jesus vor einer Menschenmenge sitzen und ĂŒber das Leben sprechen. Aber nicht nur ĂŒber das religiöse Leben. Er spricht ĂŒber das Herz, ĂŒber Zorn und Vergebung, ĂŒber Liebe und Feinde, ĂŒber Gebet, Geld und die Sorgen des morgigen Tages, ĂŒber die Art, wie wir andere Menschen ansehen, und schließlich ĂŒber das Fundament, auf dem wir unser ganzes Leben bauen.

Je aufmerksamer wir diese Worte lesen, desto mehr beginnen wir zu verstehen, dass Jesus uns nicht einfach dazu aufruft, einige Dinge ein wenig besser zu machen. Er ruft uns zu einer anderen Art zu leben: zu einem Leben, in dem unser GlĂŒck nicht immer davon abhĂ€ngt, was wir besitzen; in dem Gott ĂŒber das hinausblickt, was Ă€ußerlich sichtbar ist, und bis in die Tiefe unseres Herzens sieht; in dem der morgige Tag nicht zur Last des heutigen werden muss und in dem wir selbst dann stehen bleiben können, wenn Regen, Wind und StĂŒrme kommen.

Denn, ihr Lieben, Jesus hat nicht gesagt, dass die StĂŒrme diejenigen verschonen werden, die Ihm folgen. Er hat nicht gesagt, dass ein glĂ€ubiger Mensch niemals weinen, keinen Mangel erleben, keine Fragen haben und keine Tage kennen wird, an denen es ihm schwerfĂ€llt, den Weg vor sich zu erkennen. Aber Er hat uns gezeigt, dass es ein Fundament gibt, auf dem wir so bauen können, dass der Sturm nicht das letzte Wort hat.

Und genau ĂŒber dieses Leben möchten wir heute sprechen.

Wir können in einigen Dutzend Minuten nicht alles erfassen, was in diesen drei außergewöhnlichen Kapiteln enthalten ist. Aber wir möchten bei einigen Worten Jesu verweilen und sie nicht nur als Verse betrachten, die vor fast zweitausend Jahren gesprochen wurden, sondern als Worte, die uns heute erreichen: den mĂŒden Menschen, denjenigen, der mit seinen eigenen Gedanken kĂ€mpft, denjenigen, der Angst vor dem morgigen Tag hat, denjenigen, dem das Vergeben schwerfĂ€llt, den Menschen, der Gott sucht, und auch denjenigen, der vielleicht gerade jetzt das GefĂŒhl hat, dass der Sturm seinem Haus sehr nahe gekommen ist.

Die Bergpredigt wurde uns nicht nur gegeben, damit wir sie lesen und bewundern. Ihre Worte sollen von den Seiten der Schrift bis in die tiefsten Bereiche unseres Herzens gelangen – dorthin, wo unsere Entscheidungen, Ängste und KĂ€mpfe entstehen, wo Vergebung und Glaube wachsen und wo sich entscheidet, wie wir leben wollen.

Und vielleicht wird am Ende dieser Folge die wichtigste Frage nicht sein, wie gut wir die Worte Jesu kennen, sondern wie sehr wir zugelassen haben, dass sie unser Herz prĂŒfen und unser Leben verĂ€ndern.

Darum laden wir euch fĂŒr die nĂ€chsten Minuten ein, uns gedanklich jener Menschenmenge anzuschließen, die sich damals auf dem Berg versammelt hatte. Hören wir die Worte Jesu noch einmal und versuchen wir fĂŒr einen Augenblick, all das beiseitezulegen, was wir bereits ĂŒber sie zu wissen glauben. Empfangen wir sie mit offenem Herzen – so, als wĂŒrden sie uns heute zum ersten Mal erreichen.

1. Ein GlĂŒck, das die Welt nicht versteht – MatthĂ€us 5,1–12

Tati:

Ich glaube, das Erste, was uns an der Bergpredigt ĂŒberrascht, ist die Art und Weise, wie Jesus sie beginnt. Noch bevor Er ĂŒber Gebote, Gebet, Vergebung oder darĂŒber spricht, wie wir leben sollen, spricht Jesus ĂŒber GlĂŒckseligkeit.

Doch das, was Er glĂŒckselig nennt, hat nur sehr wenig mit dem zu tun, was unsere Welt unter GlĂŒck versteht.

Wir haben auf die eine oder andere Weise gelernt, GlĂŒck mit Erfolg zu verbinden. Du bist glĂŒcklich, wenn alles gut lĂ€uft, wenn du gesund bist, wenn es deiner Familie gut geht, wenn du genĂŒgend Geld hast, wenn deine PlĂ€ne gelingen, wenn andere Menschen dich schĂ€tzen und wenn sich dein Leben so entwickelt, wie du es dir gewĂŒnscht hast.

Und dann kommt Jesus und sagt:

„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die SanftmĂŒtigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die da hungert und dĂŒrstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ – MatthĂ€us 5,3–6.

Wenn wir einen Augenblick bei diesen Worten verweilen, spĂŒren wir beinahe, wie anders Gott den Menschen betrachtet als die Welt.

Die Welt sagt: „GlĂŒcklich ist der Starke.“ Jesus sagt: „Selig ist, wer geistlich arm ist.“

Die Welt sagt: „GlĂŒcklich ist, wer keinen Grund zum Weinen hat.“ Jesus sagt: „Selig sind, die Leid tragen.“

Die Welt bewundert den Menschen, der sich durchsetzt, der weiß, wie er sich seinen Platz verschafft und niemanden vor sich lĂ€sst. Jesus sagt: „Selig sind die SanftmĂŒtigen.“

Es ist, als wĂŒrde Jesus gleich mit den ersten Worten der Bergpredigt die Rangordnung auf den Kopf stellen, nach der wir gelernt haben, den Wert eines Lebens zu beurteilen.

Dabei mĂŒssen wir etwas sehr gut verstehen. Jesus sagt nicht, dass Schmerz angenehm sei oder dass wir Leiden suchen mĂŒssten, um glĂŒcklich zu werden. Er sagt nicht, dass TrĂ€nen, Verlust oder Mangel an sich etwas Gutes seien.

Er zeigt uns etwas viel Tieferes: Keine dieser Situationen kann einen Menschen aus der Reichweite der Gnade Gottes entfernen.

Du kannst weinen und Gott kann dir nahe sein.

Du kannst schwach sein und Gott kann in dir wirken.

Du kannst nichts besitzen, womit du die Welt beeindrucken könntest, und dennoch in Seinen Augen unendlich kostbar sein.

Ich glaube, wir mĂŒssen das hören, denn wir leben in einer Welt, die uns stĂ€ndig dazu bringt, uns miteinander zu vergleichen. Wir sehen das Leben anderer Menschen, ihre Erfolge, ihre Familien, ihre HĂ€user, ihre Urlaubsreisen und das, was sie erreicht haben. Und ohne es zu wollen, beginnen wir, unser eigenes Leben an dem zu messen, was wir sehen.

Wenn unser Leben dann nicht diesem Bild entspricht, entsteht die Frage: „Was stimmt mit mir nicht? Warum bin ich noch nicht dort angekommen? Warum ist es bei mir so schwer?“

Doch Gott misst unser Leben nicht nach der Rangordnung dieser Welt. Genau deshalb sind die ersten Worte Jesu so voller Gnade.

Denkt an einen Menschen, der damals in dieser Menge stand und nichts hatte, womit er sich hĂ€tte rĂŒhmen können. Vielleicht trug er einen Schmerz in sich, von dem niemand wusste. Vielleicht hatte er jemanden verloren. Vielleicht war er arm. Vielleicht wurde er verachtet. Vielleicht fĂŒhlte er sich unwĂŒrdig, sich Gott zu nĂ€hern.

Und das Erste, was er von Jesus hört, lautet nicht: „Wenn du möchtest, dass Gott dich annimmt, musst du zuerst etwas beweisen.“

Er hört: „Selig 
“

Was fĂŒr ein außergewöhnliches Wort fĂŒr einen Menschen, der glaubte, nichts mehr zu besitzen. Denn Gnade beginnt gerade dort, wo der Mensch aufhört, mit einer Liste seiner Leistungen vor Gott zu treten, und stattdessen mit leeren HĂ€nden kommt.

„Geistlich arm“ bedeutet nicht, wertlos zu sein oder sich selbst verachten zu mĂŒssen. Es beschreibt einen Menschen, der verstanden hat, dass er vor Gott nichts kaufen, nichts aushandeln und nicht sagen kann: „Herr, sieh, wie gut ich bin – deshalb verdiene ich Deine Liebe.“

Er kommt und sagt: „Herr, ich brauche Dich.“

Und Jesus sagt, dass gerade einem solchen Menschen das Himmelreich gehört.

Mami:

Vielleicht befindet sich unter denen, die uns gerade zuhören, jemand, der sich genau so fĂŒhlt.

Vielleicht bist du mĂŒde geworden, fĂŒr alle anderen stark sein zu mĂŒssen. Vielleicht hast du so lange versucht, alles zusammenzuhalten, dass niemand mehr weiß, wie schwer es dir tatsĂ€chlich fĂ€llt. Vielleicht hast du etwas verloren, das dir sehr wichtig war. Vielleicht hast du an einem Ort geweint, an dem dich niemand gesehen hat. Oder du blickst auf dein eigenes Leben und hast das GefĂŒhl, nicht dort angekommen zu sein, wo du deiner Meinung nach lĂ€ngst sein solltest.

Genau hier werden die Worte Jesu ganz persönlich.

Dein Wert vor Gott wird nicht geringer, wenn dein Leben durch eine schwere Zeit geht.

Deine TrĂ€nen sind kein Beweis dafĂŒr, dass Gott dich vergessen hat.

Deine SchwÀche bedeutet nicht, dass du in Seiner Hand nutzlos geworden bist.

Und wenn du der Welt heute nichts SpektakulÀres zeigen kannst, bedeutet das nicht, dass Gott nichts Kostbares in dir sieht.

Denn im Reich Gottes entscheidet nicht der Applaus der Menschen ĂŒber deinen Wert.

Tati:

Und in den Seligpreisungen steckt noch etwas Außergewöhnliches: Fast jede von ihnen blickt ĂŒber die gegenwĂ€rtige Situation hinaus.

„Die Leid tragen 
 werden getröstet werden.“

„Die nach Gerechtigkeit hungern und dĂŒrsten 
 werden satt werden.“

„Die Barmherzigen 
 werden Barmherzigkeit erlangen.“

„Die reinen Herzens sind 
 werden Gott schauen.“

Mit anderen Worten: Jesus sieht einen Menschen in einem schweren Kapitel seines Lebens an und sagt ihm: Deine Geschichte endet nicht hier.

Die Welt sieht die TrÀne. Gott sieht auch den Trost, der folgen wird.

Die Welt sieht den Mangel. Gott sieht auch die ErfĂŒllung.

Die Welt sieht den Menschen, der scheinbar verliert, weil er Sanftmut, Barmherzigkeit oder Frieden gewÀhlt hat. Gott sieht das Reich.

Und darin liegt eine der großen Hoffnungen des Glaubens: Wir mĂŒssen nicht unser gesamtes Leben nach dem Kapitel beurteilen, in dem wir uns gerade befinden. Manchmal betrachten wir eine einzige Seite und glauben bereits zu wissen, wie das ganze Buch endet.

Ein Gebet, auf das wir noch keine Antwort erhalten haben. Eine TĂŒr, die sich geschlossen hat. Ein Verlust, den wir noch nicht verstehen. Eine Zeit, in der Gott zu schweigen scheint. Weil wir nicht sehen können, was danach kommt, sind wir versucht zu glauben, dass das, was wir jetzt sehen, alles ist, was es jemals geben wird.

Doch die Seligpreisungen lehren uns, unser Leben auch aus Gottes Perspektive zu betrachten.

Das macht den Schmerz nicht weniger wirklich und die TrĂ€nen nicht weniger bitter. Aber es erinnert uns daran, dass Gott weiter sieht als wir und dass unsere Gegenwart nicht allein darĂŒber entscheiden darf, wie unsere Geschichte endet.

Wenn du dich heute also klein, mĂŒde oder ohne große Erfolge fĂŒhlst, dann beeile dich nicht zu sagen, dein Leben sei weniger wert.

Im Reich Gottes gelten andere MaßstĂ€be.

Dort wird der Mensch, der seine AbhĂ€ngigkeit von Gott erkennt, nicht abgewiesen, sondern angenommen. Wer weint, ist nicht vergessen, sondern ihm ist Trost verheißen. Der SanftmĂŒtige gilt nicht als schwach, und wer noch nach dem hungert, was gerecht ist, wird nicht als Verlierer angesehen, sondern als jemand, dem Gott verspricht, dass er satt werden wird.

Mami:

Vielleicht ist das die erste Wahrheit, die wir aus der Bergpredigt mitnehmen sollten: Wir dĂŒrfen aufhören, unseren Wert mit den MaßstĂ€ben dieser Welt zu messen.

Nicht dein Erfolg bestimmt, wer du bist. Nicht dein Bankkonto bestimmt, wer du bist. Nicht die Zahl der Menschen, die dich schĂ€tzen, bestimmt, wer du bist. Und selbst deine Misserfolge haben nicht das Recht, das endgĂŒltige Urteil ĂŒber dein Leben zu sprechen.

Das letzte Wort hat Gott.

Und wenn du heute ohne Masken vor Ihn trittst, ohne Leistungen, die du wie TrophĂ€en hochhalten könntest, und ohne so zu tun, als hĂ€ttest du alles unter Kontrolle, sondern einfach mit einem Herzen, das sagt: „Herr, ich brauche Dich“, dann ist diese Armut nicht das Ende des Weges.

Sie kann gerade der Ort sein, an dem das Reich Gottes beginnt.

Und wenn wir verstanden haben, dass Gott zuerst auf das Herz sieht, entsteht die nÀchste Frage: Was sieht Er, wenn Er in unser Inneres blickt?

Denn Jesus bleibt nicht bei dem stehen, was wir tun und was andere Menschen sehen können. In den nĂ€chsten Worten der Bergpredigt geht Er viel tiefer – bis zu dem Ort, an dem Zorn, WĂŒnsche, Vergebung und Liebe entstehen.

Und dort beginnt der nÀchste Teil unserer Reise.

2. Nicht nur die HĂ€nde, sondern auch das Herz – MatthĂ€us 5,21–48

Tati:

Genau dorthin fĂŒhrt Jesus uns weiter. Nachdem Er uns gezeigt hat, dass Gott einen Menschen anders betrachtet als die Welt, zeigt Er uns nun, dass Gott auch tiefer sieht als andere Menschen.

Wir sehen Verhalten, Worte, Gesten und das Bild, das jemand nach außen zeigt. Gott aber kann hinter all das schauen – bis in jene Bereiche des Herzens, die kein anderer Mensch sieht.

Deshalb verwendet Jesus in diesem Teil der Bergpredigt mehrfach eine Formulierung, die Seine Zuhörer ĂŒberrascht haben muss: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist 
“ und dann fĂ€hrt Er fort: „Ich aber sage euch 
“

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten 
 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zĂŒrnt, der ist des Gerichts schuldig.“ – MatthĂ€us 5,21–22.

Jesus nimmt etwas, das die Menschen Ă€ußerlich sehr leicht beurteilen konnten, und fĂŒhrt es nach innen. Denn es ist möglich, niemals die Hand gegen jemanden erhoben zu haben und trotzdem jahrelang einen Kampf gegen diesen Menschen im Herzen zu tragen.

Es ist möglich, einem Menschen bei einer Begegnung zuzulÀcheln und freundlich mit ihm zu sprechen, wÀhrend gleichzeitig eine Verletzung in uns lebt, die sich langsam in Zorn, Bitterkeit oder sogar Hass verwandelt hat.

Jesus sagt uns damit, dass Gott sich nicht nur fĂŒr HĂ€nde interessiert, die nicht zugeschlagen haben. Er sieht auch das Herz, das noch immer verletzt ist.

Und hier beginnt die Bergpredigt unbequem zu werden. Denn es ist viel einfacher, eine Ă€ußerliche Regel einzuhalten, als Gott zu erlauben, unser Herz zu prĂŒfen.

Wenn alles nur davon abhinge, was andere Menschen sehen, könnten wahrscheinlich viele von uns sagen: „Mit mir ist alles in Ordnung. Ich habe niemanden getötet. Ich habe keine solchen schlimmen Dinge getan. Ich versuche, ein guter Mensch zu sein.“

Doch Jesus richtet das Licht weg von dem, was wir tun, hin zu dem, was wir innerlich werden.

Er spricht ĂŒber Zorn, Versöhnung, verborgene WĂŒnsche des Herzens, die Wahrhaftigkeit unserer Worte und ĂŒber Vergeltung. Schließlich gelangt Er zu einem der schwierigsten Aufrufe der gesamten Bergpredigt:

„Liebt eure Feinde und bittet fĂŒr die, die euch verfolgen.“ – MatthĂ€us 5,44.

Und wenn wir ehrlich sind, können wir hier nicht mehr so leicht sagen: „Ja, das kann ich.“

Denn es ist verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig leicht, Menschen zu lieben, die uns lieben. Es ist leicht, freundlich zu jemandem zu sein, der freundlich zu uns ist, respektvoll auf jemanden zu reagieren, der uns respektiert, und zu vergeben, wenn die Verletzung nicht besonders tief war.

Aber was tun wir mit dem Menschen, der uns wirklich verletzt hat?

Mami:

Was tun wir mit dem Menschen, der sich niemals entschuldigt hat? Mit demjenigen, der vielleicht nicht einmal anerkennt, was er uns angetan hat? Was tun wir mit einem Menschen, den wir sehen und bei dessen Anblick sich selbst nach vielen Jahren noch etwas in uns zusammenzieht?

Gerade hier mĂŒssen wir sehr aufmerksam sein, wenn wir die Worte Jesu lesen. Denn Er verharmlost das Böse, das uns angetan wurde, nicht.

Den Feind zu lieben bedeutet nicht, Böses gut zu nennen, in einer missbrĂ€uchlichen oder gefĂ€hrlichen Situation zu bleiben oder so zu tun, als gĂ€be es die Verletzung nicht. Wir dĂŒrfen Grenzen setzen, Gerechtigkeit suchen und uns vor Bösem schĂŒtzen, ohne Hass zu einem dauerhaften Bewohner unseres Herzens werden zu lassen.

Und manchmal beginnt Vergebung nicht mit einem schönen GefĂŒhl. Manchmal beginnt sie mit einem ganz einfachen Gebet:

„Herr, ich kann es noch nicht, aber ich möchte nicht so bleiben.“

Wir glauben, dass dies eines der ehrlichsten Gebete sein kann, die wir sprechen. Denn Gott verlangt nicht von uns, vor Ihn zu treten und so zu tun, als wĂŒrde die Wunde nicht schmerzen. Er ruft uns, mit der Wunde so zu Ihm zu kommen, wie sie ist, und Ihm zu erlauben, dort zu wirken, wo wir selbst nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.

Tati:

Hier beginnen wir zu verstehen, warum der Maßstab Jesu so anders ist.

Er möchte nicht nur einen Menschen, der sein Verhalten vor anderen kontrollieren kann. Er möchte einen Menschen, der auch innerlich frei ist.

Denn du kannst dich niemals rĂ€chen und trotzdem jeden Tag Rachegedanken mit dir tragen. Du kannst niemals etwas Schlechtes ĂŒber jemanden sagen und dennoch jahrelang in Gedanken GesprĂ€che wiederholen, die du gern mit ihm gefĂŒhrt hĂ€ttest.

Du kannst Ă€ußerlich ruhig wirken und innerlich einen Krieg fĂŒhren, von dem niemand etwas weiß. Und das Problem ist: Mit der Zeit beginnen die Dinge, die wir in unserem Herzen festhalten, uns zu formen.

Der Zorn, den wir nÀhren, verÀndert uns. Die Bitterkeit, die wir festhalten, verÀndert uns.

Die WĂŒnsche, die wir im Verborgenen wachsen lassen, verĂ€ndern uns.

Und manchmal glauben wir, den anderen dadurch zu bestrafen, dass wir all diese Dinge in uns bewahren. In Wirklichkeit aber sind wir diejenigen, die die Last weiterhin tragen.

Wenn Jesus deshalb bis in unser Herz hineinreicht, tut Er das nicht, um uns unter einer noch schwereren Liste von Regeln zu erdrĂŒcken. Er geht dorthin, weil genau dort Heilung und VerĂ€nderung nötig sind.

Und hier zeigt sich ein gewaltiger Unterschied zwischen Religion und Gnade.

Religion kann sich manchmal mit dem Ă€ußeren Schein zufriedengeben: gut auszusehen, die richtigen Dinge zu sagen und Regeln einzuhalten, die andere sehen können.

Doch Gottes Gnade legt nicht einfach ein schönes Gewand ĂŒber das, was in unserem Inneren verletzt ist.

Die Gnade geht hinein.

Sie erreicht die Orte, ĂŒber die wir mit niemandem sprechen, die Gedanken, fĂŒr die wir uns manchmal schĂ€men, die Bitterkeit, die wir so lange gerechtfertigt haben, dass wir sie kaum noch als Problem erkennen, und die KĂ€mpfe, von denen andere nicht einmal ahnen, dass sie existieren.

Deshalb sollten uns die Worte Jesu nicht dazu bringen, vor Gott davonzulaufen, sondern uns Ihm zu nÀhern.

Denn wenn Gott uns etwas in unserem Herzen zeigt, besteht Sein Ziel nicht darin zu sagen: „Sieh, wie schlecht du bist.“

Sein Ziel ist vielmehr: „Sieh, hier möchte Ich wirken.“

Mami:

Ich glaube, hier liegt einer der grĂ¶ĂŸten Fehler, die wir beim Lesen der Bergpredigt machen können: Wir sehen den Maßstab Jesu und machen daraus einen verzweifelten Versuch, endlich gut genug fĂŒr Gott zu werden.

Nicht zornig werden.

Meine Gedanken bewahren.

Vergeben.

Mich nicht rÀchen.

Meinen Feind lieben.

Wenn wir all das nebeneinanderstellen und ehrlich mit uns selbst sind, mĂŒssen wir zugeben, dass uns das nicht immer gelingt.

Und genau hier beginnt die Gnade.

Denn Jesus ist nicht gekommen, um uns lediglich eine noch höhere Liste von Anforderungen zu geben und uns dann allein damit zurĂŒckzulassen. Er zeigt uns, wie tief das Problem des Herzens reicht, gerade weil wir etwas Tieferes brauchen als eine bloße VerĂ€nderung unseres Verhaltens.

Jesus ist nicht nur gekommen, um uns Ă€ußerlich besser zu machen. Er ist gekommen, um uns von innen heraus zu verĂ€ndern.

Und diese VerÀnderung geschieht nicht an einem einzigen Tag.

Gott arbeitet mit uns im Laufe der Zeit. Er zeigt uns nach und nach Bereiche unseres Herzens, ruft uns dazu auf, Ihm das zu ĂŒbergeben, was wir dort finden, richtet uns auf, wenn wir fallen, und setzt Sein Werk fort.

Du musst heute nicht alle KĂ€mpfe deines Herzens lösen. Aber du darfst den Mut haben, Gott zu zeigen, was dich noch belastet – sei es der Schmerz wegen eines Menschen, dessen Namen dir schwerfĂ€llt auszusprechen, ein Zorn, den du lange verborgen hast, oder eine Wunde, die zu viel Raum in dir eingenommen hat.

Gott verlangt nicht, dass du erst dann zu Ihm kommst, wenn du selbst alles in Ordnung gebracht hast. Er ruft dich, so zu kommen, wie du bist, und Ihm gerade jene Bereiche anzuvertrauen, in denen du Ihn brauchst.

Wir können ganz einfach sagen:

„Herr, Du siehst, was in mir ist. Ich weiß nicht immer, wie ich diese Dinge verĂ€ndern kann, aber ich bitte Dich: Beginne bei mir.“

Ich glaube, das ist eine der schönsten Formen von Ehrlichkeit vor Gott.

Tati:

Letztlich besteht die Freiheit, von der Jesus spricht, nicht nur darin, das Böse nicht zu tun. Sie besteht auch darin, innerlich nicht lÀnger davon beherrscht zu werden.

An den Punkt zu gelangen, an dem der Mensch, der dich verletzt hat, nicht lĂ€nger darĂŒber bestimmt, was in deinem Herzen geschieht.

Vergeben zu können – nicht weil das, was dir angetan wurde, unbedeutend gewesen wĂ€re, sondern weil du nicht lĂ€nger zulassen möchtest, dass diese Wunde darĂŒber entscheidet, wer du werden wirst.

Lieben zu können, selbst wenn du keine Liebe zurĂŒckbekommst, weil die Quelle deiner Liebe nicht mehr die Reaktion des anderen Menschen ist, sondern Gott.

Ein solches Leben kann ein Mensch nicht allein durch Ehrgeiz und Willenskraft aufbauen. Es ist ein Leben, in dem wir Gott Tag fĂŒr Tag brauchen, damit Er unser Herz verĂ€ndert.

Hier sollte sich jeder von uns eine einfache Frage stellen: Wenn Gott heute hinter all das blicken wĂŒrde, was andere Menschen an mir sehen, und bis in mein Herz schauen wĂŒrde – was wĂŒrde ich Ihn bitten zu verĂ€ndern?

Wir mĂŒssen diese Frage keinem anderen Menschen beantworten.

Aber es lohnt sich, sie Gott zu beantworten.

Denn wenn wir Gott erlauben, an dem zu wirken, was wir in unserem Inneren tragen, beginnt sich auch unsere Sicht auf das zu verÀndern, was vor uns liegt.

Und einer der grĂ¶ĂŸten KĂ€mpfe des menschlichen Herzens kommt nicht immer aus der Vergangenheit oder von dem, was andere uns angetan haben. Manchmal kommt er von einem Ort, den wir noch gar nicht erreicht haben: vom morgigen Tag.

Genau dorthin fĂŒhrt Jesus uns weiter, wenn Er ĂŒber unsere Sorgen, die Vögel des Himmels, die Lilien auf dem Feld und ĂŒber einen Vater spricht, der weiß, was wir brauchen, noch bevor wir selbst die Antwort sehen.

3. Trage den morgigen Tag nicht, bevor er da ist – MatthĂ€us 6,25–34

Tati:

Nachdem Jesus uns in die verborgenen Bereiche unseres Herzens gefĂŒhrt und ĂŒber die Dinge gesprochen hat, die sich dort ansammeln können, erreicht die Bergpredigt einen der bekanntesten und zugleich aktuellsten KĂ€mpfe des Menschen: die Sorge.

Jetzt geht es nicht mehr darum, was uns jemand in der Vergangenheit angetan hat, sondern darum, was unser Verstand um eine Zukunft herum aufzubauen beginnt, die noch gar nicht eingetreten ist.

Jesus sagt: „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet.“

Dann fordert Er Seine Zuhörer auf, die Vögel des Himmels und die Lilien auf dem Feld anzusehen. Er spricht nicht ĂŒber komplizierte Dinge und gibt ihnen keine schwer verstĂ€ndliche ErklĂ€rung. Er lenkt ihren Blick vielmehr auf etwas, das sie unmittelbar um sich herum sehen konnten, und fĂŒhrt sie durch die Schöpfung zur FĂŒrsorge des Vaters.

„Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie sĂ€en nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernĂ€hrt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“ – MatthĂ€us 6,26.

Jesus sagt nicht, dass der Mensch nicht arbeiten, planen oder verantwortungsvoll ĂŒber den morgigen Tag nachdenken soll. Auch die Vögel, die Er als Beispiel nennt, sitzen nicht regungslos da und warten darauf, dass ihnen das Futter vor die FĂŒĂŸe fĂ€llt. Und nirgendwo ermutigt die Schrift zu GleichgĂŒltigkeit oder Verantwortungslosigkeit.

Das Problem ist nicht der Plan fĂŒr morgen. Das Problem ist die Last von morgen, die wir bereits in den heutigen Tag hineintragen.

Es ist etwas anderes, das vorzubereiten, was wir vorbereiten können, als jeden Tag all die Szenarien zu durchleben, die unser Verstand ĂŒber Dinge erschaffen kann, die noch gar nicht geschehen sind.

Genau diese Macht besitzt die Sorge: Sie lÀsst uns heute wegen etwas leiden, das vielleicht niemals eintreten wird.

Sie versetzt uns in einen Tag, den wir noch gar nicht erreicht haben, und verlangt von uns, Probleme zu lösen, fĂŒr die wir heute weder die Antworten noch die Kraft noch die Gnade besitzen, die wir dann benötigen werden.

Und wĂ€hrend unsere Gedanken bereits den morgigen Tag leben, zieht das Leben, das Gott uns fĂŒr heute gegeben hat, an uns vorbei.

Mami:

Wie leicht geschieht uns das, ohne dass wir es ĂŒberhaupt bemerken. Abends liegen wir mit dem Kopf auf dem Kissen. Unser Körper liegt im Bett, aber unsere Gedanken sind lĂ€ngst in der kommenden Woche angekommen – bei einer Rechnung, die bezahlt werden muss, bei einem Ergebnis, auf das wir warten, bei der Gesundheit eines geliebten Menschen, bei einem Kind, um das wir uns sorgen, oder bei einer Situation, fĂŒr die wir noch keinen Ausweg sehen.

Innerhalb weniger Minuten können wir in unseren Gedanken zehn verschiedene Versionen einer Zukunft durchleben, die noch nicht einmal gekommen ist. Und am Morgen sind wir erschöpft von KÀmpfen, die in Wirklichkeit noch gar nicht stattgefunden haben.

Gerade an einem solchen Ort bekommen die Worte Jesu eine besondere WĂ€rme. Denn Er macht sich nicht ĂŒber unsere Ängste lustig und sagt uns nicht, dass die Probleme, um die wir uns sorgen, unwichtig seien.

Er richtet unseren Blick auf den Vater und erinnert uns daran, dass Gott bereits weiß, was wir brauchen, noch bevor wir wissen, wie sich eine Situation lösen wird.

Von uns wird nicht verlangt, heute bereits den gesamten Weg zu sehen. Wir brauchen nur genĂŒgend Vertrauen, um den nĂ€chsten Schritt zu gehen, der vor uns liegt, und den Teil des Weges, den wir noch nicht sehen können, in Seine HĂ€nde zu legen.

Manchmal wĂŒnschen wir uns, Gott wĂŒrde uns von Anfang an zeigen, wie alles enden wird, weil wir glauben, dann hĂ€tten wir Frieden.

Doch Glaube bedeutet nicht, immer die Karte des gesamten Weges zu bekommen. Glaube bedeutet, weitergehen zu können, selbst wenn wir nur den nĂ€chsten Schritt sehen – weil wir Den kennen, der den Weg bis zum Ende sieht.

Tati:

Hier stellt Jesus eine der bemerkenswertesten Fragen dieses Abschnitts der Bergpredigt:

„Wer ist aber unter euch, der seiner LĂ€nge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“ – MatthĂ€us 6,27.

Mit anderen Worten: Nach all den Stunden, in denen wir uns den Kopf zerbrochen haben, nach all den Szenarien, die wir uns ausgemalt haben, und nach all den NĂ€chten, in denen wir nicht schlafen konnten – wie viel von unserer Zukunft haben wir durch unsere Sorgen tatsĂ€chlich kontrollieren können?

Hier erkennen wir den Unterschied zwischen Verantwortung und Sorge.

Verantwortung fragt: „Was kann ich heute tun?“ – und tut es.

Die Sorge fragt: „Aber was ist, wenn morgen 
?“ – und fĂŒgt anschließend noch zehn weitere Fragen hinzu, auf die heute niemand eine Antwort geben kann.

Verantwortung arbeitet mit dem, was Gott uns in die HĂ€nde gelegt hat. Sorge dagegen versucht, das zu kontrollieren, was uns niemals zur Kontrolle gegeben wurde.

Deshalb fordert Jesus uns nicht dazu auf, die RealitĂ€t zu ignorieren. Er fordert uns auf, die RealitĂ€t in eine grĂ¶ĂŸere Perspektive zu stellen.

Eine Rechnung bleibt eine Rechnung. Eine Diagnose bleibt eine Diagnose. Ein Problem in der Familie verschwindet nicht einfach deshalb, weil wir MatthĂ€us 6 gelesen haben. Und die Unsicherheit ĂŒber den morgigen Tag kann sehr real sein.

Glaube bedeutet nicht, all das zu leugnen. Glaube bedeutet, diesen Dingen nicht mehr Raum in unserem Herzen zu geben als Gott.

Und mitten in diesem Abschnitt sagt Jesus:

„Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedĂŒrft.“ – MatthĂ€us 6,32.

Ich glaube, darin liegt eine der beruhigendsten Aussagen des gesamten Abschnitts.

Bevor wir die Lösung gefunden haben – Er weiß es.

Bevor wir sehen, woher die Hilfe kommen wird – Er weiß es.

Bevor der morgige Tag uns erreicht, liegt er bereits vor einem Gott, der von nichts ĂŒberrascht wird, was dieser Tag bringen kann.

Und unmittelbar danach kommt das Zentrum des gesamten Abschnitts:

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ – MatthĂ€us 6,33.

Jesus verĂ€ndert die Frage. Nicht mehr: „Wie kann ich alles kontrollieren, was auf mich zukommt?“, sondern: „Was soll heute an erster Stelle in meinem Leben stehen?“

Denn wenn Gottes Reich den ersten Platz einnimmt, verschwinden unsere Probleme nicht auf wundersame Weise. Aber sie sitzen nicht lÀnger auf dem Thron unseres Herzens.

Diese Reihenfolge ist entscheidend.

Oft sagen wir, dass Gott in unserem Leben an erster Stelle steht. Doch am Morgen wacht unser Verstand auf und lĂ€uft uns voraus – direkt zu unseren Problemen.

Wir beginnen den Tag mit dem, was uns fehlt, mit dem, was erledigt werden muss, mit dem Menschen, der uns verletzt oder verÀrgert hat, mit der Nachricht, auf die wir warten, oder mit der Angst, dass die Dinge nicht so ausgehen werden, wie wir hoffen.

Erst nachdem wir all das eine Weile getragen haben, erinnern wir uns daran zu beten – als wĂ€re Gott die letzte Lösung fĂŒr die Dinge, die wir selbst nicht lösen konnten.

„Trachtet zuerst“ bedeutet, diese Reihenfolge zu verĂ€ndern.

Bevor die Angst das Recht bekommt, mir zu sagen, wie mein Tag aussehen wird, möchte ich hören, was Gott sagt.

Bevor das Problem zum Mittelpunkt all meiner Gedanken wird, möchte ich mich daran erinnern, wer mein Vater ist.

Und bevor ich versuche, allein etwas zu tragen, das ich nicht kontrollieren kann, möchte ich es in Seine HĂ€nde legen – denn vollstĂ€ndig unter meiner Kontrolle war es ohnehin nie.

Das bedeutet nicht, dass ich nach dem Gebet nichts mehr tue.

Ich bete – und dann fĂŒhre ich den Anruf, den ich fĂŒhren muss. Ich gehe zum Arzt, wenn es nötig ist. Ich suche Arbeit, wenn ich eine brauche. Ich plane mein Budget, wenn meine finanzielle Situation das verlangt. Ich bitte um Vergebung, wenn ich einen Fehler gemacht habe, und ich suche dort nach einer Lösung, wo auch mein eigenes Handeln gefragt ist.

Glaube ersetzt Verantwortung nicht. Er befreit uns vielmehr von der Illusion, dass wir auch das kontrollieren könnten, was nicht in unserer Hand liegt, wenn wir uns nur genĂŒgend Sorgen machen.

Mami:

Und wenn uns gerade jemand zuhört, der durch eine Zeit geht, in der der morgige Tag eher wie eine Bedrohung als wie ein Versprechen erscheint, dann verlangen die Worte Jesu nicht von dir, so zu tun, als hÀttest du keine Angst.

Du darfst Gott genau sagen, was dich beunruhigt. Du darfst mit Ihm ĂŒber die Dinge sprechen, die du nicht verstehst, und ĂŒber die Fragen, auf die du noch keine Antwort bekommen hast.

Aber nachdem du sie vor Ihn gebracht hast, musst du sie nicht alle wieder an dich nehmen und weiter allein tragen.

Der heutige Tag hat bereits seine eigenen KĂ€mpfe, Verantwortungen und Schmerzen. Aber er hat auch Gottes Gnade fĂŒr genau diese Dinge.

Wenn der morgige Tag kommt, wirst du dort nicht allein ankommen. Denn der Gott, der dich bis heute getragen hat, wird nicht zurĂŒckbleiben.

Er wird auch dort sein – mit derselben Treue, derselben FĂŒrsorge und mit der Gnade, die du fĂŒr das brauchen wirst, was du heute noch nicht kennst.

Darum kommt Frieden nicht immer dann, wenn wir alle Antworten erhalten. Frieden entsteht auch dann, wenn wir verstehen, dass unser Leben in den HĂ€nden Dessen liegt, der die Antworten bereits kennt.

Wir mĂŒssen heute nicht zusĂ€tzlich das Gewicht eines Tages tragen, der uns noch gar nicht gegeben wurde. Wir sollen den Tag leben, den wir haben, das Gute tun, das wir tun können, und Gott den Teil anvertrauen, den unsere Augen noch nicht sehen können.

Tati:

Deshalb beendet Jesus diesen Abschnitt mit den Worten:

„Darum sorgt nicht fĂŒr morgen, denn der morgige Tag wird fĂŒr das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ – MatthĂ€us 6,34.

Das ist keine Einladung zur GleichgĂŒltigkeit, sondern eine Einladung zur Freiheit.

Wir sollen nicht auf unsere Zukunft verzichten. Wir sollen darauf verzichten, sie schon zu leben, bevor sie ĂŒberhaupt gekommen ist.

Wenn du heute ein Problem lösen kannst, dann tu das, was in deiner Hand liegt. Wenn du eine Entscheidung treffen musst, suche Weisheit und triff sie. Wenn du arbeiten musst, dann arbeite. Wenn du warten musst, dann warte.

Und dort, wo etwas nicht mehr in deiner Hand liegt, versuche nicht, fehlende Kontrolle durch Sorgen zu ersetzen. Denn GrĂŒbeln kann die TĂŒr zum morgigen Tag nicht öffnen und auch nicht garantieren, was du dahinter finden wirst.

Der Glaube lehrt uns etwas viel Einfacheres und zugleich viel Schwierigeres: Gott den morgigen Tag anzuvertrauen, bevor wir selbst versuchen, ihn zu tragen.

Wenn wir lernen, so zu leben, verĂ€ndert sich die Frage. Es geht dann nicht mehr nur darum, wie wir ohne Angst durch die StĂŒrme des Lebens kommen, sondern worauf wir uns stĂŒtzen, wenn diese StĂŒrme tatsĂ€chlich eintreffen.

Denn Jesus beendet die Bergpredigt nicht mit dem Versprechen, dass der Mensch, der Ihm folgt, niemals Regen, Wasserfluten oder Wind erleben wird.

Er beendet sie mit zwei HĂ€usern, zwei Fundamenten und mit der Frage, was noch steht, nachdem der Sturm vorĂŒbergezogen ist.

4. Das Haus, das stehen bleibt – MatthĂ€us 7,24–27

Tati:

Nach all den Worten, die Jesus auf dem Berg gesprochen hat – nach den Seligpreisungen, nach dem Ruf, ĂŒber das Äußere hinaus bis ins Herz zu schauen, nach Seiner Lehre ĂŒber Gebet, Vergebung, Sorgen und Vertrauen auf den Vater – erreicht Er das Ende Seiner Predigt mit einem Bild, das keiner Seiner Zuhörer lange studieren musste, um es zu verstehen.

Er spricht ĂŒber zwei Menschen, die jeweils ein Haus bauen, und ĂŒber den Tag, an dem der Sturm ĂŒber beide HĂ€user kommt.

„Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegrĂŒndet.“ – MatthĂ€us 7,24–25.

Was ich daran bemerkenswert finde: Jesus sagt nicht, dass der Regen nur auf das Haus des unvernĂŒnftigen Menschen fiel.

Die Wasser kamen zu beiden. Die Winde trafen beide HĂ€user.

Der Unterschied zwischen den beiden Menschen bestand nicht darin, dass der eine keinen Sturm erleben musste. Der Unterschied bestand darin, worauf sie ihr Fundament gebaut hatten.

Manchmal können wir beginnen, den Glauben wie eine Garantie dafĂŒr zu betrachten, dass uns bestimmte Dinge nicht geschehen werden.

Wenn ich Gott folge, wird es meiner Familie immer gut gehen. Meine Gesundheit wird erhalten bleiben. Ich werde immer genug haben. Meine Gebete werden genau die Antwort erhalten, auf die ich warte. Und die großen StĂŒrme werden an Menschen mit Glauben vorbeiziehen.

Doch genau das verspricht Jesus in diesem Gleichnis nicht.

Er sagt nicht, dass der Mensch auf dem Felsen einen wolkenlosen Himmel bekommt. Er sagt, dass sein Haus etwas hat, worauf es stehen kann, wenn sich der Himmel verdunkelt und der Sturm kommt.

Mami:

Diese Worte klingen ganz anders, wenn der Sturm nicht mehr nur ein Bild aus einer Predigt ist, sondern Teil unseres eigenen Lebens wird.

Wenn du eine Nachricht erhĂ€ltst, die du niemals hören wolltest. Wenn du etwas verlierst, von dem du geglaubt hast, dass es immer bei dir bleiben wĂŒrde. Wenn ein Gebet scheinbar unbeantwortet bleibt. Oder wenn sich an einem einzigen Tag Dinge verĂ€ndern, die du fĂŒr sicher gehalten hast.

Dann beginnst du zu verstehen, wie wichtig das ist, was du gebaut hast, bevor der Sturm gekommen ist.

In solchen Augenblicken brauchen wir nicht immer eine ErklĂ€rung fĂŒr alles, was uns geschieht.

Wir brauchen etwas, das stark genug ist, uns zu halten, wenn wir selbst nicht mehr die Kraft haben, uns festzuhalten.

Glaube bedeutet nicht, dass wir niemals zittern, niemals weinen oder niemals Fragen haben werden. Glaube bedeutet, dass hinter all dem ein Ort bleibt, an dem unsere Seele Halt findet und sagen kann:

„Ich verstehe nicht alles, was gerade geschieht, aber ich weiß noch immer, wem ich vertraut habe.“

Und manchmal bringt gerade der Sturm Dinge ans Licht, die ruhige Tage verbergen können.

Wenn alles gut lĂ€uft, wirken viele Fundamente stark genug. Doch wenn das, was uns Sicherheit gegeben hat, zu wanken beginnt, entdecken wir, ob unser Frieden auf gĂŒnstigen UmstĂ€nden aufgebaut war oder ob wir tatsĂ€chlich gelernt haben, uns ĂŒber diese UmstĂ€nde hinaus auf Gott zu stĂŒtzen.

Tati:

Und hier gelangen wir zu einem entscheidenden Detail in den Worten Jesu.

Er sagt nicht, dass der kluge Mensch einfach derjenige ist, der Seine Worte gehört hat.

Beide können hören.

Der Unterschied zeigt sich nach dem Hören.

„Wer diese meine Rede hört und tut sie 
“

Damit schließt sich in gewisser Weise der Kreis der gesamten Bergpredigt.

Jesus hat nicht fast drei Kapitel lang gesprochen, damit die Menschen anschließend beeindruckt von der Schönheit Seiner Worte nach Hause gehen. Seine Worte sollten zum Fundament ihres Lebens werden.

Wir können die Seligpreisungen kennen und trotzdem unseren Wert nach den MaßstĂ€ben der Welt beurteilen.

Wir können wissen, dass Jesus uns zur Vergebung ruft, und trotzdem jahrelang Bitterkeit in uns nÀhren.

Wir können die Worte „Sorgt nicht fĂŒr morgen“ auswendig kennen und trotzdem jede Nacht damit verbringen, in Gedanken etwas kontrollieren zu wollen, das wir in Wirklichkeit gar nicht kontrollieren können.

Das Wort zu hören ist wichtig. Doch das Fundament beginnt dort zu entstehen, wo das Gehörte unsere Art zu leben verÀndert.

Deshalb wird das Haus auf dem Felsen nicht erst am Tag des Sturms gebaut.

Es wird vorher gebaut.

Jede Wahrheit Gottes, nach der ich mich entscheide zu leben, jeder Augenblick, in dem ich Vergebung statt Bitterkeit wĂ€hle, jeder Tag, an dem ich Ihm das anvertraue, was ich nicht kontrollieren kann, und jede Entscheidung, bei Gott zu bleiben, selbst wenn es einfacher wĂ€re, meinen eigenen WĂŒnschen zu folgen – all das wird nach und nach Teil dieses Fundaments.

Dieser Bau ist nicht jeden Tag spektakulÀr.

Niemand applaudiert, wenn du dich an einem gewöhnlichen Morgen entscheidest zu beten, wenn du dein Wort hÀltst, obwohl es dich etwas kostet, wenn du einem Menschen vergibst, der dich verletzt hat, oder wenn du dich gegen einen Kompromiss entscheidest, den andere nicht einmal bemerkt hÀtten.

Doch gerade solche Entscheidungen, immer wieder getroffen an Tagen, an denen nichts Außergewöhnliches geschieht, bereiten die Seele auf die Tage vor, an denen der Wind mit voller Kraft wehen wird.

Auch der unvernĂŒnftige Mensch im Gleichnis Jesu baut ein Haus.

Von außen könnten beide HĂ€user sehr Ă€hnlich ausgesehen haben. An einem sonnigen Tag musste der Unterschied zwischen ihnen ĂŒberhaupt nicht sichtbar sein.

Das Fundament ist der Teil eines Hauses, den die Menschen am wenigsten sehen. Doch wenn die PrĂŒfung kommt, hĂ€ngt gerade davon alles ab.

So ist es auch in unserem Leben.

Die Menschen sehen das, was wir oberhalb des Bodens gebaut haben: unsere Erfolge, unsere Familie, unser Ă€ußeres Bild, unseren Besitz und das, was wir erreicht haben.

Gott sieht aber auch das, was darunter liegt.

Er weiß, worin wir unsere Sicherheit suchen, woher wir unseren Wert nehmen, zu wem wir laufen, wenn wir Angst haben, und was von unserem Glauben ĂŒbrig bleibt, wenn die Antworten nicht so kommen, wie wir sie uns gewĂŒnscht haben.

Darum lautet die entscheidende Frage nicht, ob wir ein schönes Haus haben.

Die Frage ist, ob wir ein Fundament haben, das dieses Haus tragen kann.

Mami:

FĂŒr einen Menschen, der gerade jetzt durch einen Sturm geht, sollen diese Worte nicht zu einem weiteren Grund fĂŒr Angst werden und auch nicht zu einer bedrĂŒckenden Frage danach, ob sein Glaube stark genug ist.

Dass es dir weh tut, bedeutet nicht, dass dein Fundament schwach ist.

Und deine TrĂ€nen sind kein Beweis dafĂŒr, dass du aufgehört hast, Gott zu vertrauen.

Ein Haus kann vom Wind heftig getroffen werden und trotzdem auf seinem Fundament stehen bleiben.

An manchen Tagen sieht Glaube aus wie ein Gebet voller Zuversicht. An anderen Tagen sieht er aus wie ein Mensch, der kaum noch Worte findet, aber trotzdem bei Gott bleibt.

Du musst nicht immer stark sein, damit Er dein Fels sein kann.

Denn das Fundament hÀngt nicht davon ab, wie fest du es schaffst, dich an Gott zu halten, sondern von der Treue, mit der Er dich hÀlt.

Selbst wenn dein Glaube geprĂŒft wird, wenn Fragen unbeantwortet bleiben und deine Seele mĂŒde wird, bleibt Gott derselbe.

Was dich trÀgt, ist nicht deine eigene StÀrke, sondern Seine.

Und wenn der Sturm in unserem Leben einen Bereich sichtbar gemacht hat, der nicht so stark war, wie wir geglaubt hatten, dann muss auch das nicht das Ende sein.

Gerade durch solche Zeiten kann Gott uns zeigen, wo wir tiefer bauen mĂŒssen, welche Sicherheiten wir loslassen mĂŒssen, weil sie uns niemals wirklich tragen konnten, und wo wir lernen dĂŒrfen, Ihm noch mehr zu vertrauen.

Tati:

Wenn wir jetzt auf den ganzen Weg zurĂŒckblicken, den wir gemeinsam durch die Bergpredigt gegangen sind, erkennen wir, dass die vier Dinge, ĂŒber die wir gesprochen haben, eigentlich keine vier voneinander getrennten Lektionen sind.

Sie gehören zusammen und beschreiben, wie Gott das Leben eines Menschen bauen möchte.

Am Anfang hat Jesus unsere Definition von GlĂŒck verĂ€ndert und uns gezeigt, dass unser Wert nicht von der Rangordnung dieser Welt bestimmt wird.

Dann hat Er uns ĂŒber das Ă€ußere Verhalten hinaus bis zum Herzen gefĂŒhrt, denn Gott möchte nicht nur richtige Handlungen, sondern ein Leben, das von innen heraus verĂ€ndert wird.

Danach hat Er uns gelehrt, heute nicht die Last eines Tages zu tragen, der noch gar nicht gekommen ist, und Gott vor unsere Sorgen zu stellen.

Und jetzt, am Ende, fĂŒhrt all das zum Fundament.

Denn ein Mensch, der seinen Wert in Gott findet, Ihm erlaubt, sein Herz zu verÀndern, und lernt, Ihm den morgigen Tag anzuvertrauen, sammelt nicht einfach einige schöne Lebensprinzipien.

Er baut.

Er baut ein Leben auf dem Felsen.

Und wenn Jesus die Bergpredigt beendet, lautet die Frage nicht mehr nur, ob uns Seine Worte gefallen haben, ob sie uns beeindruckt haben oder ob wir dem zustimmen, was wir gehört haben.

Die Frage wird viel persönlicher:

Was werden wir mit diesen Worten tun, wenn wir vom Berg hinabgehen?

Denn jeder von uns baut Tag fĂŒr Tag etwas – durch die Entscheidungen, die wir treffen, durch die Dinge, denen wir vertrauen, und durch die Wahrheiten, nach denen wir uns entscheiden zu leben.

Der Sturm wird uns nicht fragen, ob wir bereit sind, bevor er kommt.

Aber wir können heute entscheiden, wie tief wir bauen wollen.

Und die Botschaft voller Gnade, mit der wir diese Reise beenden können, lautet: Gott verlangt nicht von uns, allein zu bauen. Und Er verlangt auch nicht, dass unser Haus von Anfang an vollkommen ist.

Er ruft uns zu Christus, damit wir Seine Worte hören und zulassen, dass sie nach und nach zu einem Teil unseres Lebens werden.

Uns wurde kein Leben ohne Regen, ohne Wasserfluten und ohne Wind versprochen.

Aber uns wurde gezeigt, wo wir bauen sollen, damit wir ein Fundament haben, das bleibt, wenn all das kommt.

Und am Ende der Bergpredigt bleibt eine Frage, die jeder von uns mitnehmen kann:

Wenn morgen ein Sturm ĂŒber mein Leben kĂ€me – worauf baue ich heute mein Haus?

Bis zum nĂ€chsten Mal wĂŒnschen wir dir nur eines:

Möge Gottes Gnade auch dich motivieren – wo immer du bist, was immer du gerade erlebst und wie schwer oder schön dein Weg auch sein mag.

Bleib behĂŒtet, lieber Mensch.

Mit Liebe,
Petru und Adriana
Gnade & Motivation

Episode 30 ✹ Offenbarung 19–22 Ja, ich komme bald – Das letzte Versprechen Jesu!

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

Ja, ich komme bald – Das letzte Versprechen Jesu

Offenbarung 19–22

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Podcasts „Gnade & Motivation“.

Heute erreichen wir gemeinsam die letzten Kapitel des Buches der Offenbarung und damit auch den Abschluss dieser schönen Reise, die wir in den vergangenen Wochen miteinander gegangen sind. Gemeinsam haben wir auf den Herrn Jesus Christus geschaut, offenbart in seiner Herrlichkeit. Wir haben die Botschaften an die sieben Gemeinden gehört, ĂŒber die Zeiten gesprochen, in denen Gott zu schweigen scheint, und ĂŒber den Sieg, den der GlĂ€ubige durch das Blut des Lammes hat. Jede Folge hat uns eine weitere Seite des Wesens Gottes gezeigt und einen weiteren Grund gegeben, Ihm zu vertrauen.

Wenn wir das Wort „Offenbarung“ hören, denken viele Menschen fast automatisch an Gericht, an die Ereignisse der Endzeit oder an die vielen Symbole, die im Laufe der Geschichte so viele Fragen und unterschiedliche Auslegungen hervorgerufen haben. Doch je nĂ€her wir dem Ende dieses Buches kommen, desto mehr erkennen wir, dass Gott uns nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung zurĂŒcklassen möchte. Die letzten Kapitel der Offenbarung werden nicht von Finsternis beherrscht, sondern von Licht; nicht von Verzweiflung, sondern von Freude; nicht von der Macht des Bösen, sondern vom vollkommenen Sieg Christi.

Deshalb werden wir uns in der heutigen Folge nicht mit allen prophetischen Einzelheiten beschĂ€ftigen und auch nicht versuchen, jede Frage zu beantworten, die diese Kapitel aufwerfen könnten. Stattdessen wollen wir den roten Faden betrachten, der sich durch die gesamte Heilige Schrift zieht – von der Genesis bis zur Offenbarung: Gottes Treue zu seinen Verheißungen. Alles, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben, findet hier seine ErfĂŒllung. Das Böse findet sein Ende, der Tod wird fĂŒr immer besiegt, und Gott selbst kommt, um bei seinem Volk zu wohnen.

Und vielleicht beschreibt nichts den Beginn dieses herrlichen Abschlusses schöner als das Bild, das uns Kapitel 19 vor Augen stellt. Noch bevor die Bibel vom Gericht, vom neuen Himmel und der neuen Erde oder vom neuen Jerusalem spricht, lĂ€sst sie uns etwas hören, das den ganzen Himmel erfĂŒllt: ein Lied der Freude. Aus Tausenden und Abertausenden Stimmen erklingt ein einziges Wort: „Halleluja!“ Noch vor allem anderen jubelt der Himmel, und diese Freude lĂ€dt auch uns ein, auf das zu schauen, was Gott von Anfang an fĂŒr diejenigen vorbereitet hat, die zu Ihm gehören.

2.

Bevor wir die ersten Verse aus Kapitel 19 lesen, ist es hilfreich, zunĂ€chst einen Blick auf das Gesamtbild zu werfen. Bis hierher hat uns die Offenbarung durch viele eindrucksvolle Szenen gefĂŒhrt. Wir haben die Gemeinde mitten in ihren PrĂŒfungen gesehen, auf den Thron Gottes geblickt, seine Gerichte miterlebt und erkannt, dass Gott – trotz allem, was auf der Erde geschieht – niemals die Kontrolle ĂŒber die Geschichte verloren hat.

Jetzt jedoch erreichen wir einen entscheidenden Wendepunkt. Es ist, als wĂŒrde Gott unseren Blick fĂŒr einen Moment von den KĂ€mpfen dieser Welt wegheben und uns einladen, zum Himmel aufzuschauen. Und was wir dort sehen, ĂŒberrascht uns. Dort herrscht kein Schweigen. Dort gibt es keine Angst. Dort gibt es keine Unruhe. Der ganze Himmel ist von Freude erfĂŒllt und erklingt von den Stimmen einer unzĂ€hlbaren Schar, die Gott lobt.

Ich glaube, dies ist einer der schönsten Perspektivwechsel im ganzen Buch der Offenbarung. Nach so vielen Kapiteln, in denen wir den Kampf zwischen Gut und Böse gesehen haben, zeigt Gott uns zuerst das Ergebnis dieses Kampfes. Noch bevor Er vom endgĂŒltigen Gericht, vom neuen Himmel und der neuen Erde oder vom neuen Jerusalem spricht, lĂ€sst Er uns die Freude des Himmels hören.

Vielleicht ist dies die erste große Wahrheit, die Gott in unsere Herzen legen möchte: Die Geschichte bewegt sich nicht auf das Chaos zu, sondern auf den Sieg Gottes. Deshalb hören wir in diesem Abschnitt des Buches nicht zuerst einen Schrei der Angst, sondern einen Ruf des Lobes.

Lasst uns nun gemeinsam Gottes Wort aus Offenbarung 19,1–9 hören.

„Danach hörte ich etwas wie die gewaltige Stimme einer großen Schar im Himmel, die sprach: »Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht gehören dem Herrn, unserem Gott! Denn wahrhaftig und gerecht sind seine Gerichte. Er hat die große Hure gerichtet, die die Erde mit ihrer Unzucht verdorben hat, und hat das Blut seiner Knechte an ihr gerĂ€cht.« Und sie sprachen zum zweiten Mal: »Halleluja! Ihr Rauch steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit!« Da fielen die vierundzwanzig Ältesten und die vier lebendigen Wesen nieder und beteten Gott an, der auf dem Thron sitzt, und sprachen: »Amen! Halleluja!« Und vom Thron ging eine Stimme aus, die sprach: »Lobt unseren Gott, alle seine Knechte, die ihr ihn fĂŒrchtet, die Kleinen und die Großen!« Und ich hörte etwas wie die Stimme einer großen Schar und wie das Rauschen vieler Wasser und wie das Rollen gewaltiger Donner, die sprachen: »Halleluja! Denn der Herr, unser Gott, der AllmĂ€chtige, hat die Herrschaft angetreten. Lasst uns fröhlich sein und jubeln und ihm die Ehre geben! Denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereit gemacht. Und es wurde ihr gegeben, sich in feine, glĂ€nzende und reine Leinwand zu kleiden.« (Die feine Leinwand sind die gerechten Taten der Heiligen.) Und er sprach zu mir: »Schreibe: GlĂŒckselig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind!« Und er sprach zu mir: »Dies sind die wahrhaftigen Worte Gottes.«

3.

Ich glaube, das Erste, was uns beim Lesen dieses Abschnitts beeindruckt, ist die Tatsache, dass der Himmel von Lobpreis erfĂŒllt ist. Viermal begegnet uns dasselbe Wort: „Halleluja!“ Es ist der einzige Abschnitt im Neuen Testament, in dem dieses Wort so hĂ€ufig und mit einer solchen Feierlichkeit erscheint.

Doch was bedeutet „Halleluja“ eigentlich? Es ist ein hebrĂ€ischer Ausdruck und bedeutet: „Lobt den Herrn!“ Es ist nicht einfach nur ein Ausruf der Freude, sondern eine Einladung an alle Bewohner des Himmels, Gott fĂŒr das zu preisen, was Er getan hat.

Ich denke, genau hier lohnt es sich, einen Moment stehen zu bleiben. HĂ€tten wir die letzten Kapitel der Bibel geschrieben, hĂ€tten wir wahrscheinlich zuerst die Schönheit des Himmels beschrieben – die goldenen Straßen, die Perlentore oder die neue Erde. Gott beginnt jedoch ganz anders. Bevor Er uns den Ort zeigt, an dem wir einmal wohnen werden, zeigt Er uns die AtmosphĂ€re dieses Ortes. Und die AtmosphĂ€re des Himmels ist Anbetung.

Nicht die Schönheit des Himmels macht die Erlösten glĂŒcklich, sondern die Gegenwart Gottes. Deshalb hören wir als Erstes keine Beschreibung eines Ortes, sondern die Stimme einer unzĂ€hlbaren Schar, die ihren Schöpfer und Erlöser preist.

Beachtet auch die GrĂŒnde, weshalb der Himmel singt. Die Menge ruft nicht nur: „Halleluja!“, sondern erklĂ€rt auch warum: „Das Heil und die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht gehören dem Herrn, unserem Gott.“ Mit anderen Worten: Alle Ehre gehört allein Ihm. Niemand im Himmel schreibt sich selbst irgendeinen Anteil an der Erlösung zu. Niemand spricht ĂŒber seine eigenen Werke oder seine eigene WĂŒrdigkeit. Alle Blicke sind auf Gott gerichtet, denn Er ist der Urheber und Vollender des Erlösungsplans.

Genau dieses Bild möchte Gott uns vor allen anderen zeigen. Der Himmel ist voller Erlöster, aber das Zentrum des Himmels sind nicht die Erlösten, sondern der Erlöser. Alle Anbetung, alle Freude und alle Herrlichkeit richten sich auf Gott.

Ich glaube, das ist auch fĂŒr uns eine wichtige Wahrheit. Manchmal beschĂ€ftigen wir uns so sehr mit den Segnungen, die wir von Gott erwarten, dass wir darĂŒber Gott selbst aus den Augen verlieren. Wir denken an den Himmel als den Ort, an dem es keine TrĂ€nen, keinen Schmerz und keinen Tod mehr geben wird – und das stimmt. Doch die grĂ¶ĂŸte Freude des Himmels ist nicht die Abwesenheit von Leid, sondern die Gegenwart des Herrn. Deshalb lehrt uns Gott noch bevor Johannes von der neuen Schöpfung spricht, dass wahres GlĂŒck in Ihm beginnt und in Ihm seine Vollendung findet.

4.

Nachdem der Himmel von Lobpreis erfĂŒllt ist, zeigt Johannes uns auch den eigentlichen Grund dieser Freude. Dieses Lied ist nicht nur eine Reaktion auf Gottes Gerechtigkeit oder eine VerkĂŒndigung seiner Herrschaft. Es kĂŒndigt den Augenblick an, auf den die ganze Heilsgeschichte gewartet hat:

„Denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen.“

Lasst uns Gottes Wort noch einmal hören.

„Lasst uns fröhlich sein und jubeln und ihm die Ehre geben! Denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereit gemacht. Und es wurde ihr gegeben, sich in feine, glĂ€nzende und reine Leinwand zu kleiden 
“

„Dann sprach er zu mir: »Schreibe: GlĂŒckselig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind!«“
(Offenbarung 19,7–9)

Ich glaube, Gott hat das Bild einer Hochzeit nicht zufĂ€llig gewĂ€hlt. HĂ€tte Er uns lediglich sagen wollen, dass ein ewiges Reich kommen wird, hĂ€tte Er viele andere Bilder verwenden können. Doch Er spricht von einer Hochzeit – und das offenbart uns etwas Tiefes ĂŒber das Herz Gottes.

Von den ersten Seiten der Heiligen Schrift bis zu ihren letzten verfolgt Gott nicht nur das Ziel, Menschen vor dem Verderben zu retten. Er möchte sein Volk in die vollkommene Gemeinschaft mit sich selbst fĂŒhren. Das Bild der Hochzeit spricht von Liebe, von einem Bund, von Freude und von einer Beziehung, die niemals mehr getrennt werden wird.

Der BrĂ€utigam dieser Hochzeit ist der Herr Jesus Christus – das Lamm Gottes, das sein Leben fĂŒr seine Braut hingegeben hat. Die Braut besteht aus allen Menschen, die ihr Vertrauen auf Ihn gesetzt haben und durch sein Blut erlöst wurden.

Beachtet, dass die Aufmerksamkeit nicht auf dem Festmahl oder auf den Vorbereitungen liegt. Alles richtet sich auf den BrĂ€utigam und auf die Begegnung mit seiner Braut. Hier erfĂŒllt sich das Ziel, auf das die gesamte Heilsgeschichte hingefĂŒhrt hat. Alles, was Gott im Laufe der ganzen Schrift verheißen hat, findet an diesem Punkt seine ErfĂŒllung.

Kaum ein anderer Vers bringt diese Hoffnung schöner zum Ausdruck als die Worte: „GlĂŒckselig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind.“ Es ist nicht nur eine Einladung zu einem Fest, sondern eine Einladung zur ewigen Gemeinschaft mit Christus. Das ist unsere wahre Hoffnung und unser wahres Erbe.

5.

Vielleicht fragt sich jemand: Wenn Gott bereits gesiegt hat, wenn der Himmel jubelt und die Hochzeit des Lammes vorbereitet ist – warum folgt dann noch Kapitel 20? Warum spricht Gott anschließend noch vom Gericht?

Die Antwort ist zugleich einfach und tiefgrĂŒndig. Gott kann keine neue Schöpfung hervorbringen, ohne alles endgĂŒltig zu beseitigen, was die erste Schöpfung zerstört hat. SĂŒnde, Böses, Tod und der Teufel haben keinen Platz in seinem Reich.

Deshalb zeigt Gott uns, bevor Er die Schönheit der Ewigkeit vor unseren Augen entfaltet, dass das Böse fĂŒr immer verschwinden wird.

Lasst uns nun Gottes Wort hören.

„Und der Tod und das Totenreich wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod. Und wenn jemand nicht im Buch des Lebens eingeschrieben gefunden wurde, so wurde er in den Feuersee geworfen.“
(Offenbarung 20,14–15)

Diese Verse sind ernst. Sie erinnern uns daran, dass Gott nicht nur ein Gott der Liebe, sondern auch ein Gott der Gerechtigkeit ist. Wenn sich der Himmel in Kapitel 19 darĂŒber freut, dass seine Gerichte wahrhaftig und gerecht sind, dann sehen wir hier die endgĂŒltige Vollendung dieser Gerechtigkeit.

Hier setzt Gott der gesamten Geschichte des Bösen fĂŒr immer ein Ende. Der Teufel empfĂ€ngt sein endgĂŒltiges Gericht, der Tod wird vernichtet, und jede Spur der SĂŒnde wird fĂŒr immer aus Gottes Schöpfung entfernt. Alles, was Leid, Angst und Trennung von Gott hervorgebracht hat, findet hier sein endgĂŒltiges Ende.

Erst nach diesem letzten Gericht beginnt die neue Schöpfung, von der wir im nĂ€chsten Kapitel lesen. Gott repariert keine von der SĂŒnde zerstörte Welt – Er schafft etwas völlig Neues, eine Schöpfung, in der das Böse niemals wieder einen Platz haben wird.

Und nun, nachdem das Böse fĂŒr immer beseitigt worden ist, öffnet Gott vor unseren Augen das schönste Bild der ganzen Heiligen Schrift. Bis jetzt haben wir auf das geschaut, was Gott entfernt. Jetzt dĂŒrfen wir sehen, was Er schenken wird.

Lasst uns noch einmal Gottes Wort hören.

„Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: »Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und Gott wird abwischen alle TrĂ€nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.«
(Offenbarung 21,3–4)

6.

Ich glaube, an dieser Stelle lohnt es sich, einen Augenblick innezuhalten.

Diese Worte sind nicht einfach nur ein wunderschönes Versprechen fĂŒr die Zukunft. In gewisser Weise stellen sie die ErfĂŒllung der gesamten Geschichte der Bibel dar.

Wenn wir aufmerksam von der ersten bis zur letzten Seite der Heiligen Schrift lesen, erkennen wir, dass Gott immer dasselbe Ziel verfolgt. Er möchte uns nicht nur unsere SĂŒnden vergeben. Er möchte uns nicht nur vor dem Gericht retten. Er möchte uns nicht nur das ewige Leben schenken. All das ist wahr – doch es fĂŒhrt zu etwas noch GrĂ¶ĂŸerem: Gott möchte bei den Menschen wohnen.

Im Garten Eden lebten Adam und Eva in vollkommener Gemeinschaft mit Gott. Durch die SĂŒnde wurde diese Gemeinschaft zerbrochen, und der Mensch musste den Garten verlassen. Von diesem Augenblick an erzĂ€hlt die gesamte Heilsgeschichte von Gottes Initiative, den Menschen wieder zu sich zurĂŒckzubringen.

SpĂ€ter, in der WĂŒste, sagte Gott zu Mose:

„Sie sollen mir ein Heiligtum errichten, damit ich in ihrer Mitte wohne.“
(2. Mose 25,8)

Zum ersten Mal nach dem SĂŒndenfall ließ Gott seine Gegenwart wieder mitten unter seinem Volk wohnen. Jahrhunderte spĂ€ter geschah etwas noch Erstaunlicheres.

Lasst uns erneut Gottes Wort hören.

„Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
(Johannes 1,14)

Der Herr Jesus Christus kommt in unsere Welt und lebt mitten unter den Menschen. Gott nĂ€hert sich dem sĂŒndigen Menschen auf eine Weise, die niemand jemals hĂ€tte erwarten können.

Doch auch das ist noch nicht das endgĂŒltige Ziel.

Erst in der Offenbarung sehen wir die vollkommene ErfĂŒllung von Gottes Plan.

„Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen; und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein.“

Beachtet, wie wunderschön sich dieser rote Faden durch die gesamte Bibel zieht. In der Genesis verliert der Mensch die Gemeinschaft mit Gott. Im 2. Buch Mose wohnt Gott mitten unter seinem Volk. Im Johannesevangelium kommt Gott in der Person seines Sohnes zu den Menschen. Und in der Offenbarung verschwindet jede Trennung fĂŒr immer.

Die Bibel beginnt in einem Garten und endet in einer heiligen Stadt. In der Genesis wird der Mensch aus der Gegenwart Gottes vertrieben. In der Offenbarung sagt Gott selbst: „Ich werde bei ihnen wohnen.“ Das ist der große Sieg des Erlösungsplans. Nicht nur der Mensch gelangt in den Himmel – Gott und Mensch werden fĂŒr alle Ewigkeit zusammen sein.

7.

Und doch hat Gott noch ein letztes Wort zu sagen.

Nachdem Er uns die Freude des Himmels gezeigt hat, nachdem Er uns das Ende des Bösen offenbart hat und nachdem Er unseren Blick auf die neue Schöpfung gelenkt hat, in der Er selbst bei seinem Volk wohnen wird, endet die Bibel nicht in Stille.

Das letzte Wort gehört dem Herrn Jesus Christus.

Lasst uns Gottes Wort hören.

„Der dies bezeugt, spricht: »Ja, ich komme bald.« Amen. Ja, komm, Herr Jesus!“
(Offenbarung 22,20)

Es ist beeindruckend, dass dies das letzte Versprechen ist, das der Herr Jesus in der gesamten Heiligen Schrift ausspricht. Er sagt nicht nur, dass all diese Dinge geschehen werden. Er sagt nicht nur, dass sein Reich kommen wird. Er sagt: „Ich komme.“

Beachtet noch einmal, worauf der Schwerpunkt liegt. Nicht auf Ereignissen. Nicht auf Zeiten. Nicht auf Zeichen. Sondern auf der Person des Herrn Jesus Christus.

Deshalb ist das Buch der Offenbarung in erster Linie kein Buch ĂŒber das Ende der Welt, sondern ĂŒber den Sieg und die Wiederkunft des Herrn Jesus Christus. Alles, was wir in diesen Kapiteln gelesen haben, fĂŒhrt zu dieser einen Begegnung.

Und die Antwort des Apostels Johannes ist ebenso schlicht wie tiefgrĂŒndig:

„Amen. Ja, komm, Herr Jesus!“

Das ist kein Ruf der Angst, sondern ein Ruf der Hoffnung. Es ist nicht die Stimme eines Menschen, der sich vor der Zukunft fĂŒrchtet, sondern die Stimme eines Kindes Gottes, das seinen Erlöser erwartet.

Ich glaube, genau das ist auch die Frage, die Gott jedem von uns am Ende der Offenbarung stellt. Wenn der Herr Jesus heute wiederkommen wĂŒrde – könnten auch wir von ganzem Herzen sagen: „Amen. Ja, komm, Herr Jesus!“ Oder gibt es noch Dinge, die uns von Ihm fernhalten?

Die Offenbarung wurde nicht geschrieben, um uns Angst zu machen, sondern um uns vorzubereiten. Sie wurde nicht geschrieben, um unsere Herzen mit Furcht zu erfĂŒllen, sondern mit Hoffnung. Sie erinnert uns daran, dass die Geschichte nicht auf die Finsternis, sondern auf die Begegnung mit unserem Herrn Jesus Christus zulĂ€uft.

8.

Nun sind wir am Ende unserer gemeinsamen Reise durch das Buch der Offenbarung angekommen.

Wenn wir zurĂŒckblicken, haben vielleicht einige von uns etwas entdeckt, womit sie nicht gerechnet hĂ€tten. Viele schlagen dieses Buch auf, weil sie Antworten auf Fragen ĂŒber die Endzeit, ĂŒber Zeichen, Gerichte oder die Ereignisse vor der Wiederkunft des Herrn suchen. All das finden wir tatsĂ€chlich in seinen Seiten. Doch je weiter wir gemeinsam durch dieses Buch gegangen sind, desto deutlicher haben wir erkannt, dass nicht die Angst im Mittelpunkt steht, sondern die Hoffnung. Nicht die Finsternis, sondern das Licht. Nicht das Ende der Welt, sondern der Sieg Gottes.

Schon der erste Vers der Offenbarung sagt uns, dass dieses Buch die „Offenbarung Jesu Christi“ ist. Und tatsĂ€chlich steht Er vom Anfang bis zum Ende im Mittelpunkt. Er wandelt mitten unter den Leuchtern und spricht zu seiner Gemeinde. Er ist das Lamm, das geschlachtet wurde und wĂŒrdig ist, das versiegelte Buch zu öffnen. Er regiert ĂŒber die Geschichte, selbst dann, wenn die Menschen meinen, die Welt sei außer Kontrolle geraten. Er ist der Sieger ĂŒber SĂŒnde, Tod und den Teufel. Er ist der BrĂ€utigam, der auf seine Braut wartet. Er ist der König der Könige und der Herr der Herren. Und Er ist es auch, der die letzten Worte der gesamten Heiligen Schrift spricht:

„Ja, ich komme bald.“

Vielleicht ist genau das die schönste Botschaft, die uns das Buch der Offenbarung hinterlĂ€sst. Gott hat uns die Zukunft nicht offenbart, um uns Angst zu machen, sondern damit wir lernen, Ihm zu vertrauen. Er hat uns die kommenden PrĂŒfungen nicht gezeigt, damit unsere Herzen von Furcht erfĂŒllt werden, sondern damit wir mitten in ihnen niemals vergessen, wer auf dem Thron sitzt.

Ganz gleich, wie unsicher die Welt erscheint, in der wir leben – Gottes Thron hat niemals auch nur einen Augenblick gewankt. Nichts hat Ihn ĂŒberrascht. Nichts kann die ErfĂŒllung seines Plans aufhalten. Die Geschichte bewegt sich nicht auf das Chaos zu, sondern auf den Tag, an dem Gott alles neu machen wird.

Wenn wir das gesamte Buch der Offenbarung in einem einzigen Satz zusammenfassen mĂŒssten, könnte er vielleicht so lauten:

Christus hat gesiegt, Christus regiert und Christus wird wiederkommen.

Darum bleibt uns am Ende dieser Reihe nur noch, gemeinsam mit dem Apostel Johannes und mit der Gemeinde aller Zeiten aus tiefstem Herzen zu sagen:

„Amen. Ja, komm, Herr Jesus!“

Und bis zu jenem Tag möge Gott uns wachend, treu und voller Hoffnung finden – mit unserem Blick nicht auf die Angst dieser Welt gerichtet, sondern auf unseren Herrn Jesus Christus, der uns geliebt hat, sich selbst fĂŒr uns hingegeben hat und uns ein Reich bereitet hat, das niemals ein Ende haben wird.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen! Amen.

Episode 29 ✹ Offenbarung 12 – Wie ĂŒberwindet ein Christ? 🙏

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

Wie ĂŒberwindet ein Christ?

Offenbarung 12

In der vergangenen Episode haben wir ĂŒber einen sehr kurzen Vers aus dem Buch der Offenbarung gesprochen, der jedoch eine tiefgrĂŒndige Botschaft enthĂ€lt: das Schweigen Gottes. Wir haben entdeckt, dass Gott nicht aufhört zu wirken, wenn Er schweigt, und dass unser Glaube gerade in solchen Zeiten oft zur Reife gelangt.

Heute gehen wir weiter und kommen zu einem der bekanntesten Kapitel aus dem Buch der Offenbarung. Es ist ein Kapitel, das im Laufe der Zeit viele Fragen und zahlreiche Diskussionen ausgelöst hat. Wer ist die Frau? Wer ist der Drache? Wer ist das Kind? Auf welchen Zeitraum beziehen sich diese Ereignisse? Das sind wichtige Fragen, denen viele Studien gewidmet wurden.

Wir werden jedoch all diese Aspekte beiseitelassen und uns auf einen einzigen Vers konzentrieren – einen Vers, der die Botschaft des Evangeliums auf außergewöhnliche Weise zusammenfasst und uns zeigt, woher der wahre Sieg des Christen kommt.

In Offenbarung 12,11 heißt es: „Und sie haben ihn ĂŒberwunden durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod.“

Dieser Vers beantwortet eine Frage, die sich jeder von uns stellen sollte: Wie kann ein Christ in einer Welt ĂŒberwinden, in der das Böse noch immer wirkt? Die Antwort, die Gott uns gibt, spricht nicht von unserer Kraft, unseren Verdiensten oder unseren FĂ€higkeiten, sondern lenkt unseren Blick auf Christus. Er ist die Quelle unseres Sieges. Und genau ĂŒber diesen Sieg werden wir in der heutigen Episode sprechen.

1.

Bevor wir uns nĂ€her mit diesem Vers beschĂ€ftigen, wollen wir fĂŒr einige Augenblicke den Zusammenhang betrachten, in dem er steht.

Offenbarung 12 zeigt uns eines der eindrucksvollsten Bilder des Kampfes zwischen Gut und Böse. In diesem Kapitel begegnen wir einer Frau, einem Kind und einem Drachen. Die gesamte Szene macht deutlich, dass Satan sich seit Beginn der Menschheitsgeschichte dem Plan Gottes widersetzt hat.

Doch wie wir bereits zu Beginn dieser Episode gesagt haben, möchten wir weder die IdentitÀt jeder einzelnen Gestalt noch alle Einzelheiten dieses Kapitels untersuchen. Unser Ziel ist es, die Botschaft zu entdecken, die Gott jedem Christen durch einen der kraftvollsten Verse dieses Buches vermittelt.

Ein Detail dĂŒrfen wir dennoch nicht ĂŒbersehen. In Vers 5 wird uns gesagt, dass die Frau einen Sohn, ein mĂ€nnliches Kind, gebar, der alle Völker mit eisernem Stab regieren sollte und der zu Gott und zu Seinem Thron entrĂŒckt wurde.

Dieser Vers erinnert uns an die erste Verheißung, die Gott nach dem SĂŒndenfall des Menschen gab. In 1. Mose 3,15 spricht Gott vom Nachkommen der Frau, der den Kopf der Schlange zertreten wĂŒrde. Von den ersten Seiten der Bibel bis zum Buch der Offenbarung sehen wir denselben Kampf: Satan versucht, den Plan Gottes aufzuhalten, doch Gott fĂŒhrt Seinen Plan zum Ziel. Christus kommt in die Welt, vollendet Sein Werk, siegt durch Sein Opfer und kehrt zum Vater zurĂŒck.

Danach hört Johannes einen Siegesruf im Himmel. In Vers 10 heißt es: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht Seines Christus gekommen.“ Unmittelbar nach diesem Ruf folgt einer der wichtigsten Verse des ganzen Kapitels: „Und sie haben ihn ĂŒberwunden durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod.“ – Vers 11

Hier entdecken wir eine der schönsten Wahrheiten des Evangeliums. Offenbarung 12 erzĂ€hlt nicht nur die Geschichte des Sieges Christi. Sie zeigt auch, wie Sein Sieg zu unserem Sieg wird. Der Herr Jesus hat den Sieg errungen, und Gott zeigt uns, dass alle, die Ihm gehören, in diesem Sieg leben können. Genau darĂŒber werden wir im Folgenden sprechen.

2.

Das Erste, was uns in diesem Vers auffÀllt, ist, dass Gott mit dem Blut des Lammes beginnt.

Es heißt nicht zuerst, dass sie durch ihren Mut ĂŒberwunden haben. Es heißt nicht, dass sie durch ihre guten Werke, ihre Treue oder ihre eigene Kraft ĂŒberwunden haben. All das ist im Leben eines Christen wichtig, doch Gott stellt es an die zweite Stelle. Vor allem anderen steht das Blut des Lammes.

Warum? Weil kein Mensch die SĂŒnde oder die Macht des Teufels aus eigener Kraft ĂŒberwinden kann. WĂ€re das möglich gewesen, hĂ€tte Christus nicht in die Welt kommen und am Kreuz sterben mĂŒssen. Doch der Sohn Gottes kam gerade deshalb, weil wir uns nicht selbst retten konnten.

Das Kreuz war weder ein Unfall noch ein Ersatzplan Gottes. Das Kreuz war der Ort, an dem sich die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes begegneten. Dort nahm der Herr Jesus unsere SĂŒnde auf Sich, bezahlte den Preis, den wir nicht bezahlen konnten, und errang den Sieg, den wir nicht erringen konnten.

Deshalb hören wir gleich danach im Himmel einen Siegesruf: „Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht Seines Christus gekommen.“ Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass dieser Ruf auf das Bild des Sieges Christi folgt. Am Kreuz, bevor Er Seinen Geist aufgab, sprach der Herr Jesus die Worte: „Es ist vollbracht!“ Das war nicht der Ruf einer Niederlage, sondern der Ruf des grĂ¶ĂŸten Sieges in der Geschichte der Menschheit. Durch Sein Opfer hat Christus die SĂŒnde, den Tod und den Teufel besiegt, und der Himmel freut sich ĂŒber diesen Sieg.

Doch unmittelbar danach hören wir auch eine Warnung: „Wehe euch, Erde und Meer ...“ Mit anderen Worten: Obwohl der Sieg Christi vollkommen ist, ist der Kampf auf der Erde noch nicht beendet. Der Teufel weiß, dass seine Zeit kurz ist, und kĂ€mpft weiterhin gegen diejenigen, die Christus gehören.

Genau hier stellt sich die Frage, die sich jeder von uns stellen muss: Wenn der Kampf noch andauert, wie kann ein Christ standhaft bleiben?

Gottes Antwort ist so einfach, dass wir sie manchmal ĂŒbersehen: „Sie haben ihn ĂŒberwunden durch das Blut des Lammes.“

Beachtet, dass Gott den Schwerpunkt nicht auf das legt, was sie getan haben, sondern auf das, was Christus fĂŒr sie getan hat. Der Sieg des GlĂ€ubigen entspringt nicht seiner eigenen Kraft, seiner Weisheit oder seinen Verdiensten, sondern dem Opfer des Herrn Jesus Christus. Das ganze Leben eines Christen ist auf dieser Wahrheit aufgebaut. Nimmt man das Blut des Lammes aus dem Evangelium heraus, bleibt kein Evangelium mehr ĂŒbrig. Nimmt man das Blut des Lammes aus dem Leben eines Christen heraus, bleibt kein Sieg mehr ĂŒbrig.

Der wahre Sieg des Christen beginnt immer mit Christus. Wir kĂ€mpfen nicht, um den Sieg erst zu erringen, sondern aus der Stellung von Menschen heraus, fĂŒr die Christus den Sieg bereits errungen hat. Alles, was wir haben, und alles, was wir sind, hat seine Quelle im Opfer des Herrn Jesus Christus.

Doch Gott bleibt nicht dabei stehen. Nachdem Er uns gezeigt hat, woher unser Sieg kommt, offenbart Er uns auch, wie dieser Sieg im Leben eines GlĂ€ubigen sichtbar wird. Deshalb fĂ€hrt der Vers fort: „... durch das Wort ihres Zeugnisses ...“

3.

Der Vers fĂ€hrt fort: „... durch das Wort ihres Zeugnisses.“

Auf den ersten Blick könnten wir meinen, es gehe nur um das, was ein Christ mit seinem Mund sagt. Doch ich glaube, dass dieser Ausdruck viel tiefer reicht.

Der Herr Jesus sagt im Evangelium, in MatthĂ€us 12,34: „Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“ Mit anderen Worten: Der Mensch spricht ĂŒber das, was sein Herz erfĂŒllt. Ist sein Herz mit den Dingen dieser Welt erfĂŒllt, werden diese auch in seinen Worten zum Ausdruck kommen. Wohnt jedoch Christus in seinem Herzen, dann wird auch sein Zeugnis von Christus sprechen.

Ich glaube, genau dieses Bild sehen wir in Offenbarung 12. Diese Menschen bekannten Christus nicht nur dann, wenn es leicht fĂŒr sie war. Sie sprachen weiterhin von Ihm, glaubten weiterhin an Ihn und lebten weiterhin fĂŒr Ihn – selbst dann, wenn ihr Glaube sie etwas kostete.

Ihr Zeugnis war nicht bloß eine ErklĂ€rung mit den Lippen. Es war der Ausdruck eines Herzens, das durch das Evangelium verĂ€ndert worden war. Wenn Christus das Leben eines Menschen verĂ€ndert, verĂ€ndert Er auch seine Sprache, seine Werte, seine Sicht auf die Welt und die Art, wie er jeden Tag lebt.

Deshalb ist unser Zeugnis nicht etwas, das wir nur in einer Gemeinde oder in einem GesprĂ€ch ĂŒber den Glauben ablegen. Unser Zeugnis ist die Art und Weise, wie unser ganzes Leben vom Herrn Jesus Christus spricht. Durch unsere Worte, unsere Entscheidungen, unsere Haltung und durch die Liebe, die wir Gott und den Menschen entgegenbringen, bezeugen wir, wem wir gehören.

Es ist wichtig, auf die Reihenfolge zu achten, die Gott in diesem Vers einhÀlt. Er sagt nicht, dass das Zeugnis den Sieg hervorbringt. Der Sieg beginnt durch das Blut des Lammes. Das Zeugnis ist die Antwort eines Herzens, das bereits von Christus erlöst worden ist. Ein Mensch spricht nicht von Christus, um gerettet zu werden, sondern er spricht von Christus, weil er gerettet worden ist.

Wo Christus wirklich im Herzen wohnt, wird Er frĂŒher oder spĂ€ter auch im Leben sichtbar werden.

4.

Der Vers endet mit einer Aussage, die durch ihre Tiefe beeindruckt: „... und sie haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod.“

Auf den ersten Blick erinnern uns diese Worte an die GlĂ€ubigen, die bereit waren, fĂŒr Christus zu sterben. Und das ist richtig. Im Laufe der Geschichte gab es viele Menschen, die dem Herrn treu blieben, selbst wenn es sie das Leben kostete.

Doch ich glaube, die Botschaft dieses Verses geht noch tiefer. Gott ruft uns weder dazu auf, das Leiden zu suchen, noch dazu, zu beweisen, wie mutig wir sind. Er ruft uns dazu auf, Christus mehr zu lieben als alles andere.

Wenn ein Mensch versteht, was der Herr Jesus am Kreuz fĂŒr ihn getan hat, wenn er begreift, wie groß die Liebe Gottes ist und welches Erbe Gott in Seinem Reich fĂŒr ihn vorbereitet hat, dann verĂ€ndert sich seine Sicht auf das Leben. Dieses Leben bleibt ein kostbares Geschenk Gottes, aber es ist nicht mehr unser höchstes Gut. Das höchste Gut des GlĂ€ubigen ist Christus.

Deshalb konnte der Apostel Paulus in Galater 2,20 sagen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“ Und in Philipper 1,21 sagt er: „Denn fĂŒr mich ist Christus das Leben und das Sterben ein Gewinn.“

Das ist der Sieg, von dem die Offenbarung spricht. Es ist nicht der Sieg eines Menschen, der sich auf seine eigene Kraft verlÀsst, sondern der Sieg eines Menschen, dessen Herz von Christus erobert wurde. Wenn Christus zum Schatz deines Lebens wird, beginnt die Angst ihre Macht zu verlieren, und der Glaube beginnt, jeden Schritt zu bestimmen.

Beachtet, wie schön der ganze Vers miteinander verbunden ist. Der Sieg beginnt durch das Blut des Lammes. Er wird im Bekenntnis des Glaubens sichtbar. Und er reicht so weit, dass nichts – nicht einmal die Drohung des Todes – den GlĂ€ubigen von seinem Herrn trennen kann.

Das ist nicht die Kraft des Menschen. Das ist die Kraft des Evangeliums, das ein Herz verĂ€ndert und es dazu befĂ€higt, fĂŒr Christus zu leben.

Anwendung

Vielleicht fragt sich jemand, der all das hört: „Wie kann ich diesen Sieg in meinem tĂ€glichen Leben erfahren? Ich bin nicht mit der Verfolgung konfrontiert, von der die Offenbarung spricht. Ich bin nicht dazu aufgerufen, mein Leben fĂŒr Christus hinzugeben. Aber ich kĂ€mpfe mit Versuchungen, Entmutigung, Angst, SĂŒnde und meinen eigenen SchwĂ€chen.“

Ich glaube, genau hier wird dieser Vers so aktuell.

Jedes Mal, wenn wir uns entscheiden, „Nein“ zur SĂŒnde und „Ja“ zu Christus zu sagen, leben wir in diesem Sieg.

Jedes Mal, wenn wir uns entscheiden, den Herrn Jesus zu bekennen, auch wenn wir Angst vor der Reaktion unserer Mitmenschen haben, leben wir in diesem Sieg.

Jedes Mal, wenn wir fallen, aber wieder aufstehen, um Vergebung bitten und erneut auf das Kreuz blicken, leben wir in diesem Sieg.

Und jedes Mal, wenn wir Christus mehr lieben als unsere Bequemlichkeit, mehr als unseren Stolz und mehr als den Wunsch, den Menschen zu gefallen, leben wir in diesem Sieg.

Das ist die gute Nachricht des Evangeliums. Gott sagt uns nicht, dass wir allein in den Kampf ziehen und dann hoffen sollen, dass wir gewinnen. Er sagt uns, dass wir nahe bei Christus bleiben sollen, denn unser Sieg entspringt Seinem Sieg.

Darum: Wann immer du diesen Vers liest, blicke nicht zuerst auf dich und deine eigene Kraft. Blicke auf das Lamm Gottes. Denn dort beginnt der Sieg. Dort beginnt die Hoffnung. Dort beginnt das neue Leben.

Schluss

Liebe Freunde, vielleicht wĂŒrde nach all diesen Gedanken noch einmal jemand fragen: „Wie kann ein Christ ĂŒberwinden?“

Gott hat uns die Antwort in einem einzigen Vers gegeben.

Durch das Blut des Lammes.

Durch das Wort des Zeugnisses.

Und durch ein Herz, das Christus mehr liebt als alles andere.

Beachtet: Alles beginnt mit Christus. Er ist der Ursprung unseres Glaubens, Er ist die Kraft unseres Glaubens und Er ist die Hoffnung unseres Glaubens. Wann immer du dich schwach, entmutigt oder von den KĂ€mpfen des Lebens ĂŒberwĂ€ltigt fĂŒhlst, blicke deshalb nicht zuerst auf dich selbst. Versuche nicht, in dir selbst die Kraft zum Überwinden zu finden. Blicke auf das Kreuz. Blicke auf das Lamm Gottes.

Der Sieg des Christen beginnt nicht in seiner eigenen Kraft, sondern am Kreuz. Und er endet nicht am Kreuz, sondern setzt sich an jedem Tag eines Lebens fort, das gemeinsam mit Christus gelebt wird.

Deshalb können wir selbst mitten im Kampf Frieden haben, mitten im Leiden Hoffnung und auch dann Mut, wenn die Zukunft unsicher erscheint. Nicht weil wir stark sind, sondern weil unser Herr ĂŒberwunden hat.

Und wenn du heute Christus gehörst, dann erinnere dich an die Verheißung dieses Verses: Dein Sieg beruht nicht auf dem, was du fĂŒr Gott tun kannst, sondern auf dem, was Gott durch den Herrn Jesus Christus fĂŒr dich getan hat.

Möge diese Hoffnung uns jeden Tag begleiten und uns helfen, bis ans Ende treu zu bleiben, indem wir unaufhörlich auf Den blicken, der uns geliebt, Sich Selbst fĂŒr uns hingegeben und fĂŒr immer gesiegt hat.

Bis zum nĂ€chsten Mal wĂŒnschen wir dir nur eines:

Möge die Gnade Gottes auch dich motivieren – wo immer du bist, was immer du erlebst und wie schwer oder schön dein Weg auch sein mag.

Alles Gute, lieber Mensch.

Mit Liebe, Petru und Adriana von Har & Motivație.

Amen!

Episode 28 ✹ Offenbarung 8 – Wenn Gott schweigt 🙏

Petru & Adriana

Text auf Deutsch lesen

Offenbarung 8 – Wenn Gott schweigt

Einleitung

Herzlich willkommen zu einer neuen Episode von Har & Motivation | Petru & Adriana Podcast.

In den vergangenen zwei Episoden sind wir gemeinsam in das Buch der Offenbarung eingetreten und haben entdeckt, dass es in diesem Buch nicht in erster Linie um das Ende der Welt geht, sondern um Jesus Christus. Wir haben Ihn so betrachtet, wie Gott Ihn uns auf den Seiten dieses Buches offenbart. Anschließend haben wir die sieben Briefe an die Gemeinden in Kleinasien betrachtet. Wir haben einen Herrn gesehen, der jedes Herz kennt, der die Treue sieht, der in Liebe zurechtweist, den Gefallenen aufrichtet und die Menschen immer wieder nĂ€her zu Sich ruft.

Heute gehen wir weiter und kommen zu einem Vers, der zwar nur aus wenigen Worten besteht, im Laufe der Zeit jedoch unzÀhlige Fragen hervorgerufen hat. Wenn man ihn zum ersten Mal liest, könnte man beinahe meinen, dass er nicht viel aussagt. Doch je lÀnger man bei diesem Vers verweilt, desto mehr erkennt man, dass sich darin eine Tiefe verbirgt, die nur schwer zu erfassen ist.

Das Wort Gottes sagt in:

Offenbarung 8,1

„Und als das Lamm das siebte Siegel öffnete, entstand im Himmel eine Stille, etwa eine halbe Stunde lang.“

Ein einziger Vers. Ein einziges Bild. Und eine Stille, die seit beinahe zweitausend Jahren die Aufmerksamkeit der GlÀubigen auf sich zieht.

Über diese Stille werden wir in der heutigen Episode sprechen. Im Laufe der Zeit wurden viele ErklĂ€rungen fĂŒr diesen Vers vorgeschlagen, und es ist durchaus möglich, dass noch weitere hinzukommen werden. Wir möchten jedoch all diese Auslegungen fĂŒr einige Augenblicke beiseitelassen und uns eine viel wichtigere Frage stellen: Was möchte Gott uns durch diese Stille sagen? Ich glaube, dass die Antwort auf diese Frage unseren Seelen viel mehr helfen kann als jede Diskussion ĂŒber Einzelheiten, die uns die Heilige Schrift nicht erklĂ€rt.

Vorstellung der Episode

Der Vers, den wir gerade gelesen haben, kennzeichnet einen besonderen Augenblick im Verlauf des Buches der Offenbarung. Bis zu diesem Punkt hat Johannes viele außergewöhnliche Dinge gesehen. Er sah den Herrn Jesus in Seiner ganzen Herrlichkeit, hörte die Botschaften an die sieben Gemeinden, sah den Thron Gottes und die Anbetung im Himmel. Danach sah er das Lamm Gottes, das nacheinander die sieben Siegel der Schriftrolle öffnete.

Als es jedoch zum siebten Siegel kommt, geschieht etwas Unerwartetes. Es folgt keine neue Offenbarung, keine Stimme ist zu hören und kein neues Bild erscheint. Stattdessen sagt die Bibel ganz einfach: „Im Himmel entstand eine Stille, etwa eine halbe Stunde lang.“

Dies ist einer der kĂŒrzesten Verse in der gesamten Vision des Johannes und zugleich einer der geheimnisvollsten. Gerade deshalb wurde dieser Vers im Laufe der Zeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und verschieden ausgelegt.

Bevor wir uns jedoch nĂ€her damit beschĂ€ftigen, sollten wir uns daran erinnern, dass nicht die LĂ€nge eines Textes seine Bedeutung bestimmt. Manchmal sagt Gott mit sehr wenigen Worten sehr viel. Und dies ist eine jener Stellen der Heiligen Schrift, die uns dazu einladen, langsam zu lesen, darĂŒber nachzudenken und aufmerksam auf das zu hören, was Gott uns offenbaren wollte.

Übergang zur Botschaft der Episode

All diese Auslegungen versuchen, eine natĂŒrliche Frage zu beantworten: Warum entstand im Himmel diese Stille? Es ist verstĂ€ndlich, dass die Menschen nach einer Antwort suchen. Doch wenn Gott Sich dafĂŒr entschieden hat, nur wenig darĂŒber zu sagen, sollten auch wir nicht mehr sagen, als die Heilige Schrift sagt.

Deshalb möchte ich den bereits erwĂ€hnten Auslegungen keine weitere hinzufĂŒgen. Stattdessen möchte ich diesen Vers aus einer anderen Perspektive betrachten.

Neben der Frage „Warum herrschte Stille?“ sollten wir uns, so glaube ich, noch eine andere Frage stellen: „Was möchte Gott uns durch diese Stille lehren?“

Ich glaube nicht, dass der Heilige Geist diesen Vers nur deshalb in die Heilige Schrift aufgenommen hat, um unsere Neugier zu wecken. Ich glaube, Er hat ihn dort hinterlassen, weil sich hinter der Stille im Himmel eine Wahrheit verbirgt, die zu jedem von uns sprechen kann.

Wenn ich diesen Vers betrachte, bleiben meine Gedanken deshalb nicht bei diesen dreißig Minuten der Stille stehen. Meine Gedanken gehen zu dem Gott, der in der gesamten Heiligen Schrift oftmals gesprochen, Sich aber manchmal auch dafĂŒr entschieden hat zu schweigen. Nicht weil Er Sein Volk verlassen hĂ€tte. Nicht weil Er aufgehört hĂ€tte zu wirken. Sondern weil auch Sein Schweigen zu der Art und Weise gehört, wie Gott im Leben der Menschen wirkt.

Die Botschaft der Episode

Als ich diesen Vers auf diese Weise betrachtete, wurde mir bewusst, dass Gott Sich den Menschen nicht nur durch die Worte offenbart, die Er spricht. Er offenbart Sich auch durch Sein Schweigen. FĂŒr uns ist Schweigen hĂ€ufig nur schwer zu verstehen. Wir sind daran gewöhnt, Antworten, ErklĂ€rungen und sofortige Eingriffe zu erwarten. Wenn diese ausbleiben, ist unser erster Gedanke oft, dass Gott uns nicht mehr hört oder dass Ihm gleichgĂŒltig geworden ist, was wir durchleben.

Doch die Heilige Schrift zeigt uns einen Gott, der niemals aufhört zu wirken – auch dann nicht, wenn Er schweigt. Sein Schweigen bedeutet nicht, dass Seine Gegenwart fehlt. Es bedeutet nicht, dass Er Seinen Blick von Seinen Kindern abgewandt hat, und auch nicht, dass Sein Plan zum Stillstand gekommen ist. Oftmals wirkt Gott gerade dann am tiefsten, wenn der Mensch den Eindruck hat, dass nichts geschieht.

Eines der bekanntesten Beispiele finden wir in der Zeit zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Nachdem Gott durch die Propheten gesprochen hatte, folgte eine Zeit von beinahe vierhundert Jahren, in der die Heilige Schrift von keinem weiteren Propheten berichtet, der von Ihm gesandt wurde. FĂŒr viele schien es, als wĂŒrde der Himmel schweigen. Doch wĂ€hrend dieser ganzen Zeit bereitete Gott einen der wichtigsten Augenblicke in der Geschichte der Menschheit vor: das Kommen des Herrn Jesus Christus in diese Welt.

Ich sage nicht, dass dies die ErklĂ€rung fĂŒr die Stille in der Offenbarung ist. Die Bibel sagt das nicht, und auch ich möchte nicht mehr sagen, als sie uns sagt. Doch dieser Augenblick in der Heilsgeschichte erinnert mich daran, dass Gott auch dann wirkte, als die Menschen Seine Stimme nicht mehr hörten. Und wenn Er es damals getan hat, haben wir allen Grund zu glauben, dass Er es auch heute tut.

Dieselbe Wahrheit erkennen wir auch im Leben Josefs. Gott sprach bereits in seiner Jugend durch TrĂ€ume zu ihm und offenbarte ihm den Plan, den Er mit ihm hatte. Doch zwischen der empfangenen Verheißung und ihrer ErfĂŒllung lagen schwere Jahre. Josef wurde von seinen BrĂŒdern verkauft, weit weg von seinem Zuhause gebracht, zu Unrecht beschuldigt und ins GefĂ€ngnis geworfen. Die Heilige Schrift berichtet uns nicht, dass Gott wĂ€hrend all dieser Jahre erneut zu ihm gesprochen hĂ€tte. Und dennoch war jeder einzelne Schritt ein Teil Seines Plans. WĂ€hrend Josef den Eindruck haben konnte, von den Menschen vergessen worden zu sein, bereitete Gott den Tag vor, an dem Er ihn erhöhen und durch ihn ein ganzes Volk retten wĂŒrde.

Ähnlich war es bei Abraham. Gott gab ihm eine Verheißung, der Abraham von ganzem Herzen glaubte. Doch ihre ErfĂŒllung kam weder am nĂ€chsten Tag noch im folgenden Jahr. Viele Jahre vergingen, in denen Abraham weiter wartete. Aus menschlicher Sicht erschien die ErfĂŒllung der Verheißung immer unmöglicher. Doch Gottes Schweigen bedeutete nicht, dass Gott Sein Wort vergessen hatte. Als die von Ihm bestimmte Zeit gekommen war, wurde Isaak geboren – genau so, wie der Herr es versprochen hatte.

Ich musste dabei an einen Lehrer denken, der seine SchĂŒler monatelang unterrichtet. Er erklĂ€rt ihnen alles, beantwortet ihre Fragen, korrigiert sie, wenn sie Fehler machen, und ermutigt sie weiterzumachen. Dann kommt der Tag der PrĂŒfung. Plötzlich schweigt der Lehrer. Nicht weil ihm seine SchĂŒler gleichgĂŒltig geworden wĂ€ren und auch nicht, weil er sie verlassen hĂ€tte. Er schweigt, weil nun der Augenblick gekommen ist, in dem jeder zeigen muss, was er gelernt hat.

Ich glaube, dass Gott in gewisser Weise manchmal auch so mit uns handelt. Nachdem Er durch Sein Wort zu uns gesprochen, uns gefĂŒhrt, unterrichtet und unseren Glauben gestĂ€rkt hat, kommen auch Zeiten, in denen Seine Stimme weniger deutlich zu hören scheint. Nicht weil Er fortgegangen wĂ€re, sondern weil Er uns dazu aufruft, weiterhin im Glauben zu leben und uns auf das zu stĂŒtzen, was Er uns bereits gesagt hat.

Sein Schweigen ist kein Beweis dafĂŒr, dass Gott Sich von uns entfernt hat. Oftmals ist es die Art und Weise, durch die Er uns lehrt, aus Glauben zu leben und nicht allein aufgrund dessen, was wir sehen oder hören.

2. Korinther 5,7:
„Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“

Die Anwendung

Ich glaube, dass jeder von uns solche Zeiten bereits erlebt hat oder noch erleben wird. Zeiten, in denen wir beten und die Antwort auf sich warten lĂ€sst. Wir lesen die Heilige Schrift, doch die Verse, die wir frĂŒher mit Freude gelesen haben, scheinen nicht mehr dieselbe Kraft auf unser Herz auszuĂŒben. Wir schauen uns um und verstehen nicht, warum Gott nicht eingreift, obwohl wir wissen, dass Er die Macht dazu besitzt.

In solchen Augenblicken besteht die grĂ¶ĂŸte Versuchung nicht im Leiden selbst, sondern in dem Gedanken, dass Gott nicht mehr wirkt. Der Teufel weiß, dass unser Glaube schwĂ€cher werden wird, wenn es ihm gelingt, uns davon zu ĂŒberzeugen. Gerade deshalb mĂŒssen wir uns in solchen Zeiten nicht an das erinnern, was wir fĂŒhlen, sondern an das, was wir ĂŒber Gott wissen.

Gott verĂ€ndert Sich nicht, wenn Er schweigt. Er bleibt derselbe Gott, der in den Tagen bei uns war, in denen Er deutlich zu uns gesprochen hat. Er bleibt Seinen Verheißungen treu, auch wenn wir nicht verstehen, was Er tut. Sein Schweigen verĂ€ndert Seinen Charakter nicht.

Ich glaube, einer der schönsten Beweise des Glaubens besteht darin, weiterzubeten, obwohl man die erwartete Antwort noch nicht erhalten hat. Gott weiterhin zu suchen, obwohl man Seine Stimme nicht so hört, wie man es sich wĂŒnschen wĂŒrde. Weiterzugehen – nicht weil man die Lösung bereits sieht, sondern weil man Denjenigen kennt, der die Lösung in Seiner Hand hĂ€lt.

Wenn du gerade jetzt durch eine solche Zeit gehst, dann lass dich durch das Schweigen nicht zu dem Gedanken verleiten, Gott sei weit entfernt. Erinnere dich daran, dass der Gott, der in der Vergangenheit gesprochen hat, derselbe Gott ist, der auch heute wirkt. Selbst wenn unsere Augen noch nicht sehen, was Er vorbereitet, hat Seine Hand keinen einzigen Augenblick aufgehört zu wirken.

„Denn Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht Meine Wege, spricht der Herr.“
Jesaja 55,8

Schlussgedanken

Dieser Vers bleibt einer der geheimnisvollsten Verse im Buch der Offenbarung. Viele Fragen wurden dazu gestellt, und wahrscheinlich werden noch viele weitere folgen. Doch ĂŒber all den Dingen, die wir nicht wissen, bleibt eine Wahrheit bestehen, die wir mit Sicherheit kennen: Gott ist unseres Vertrauens wĂŒrdig – auch dann, wenn Er Sich dafĂŒr entscheidet zu schweigen.

Wir kommen zur Ruhe, wenn wir Antworten erhalten. Gott verfolgt jedoch ein viel tieferes Ziel als nur unsere momentane Beruhigung. Er möchte in uns einen Glauben formen, der sich nicht allein auf das stĂŒtzt, was er sieht, fĂŒhlt oder versteht, sondern auf den Charakter Dessen, der versprochen hat, uns niemals zu verlassen.

Wenn du heute durch eine Zeit gehst, in der du den Eindruck hast, der Himmel schweige, dann vergiss nicht: Gottes Schweigen bedeutet nicht, dass Gott abwesend ist. Der Gott, der durch die Propheten gesprochen hat, der Gott, der Seinen Sohn zur bestimmten Zeit in diese Welt sandte, und der Gott, der weiterhin die Geschichte lenkt, ist derselbe Gott, der auch ĂŒber deinem Leben wacht.

Vielleicht werden wir eines Tages verstehen, warum Gott Sich dafĂŒr entschieden hat, diese Stille auf den Seiten der Offenbarung festzuhalten. Bis dahin glaube ich jedoch, dass ihre Botschaft stark genug ist, um uns zu ermutigen, treu zu bleiben.

Denn Gott hört nicht auf zu wirken, wenn Er schweigt. Und der wahre Glaube lernt, Ihm sowohl dann zu vertrauen, wenn er Seine Stimme hört, als auch dann, wenn er in der Stille auf die ErfĂŒllung Seines Plans wartet.

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